Cannabis ist vornehmlich als Rauschmittel bekannt, doch Extrakte der Heilpflanze können – verarbeitet als Therapeutika – vielen schwer kranken Menschen Linderung bringen. Foto: dpa

Cannabis kennen viele nur als Droge. Doch es gibt mehrere Medikamente, die Cannabis als Therapeutikum enthalten. Experten aus Wissenschaft und Schmerz-Medizin sehen darin große Therapiemöglichkeiten für chronisch wie auch psychisch kranke Patienten.

Hannover/Potsdam - Für viele seiner Patienten ist Knud Gastmeier so etwas wie die letzte Hoffnung: Da ist beispielsweise dieser ältere Mann, der an extremen Cluster-Kopfschmerzen leidet. Sämtliche Therapeutika schlugen kaum an oder hatten so starke Nebenwirkungen, dass die Schmerzen abnahmen – dafür aber andere Probleme auftraten: Schwindel, Orientierungsschwierigkeiten, Übelkeit. Gastmeier verschreibt ihm Dronabinol, ein Cannabis-Präparat. Seitdem geht es dem Mann wieder gut. Von diesen Tropfen profitieren auch Krebspatienten, die Gastmeier betreut: Nach der Chemotherapie können viele keine Nahrung zu sich nehmen, sagt Gastmeier. Sie nehmen bedrohlich an Gewicht ab. „Cannabis kann sie vor dem Verhungern bewahren.“

Nur wenige Ärzte sind beim Thema Cannabis als Medikament so offen wie der Potsdamer Schmerz- und Palliativmediziner Gastmeier, der seit Jahren dafür kämpft, dass Cannabis-Präparate für medizinische Zwecke vermehrt zugelassen werden. Stattdessen gibt es Berührungsängste mit der Pflanze, die eher als Rauschmittel denn als Heilmittel bekannt ist. „Viele haben die Sorge, dass sich bei der Therapie mit Cannabis-Medikamenten die Behandlung mit einer möglichen Sucht vermischt“, so Gastmeier.

Die Krankenkassen lehnen zum Großteil eine Kostenübernahme ab

Anders als in vielen Staaten der USA, in Großbritannien, Kanada, Israel oder in den Niederlanden gilt Cannabis in Deutschland als illegales Suchtmittel. Besitz, Anbau und Handel sind verboten. Selbst Cannabis-Produkte, die als Therapeutika hergestellt werden, sind bis auf eine Ausnahme nicht als Arzneimittel zugelassen. Wird die Kostenübernahme für die Medikamente von der Krankenkasse aufgrund der fehlenden Zulassung abgelehnt, können die Patienten eine Ausnahmegenehmigung zur Selbsttherapie mit Cannabis bei der Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte einholen. Das berechtigt sie zum Kauf eines Cannabis-Extrakts in der Apotheke. Bundesweit haben nach Angaben des Bundesinstituts 371 Patienten diese Erlaubnis, getrocknete Blüten oder Blätter der Pflanze zu kaufen. Das ist nicht gerade billig: Legales Cannabis kostet um die 120 Euro pro fünf Gramm. Für das Medikament Dronabinol sind zwischen 400 und 500 Euro im Monat aufzubringen. „Hier findet eine Zweiklassenmedizin statt, weil sich viele Menschen diese teuren Präparate nicht leisten können“, sagt Gastmeier.

Der Schmerzexperte weiß, dass ein Teil seiner Patienten auf illegales Marihuana zurückgreift. „Als Arzt bin ich natürlich dafür, dass Patienten medizinisches Cannabis zu sich nehmen, von dem man die Wirkstoffmenge und -konzentration kennt und somit auch die Dosierung steuern kann“, sagt er. Bei natürlichen Produkten – sei es vom Schwarzmarkt oder aus Eigenanbau – habe man diese Kontrolle nicht. „Allerdings sind viele Patienten aufgrund der jetzigen Gesetzeslage zu einer riskanten und illegalen Selbstmedikation gezwungen.“

Bislang übernehmen die Krankenkassen nur ein einziges Arzneimittel auf Basis von Cannabis, und das ist ausschließlich für die Behandlung der Spastik bei multipler Sklerose gedacht. Das soll sich nun nach dem Willen der Bundesregierung ändern: So hat die Koalition am Dienstag beschlossen, dass es schwer kranken Patienten ab 2016 erleichtert werden soll, an medizinische Cannabis-Präparate zu kommen, die dann auch von der Krankenkasse ersetzt werden.

Experten halten Cannabis für eine gute Ergänzung des therapeutischen Spektrums

Nicht nur für niedergelassene Schmerztherapeuten wie Knud Gastmeier, sondern auch für Cannabis-Experten aus der Forschung wie Kirsten Müller-Vahl war diese Grundsatzentscheidung längst überfällig. „Es ist ja grundsätzlich fragwürdig, warum mit Cannabis-Medikamenten so anders verfahren wird“, sagt die Psychiaterin, die die heilsame Wirkung der Cannabis-Pflanze an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erforscht – etwa bei der Behandlung des Tourette-Syndroms, einer neuropsychiatrische Erkrankung, bei der die Betroffenen zu unwillkürlichen., meist plötzlich einschießende Bewegungen neigen.

„Es gibt viele Behandlungen mit Medikamenten, die selbstverständlich von den Kassen übernommen werden, obwohl diese Medikamente ursprünglich für eine ganz andere Therapie zugelassen worden sind.“ Bei Cannabis-Präparaten machen die Kassen dagegen erstaunlich oft von ihrem Recht auf Ablehnung Gebrauch, so die Erfahrung von Müller-Vahl. Dabei hat sich bei ihrer Tourette-Forschung gezeigt, dass Betroffene – bei denen herkömmliche Medikamente nicht greifen – über eine Abnahme von Tics berichteten, wenn sie Cannabis konsumiert hatten. Weshalb die Psychiaterin Cannabis als eine „gute Ergänzung unseres therapeutischen Spektrums“ ansieht.

Die befürchtete Rauschwirkung und auch der Suchtfaktor, die der Konsum von Cannabis mit sich bringen kann, werden von Experten wie Matthias Karst, Leiter der Schmerzambulanz der MHH, als kein großes Hindernis angesehen: „Zum einen ist es nicht das Ziel der Patienten, in Rausch zu geraten, sondern ihr Leiden zu mindern.“ Hinzu kommt, dass es natürlich eines medizinischen Screenings bedarf: Dabei wird nicht nur geprüft, ob andere Therapeutika komplett ausgeschlossen werden können, sondern auch, ob der Betroffene über eine gewisse Suchtneigung verfügt. „Ist das der Fall, wird generell von einer Behandlung mit Medikamenten, von denen eine Suchtgefahr ausgehen könnte, abgesehen“, sagt Karst.

Apotheken haben oft Schwierigkeiten, Cannabis zu liefern

Noch hat sich die Bundesregierung nicht dazu geäußert, wie sie den Zugang zu Cannabis erleichtern möchte. Dabei gibt es noch einige Hürden zu bewältigen, wie die Expertin Müller-Vahl bestätigt: Weil in Deutschland der Anbau von Cannabis verboten ist, beziehen die Apotheken ihr medizinisches Kraut von einem Unternehmen mit Sitz in den Niederlanden, wobei es immer wieder zu Lieferschwierigkeiten kommt. „Es wäre daher wünschenswert, die Versorgung sicherzustellen.“ Zudem braucht es mehr Studien, um die Wirksamkeit einer Cannabis-Therapie bei verschiedenen Krankheitsbildern zu überprüfen – und eine schnelle Zulassung herbeizuführen. „Es muss klar sein, dass es hier um Patienten mit schweren chronischen Erkrankungen geht, die austherapiert sind oder bei denen herkömmliche Medikamente wirkungslos sind und man medizinisch belegen kann: Hier hilft nur Cannabis“, sagt Müller-Vahl. Diese Menschen sollten dann auch Cannabis zu sich nehmen dürfen.

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