Seit dem 1. April dürfen Erwachsene in Deutschland legal Cannabis rauchen. Wir haben junge Menschen in Stuttgart gefragt, welche Erfahrungen sie machen – und welche Risiken sie sehen.
Die Teillegalisierung von Cannabis hat vor allem eines bewirkt: Die Menschen reden offen über das Thema. Darüber, wo sie den Stoff herbekommen, was sie dafür zahlen und vor allem, wie sie sich fühlen, nachdem sie einen Joint geraucht haben. „Entspannt und lustig, aber nicht aggressiv“, sagt ein Schüler der Robert-Mayer-Schule. Für ihn und seine Freunde sei Cannabis zwar „kein Alltag, aber eine Regelmäßigkeit“. An Wochenenden und manchmal auch zum Feierabend gehöre der Joint dazu. „Und wenn dann noch ein paar Kollegen dabei sind, dann wird es noch witziger“, sagt der junge Mann. Mindestens die Hälfte in seiner Klasse würde regelmäßig kiffen.
Cannabis sei in der Breite der Gesellschaft angekommen, bestätigt Faruk Özkan von der Suchtberatungsstelle Release. An diesem Vormittag ist er zusammen mit seinem Kollegen Dennis Jahnke mit einem Infostand vor der Robert-Mayer-Schule, einer Berufsschule in Stuttgart-West. 4,5 Millionen Erwachsene hatten nach einer Erhebung im Jahr 2021 in den zwölf Monaten zuvor wenigstens einmal Cannabis konsumiert, schreibt das Bundesministerium für Gesundheit auf seiner Internetseite. Nicht alle würden regelmäßig kiffen, für manche sei die Droge auch ein Genussmittel, ergänzt Faruk Özkan. Am Ende von Partys werde sie außerdem genommen, um runterzukommen, weiß er aus seinen Beratungsgesprächen.
„Junge Menschen probieren es aus, weil sie neugierig sind. Sie tun das häufig in der Gruppe und mit einer positiven Erwartungshaltung. Sie wollen sich hinterher gut fühlen.“ Das Ausprobieren allein sei nicht schlimm, viel mehr sei es eine Erfahrung. „Was dann daraus wird, das hängt unter anderem ab vom Lebenslauf, dem sozialen Umfeld, der Sozialisation“, sagt Faruk Özkan.
Diese Auswirkungen kann Cannabis-Konsum haben
Wer regelmäßig Cannabis konsumiert, schadet seinem Körper und kann abhängig werden. Das Bundesministerium für Gesundheit informiert über mögliche Nebenwirkungen. So können Angst- und Panikgefühle, Orientierungslosigkeit, verminderte Reaktionsfähigkeit, Erinnerungslücken, depressive Verstimmung, Herzrasen, Übelkeit, Schwindel und Halluzinationen auftreten. Länger andauernder Konsum kann Depressionen und Psychosen verursachen. Junge Menschen sind besonders gefährdet. Denn Cannabis kann die Entwicklung des Gehirns stören, die erst mit etwa 25 Jahren abgeschlossen ist.
Ist das den Berufsschülern bewusst? Sie winken lässig ab. Informiert haben sie sich schon und beispielsweise Erfahrungsberichte im Internet gelesen. Daher wissen sie auch bestens darüber Bescheid, wie man Cannabis anbaut und was dabei legal ist und was nicht. Mehrere Schüler haben eigene Pflanzen. Stolz zeigen sie die aktuellen Fotos auf ihren Handys. Die Samen haben sie online bestellt. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einen grünen Daumen habe“, sagt einer der Schüler und fügt lachend hinzu: „Es ist besser, sein eigenes Zeug anzubauen, dann weiß man, was man hat.“ Etwa drei Monate dauere es, bis man ernten und die Blätter weiterverarbeiten könne. Und woher bekommen die Schüler ihren Stoff bis dahin? „Auf der Straße, im Park, man kennt jemanden, der jemanden kennt“, antworten sie. Auch vor der Teillegalisierung sei das kein Problem gewesen.
Cannabis-Clubs sind für die Berufsschüler keine Option
Seit dem 1. Juli dieses Jahres ist der Stoff auch in sogenannten Cannabis Social Clubs (CSC) zu bekommen. Laut Gesundheitsministerium ist ihr Zweck „der gemeinschaftliche, nicht gewerbliche Eigenanbau und die Weitergabe von Cannabis, Samen und Stecklingen für den Eigenkonsum“. Für die Berufsschüler sind sie aber keine Option. „Viel zu teuer“, so ihre Meinung. Doch Cannabis-Clubs setzen sich für hochwertiges und geprüftes Material ein. Auf der Straße weiß man nicht, was man bekommt. Für die jungen Menschen scheint das aber eine untergeordnete Rolle zu spielen.
„Cannabis ist auf alle Fälle ein Thema unter den Schülern“, sagt Christine Metzger. Als Lehrerin und Präventionsbeauftragte an der Robert-Mayer-Schule ist es ihr wichtig, über Drogen und Sucht aufzuklären. Sie lässt diese Themen regelmäßig in ihren Religionsunterricht einfließen und hat zusammen mit dem Präventionsteam an ihrer Schule den Termin mit Release organisiert: um die Schüler für die Gefahren zu sensibilisieren, die ein regelmäßiger Cannabis-Konsum mit sich bringt, um die Suchtberatungsstelle bekannter zu machen und um über die neue Gesetzeslage zu informieren. „Es ist toll, dass die Schüler hier all ihre Fragen stellen können“, sagt die Lehrerin. Die Release-Mitarbeiter kommen bei den Schülern gut an, sprechen mit ihnen auf Augenhöhe, informieren, ohne zu verurteilen.
Für Faruk Özkan sind solche Termine ein „ganz wichtiger Baustein“. Vor allem aber wünscht er sich, dass das Thema Sucht noch mehr Raum im Unterricht bekommt. Dabei denkt er nicht nur an Drogen-, sondern zum Beispiel auch an Mediensucht. Ein Infostand vor einer Schule an einem Vormittag sei zwar ein Anfang, aber das allein sei noch nicht nachhaltig. Um noch breiter zu informieren, wolle auch Release noch mehr in die Offensive gehen, in der Öffentlichkeit präsent sein und mit den jungen Menschen ins Gespräch kommen.
Teillegalisierung von Cannabis
Verfahren
Der Deutsche Bundestag hat am 23. Februar 2024 das Gesetz zum kontrollierten Umgang mit Cannabis beschlossen. Der Bundesrat hat dieses am 22. März 2024 beraten und gebilligt. Das Gesetz ist, mit Ausnahme der Regelungen zu Anbauvereinigungen und zur Tilgung von Einträgen im Bundeszentralregister, am 1. April 2024 in Kraft getreten. Seitdem dürfen Erwachsene in Deutschland legal Cannabis rauchen. Die Regelungen zum Eigenanbau in Anbauvereinigungen sind am 1. Juli 2024 in Kraft getreten. Am 1. Januar 2025 treten die Regelungen zur Tilgung von Einträgen im Bundeszentralregister in Kraft.
Regelungen
Erwachsene dürfen bis zu 25 Gramm getrocknetes Cannabis mit sich führen. Zudem dürfen Erwachsene an ihrem Wohnsitz bis zu drei Cannabispflanzen gleichzeitig anbauen und zu Hause bis zu 50 Gramm getrocknetes Cannabis lagern.