Émeric Beautier im Gewächshaus in Österreich Foto: privat

Viele wollen legal kiffen – doch die Bürokratie macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Cannabis-Pionier Émeric Beautier warnt: Clubs könnten scheitern, bevor sie überhaupt starten.

Die Legalisierung von Cannabis ist beschlossene Sache – doch mit der Umsetzung hakt es. Émeric Beautier, Vorstand des Anbauvereins Elevate Cannabis Club Remstal und Mitglied des Vorstands im Landesverband Cannabis Anbauvereinigungen Baden-Württemberg, spricht über politische Hürden, bürokratische Bremsen und die Gefahr, dass der Schwarzmarkt weiter floriert.

 

Herr Beautier, die CDU hat angekündigt, das Cannabis-Gesetz wieder rückgängig machen zu wollen. Besorgt Sie das?

Nein, ich sehe das ziemlich entspannt. Friedrich Merz hat schon vieles versprochen, das er nicht gehalten hat – ich sage nur: Schuldenbremse. Die Rückabwicklung eines Gesetzes ist kompliziert, langwierig und braucht politische Mehrheiten, die ich aktuell nicht sehe. Zudem ist die SPD als Regierungspartnerin eine treibende Kraft hinter der Legalisierung. Sie hat das Gesetz durchgesetzt und wird es nicht so einfach wieder kippen lassen.

Das heißt, Sie sehen keine Gefahr für die Cannabis-Anbauvereine?

Kurzfristig nicht. Die eigentliche Bedrohung ist nicht die Politik, sondern die Bürokratie. Die Hürden, die für Anbauvereine geschaffen wurden, sind enorm. Genehmigungen dauern Monate, die Behörden fordern eine absurde Detailtiefe in den Anträgen – besonders in der darzulegenden Kostenrechnung. Mit dieser wollen die Behörden sicherstellen, dass die Vereine keine Gewinnerzielungsabsicht verfolgen. Vereine können ihre Kosten jedoch im Vorhinein nicht beziffern, da die Cannabis-Produktion bisher illegal war und insofern keine Erfahrungswerte bestehen. Darüber hinaus könnte die Gewinnerzielungsabsicht von Finanzämtern kontrolliert werden, anstatt Vereine mit realitätsfernen Kalkulationen zu konfrontieren.

Die Anbauvereine hoffen auf Genehmigungen und gute Ernte. Foto: privat

Seit wenigen Tagen gibt es nun einen Dachverband.

Ja, um die Clubs in dieser schwierigen Anfangsphase zu unterstützen, wurde ein bundesweiter landesweiter Dachverband, der Landesverband Cannabis Anbauvereinigungen Baden-Württemberg, gegründet, der sich für einheitliche Standards und eine stärkere politische Interessenvertretung einsetzt. Ich selbst bin dort als Vorstand für Anbautechnologie und Kultivierung tätig.

Wie sieht die Struktur Ihres eigenen Anbauvereins aus?

Unsere Ausgabestelle wird in Winterbach sein – in einem umgebauten Container, der an einer Freifläche im Gewerbegebiet direkt an der B 29 steht. Dort sollen Mitglieder ihr Cannabis in einem geregelten Rahmen abholen können. Der Anbau selbst erfolgt zwischen Aalen und Schwäbisch Gmünd. Die genaue Adresse geben wir aus Sicherheitsgründen nicht bekannt.

Wie lange dauert es denn, bis ein Anbauverein tatsächlich loslegen kann?

Das Gesetz sieht eine Bearbeitungszeit von drei Monaten vor. In der Realität warten die Vereine jedoch acht bis neun Monate auf ihre Lizenz. Das ist wirtschaftlich ruinös. Viele geben vorher auf, weil sie beispielsweise die Miete für ihre Hallen nicht mehr bezahlen können. Ich rechne damit, dass unsere eigene Lizenz frühestens im August erteilt wird – und das nur, wenn es keine weiteren Verzögerungen gibt. Das ist ein enormer Zeitverlust, der viele Vereine an den Rand der Existenz bringt. Dabei bräuchten wir dringend mehr Anbauvereine, um den Schwarzmarkt auszutrocknen.

Eine provokante Frage: Werden Sie mit dem Cannabis-Anbau reich?

Definitiv nicht. Die Gesetzgebung ist so angelegt, dass Anbauvereine keinen Gewinn erwirtschaften dürfen. Wir sind als nicht gewinnorientierter Verein organisiert, das heißt, alle Einnahmen müssen entweder die Produktionskosten decken oder in den Verein reinvestiert werden. Ich bekomme für meine Arbeit als Vorstand voraussichtlich maximal eine Minijob-Vergütung, weil höhere Gehälter vom Regierungspräsidium nicht zugelassen werden, obgleich es keinen derartigen Passus im Gesetz gibt. Mindestens sechs Vereine haben gegen diese, unserer Meinung nach unzulässige Praxis des Regierungspräsidiums Freiburg Klage eingereicht.

Wird der Schwarzmarkt mit der Legalisierung verschwinden?

Nicht komplett, aber wir könnten ihn massiv eindämmen. Dafür müssten die Vereine aber zügig an den Start kommen. Wenn wir uns die Zahlen anschauen: In Baden-Württemberg gibt es Umfragen zufolge schätzungsweise 720 000 Konsumenten. Um sie alle legal zu versorgen, bräuchten wir rund 1440 Clubs. Aktuell gibt es 15. Da muss niemand ein Rechengenie sein, um zu erkennen, dass die Nachfrage den legalen Markt übersteigt.

Aber es gibt ja noch die Apotheken und den Eigenanbau.

Ja, aber das reicht nicht aus. Der Eigenanbau ist für viele zu kompliziert, medizinisches Cannabis nicht für jeden zugänglich. Die Clubs sind die realistischste Alternative für den Normalverbraucher. Sie ermöglichen sicheren Zugang, klare Qualitätsstandards und verhindern Pestizide oder Streckmittel wie Glaspulver, die im Schwarzmarkt vorkommen.

Sie sprechen von Qualitätssicherung. Wie wird das konkret sichergestellt?

Das Gesetz legt den Vereinen auf, ihr Cannabis vor der Abgabe beproben zu lassen. Darüber hinaus setzen wir uns im Dachverband für ein Gütesiegel ein. Das bedeutet klare Standards für Anbau, Verarbeitung und Lagerung. Wir wollen, dass die Konsumenten wissen: Wenn ein Club Mitglied im Verband ist, kann man sich auf die Qualität verlassen.

Trotzdem bleibt Cannabis ein Rauschmittel. Wie begegnen Sie Eltern, die sich Sorgen um ihre Kinder machen?

Ihre Sorge ist absolut berechtigt. Junge Gehirne reagieren empfindlich auf Cannabis, genauso wie auf Alkohol. Deshalb ist es wichtig, offen über Risiken zu sprechen. Die Clubs dürfen keine Mitglieder unter 18 aufnehmen, die Abgabe ist streng reguliert. Ein Schwarzmarkt-Dealer fragt nicht nach dem Ausweis. Wir hingegen müssen bei jeder Abgabe die Identität prüfen.

Wie lautet Ihr Fazit nach den ersten Monaten der Legalisierung?

Deutschland ist mit diesem Gesetz europäischer Vorreiter. Das ist ein riesiger Fortschritt. Aber wir müssen jetzt aus der Theorie raus und in die Praxis kommen. Die Lizenzvergabe muss schneller gehen. Wenn wir den legalen Markt nicht in Schwung bringen, wird der Schwarzmarkt weiter florieren – und dann haben wir nichts gewonnen.

Lebenslauf

Vita
Émeric Beautier ist 33 Jahre alt, geboren in Frankreich, Doppelmaster im Maschinenbau (INSA Lyon + KIT Karlsruhe), sieben Jahre beschäftigt bei der Robert Bosch GmbH in der Automobilbranche (Leitung von 20 Ingenieuren und 20 Millionen Euro Budget in der Produktion), seit 2022 selbstständig in der CBD- & Samen-Produktion in Österreich, seit 2023 Geschäftsführer der Ahune GmbH, die technische und organisatorische Beratung für Cannabis-Produzenten bietet.