Candice Breitz macht Fans zu Beteiligten ihrer Porträtserie „Monuments“ – unsere Abbildung zeigt die Arbeit „Grateful Dead Monument“ Foto: © White Cube, London

Im  Kunstmuseum Stuttgart:  Das Werkpanorama „Bonanza“ der südafrikanischen Videokünstlerin Candice Breitz setzt sich mit der Rolle der medialen Rollenvermittlung auseinander.

Stuttgart – Einige Wochen ist Candice Breitz schon in Stuttgart. Im Kunstmuseum ist von diesem Samstag an die bisher umfangreichste Schau zu ihrem Werk zu ­sehen. Und auch, wenn das Konzept ­lange schon geklärt ist, geht es vorab immer wieder um neue Details. ­Details, die über die Wirkung einer Arbeit entscheiden – und damit über die Wirkung der Ausstellung an sich. Einer Schau zur Frage der eigenen Identität – und damit zu dem ­Thema, ob und inwieweit Identität konstruiert wird.

Candice Breitz

Eine Tag vor der Eröffnung am Freitagabend ist Candice Breitz, seit der Biennale ­Venedig 2005 international gefeiert, ­fertig und bereit für die Vorbesichtigung der Schau. Im Foyer des Kunstmuseums versammeln sich Kritiker und ­Fotografen. Fast unge­sehen hält sich Breitz am Rand – aufmerksam wie immer, ein höfliches ­Lächeln, das doch ­erwartungsvoll ernsthaftes Interesse einklagt.

1972 in Johannesburg geboren und dort aufgewachsen, beginnt sie dort auch ein Studium. Nicht der Kunst, sondern der Kunstgeschichte. Bald wechselt sie in die USA, lebt von 1993 an in New York, um 2003 erneut aufzubrechen – nach Berlin. Dort lebt sie – derzeit, sollte man wohl hinzufügen. „Ich vermisse Menschen, nicht Städte“, sagt ­Candice Breitz gerne in ihren Interviews. Und so ist es wohl auch eine Professur – für Raumkonzepte – an der Kunsthochschule in Braunschweig, die das Weiterziehen hinauszögert. „Man muss weggehen“, sagt Candice Breitz ja. Im Kunstmuseum geht es nun in die Ausstellung auf den drei Stockwerken des Kubus’ am Schlossplatz in Stuttgart.

Der Star, mein Bruder

Hochglanz empfängt die Besucher – und eine Gemeinschaft in bester Laune. Es sind Fans der US-amerikanischen Heavy-Metal-Band Iron Maiden. Reale, nicht ­fiktive Fans. Anhänger, die ihre Schätze präsentieren, um ihren größten Schatz zu demonstrieren – ihr Bekenntnis zu einer Rockband, das zugleich ein Bekenntnis zu einer verbindenden wie auch die eigene Existenz stützenden Identität meint. Der Star ist mein Bruder, die Fans sind meine Schwestern und Brüder, und ich spüre, dass meine Helden auch daraus ihre Energie beziehen, diese Rolle ausfüllen zu können.

Alles bleibt Pop

Das Gefühl radikaler Unbeschwertheit der Beteiligten wie auch der Produktion dieser Arbeit aus der Serie „Monuments“ trügt nicht. Candice Breitz greift bei ihrem Antritt um 1995 in aller Breite zu. Kunsthistorisch in der Frage der Bildkonzeption der europäischen Malerei geschult, ist sie ebenso mit der Frage nach der Konstruktion von Wirklichkeit in der kanadischen Fotokunst seit den 1970er Jahren um Jeff Wall und Ken Lum vertraut wie auch mit Rollen- und Geschlechterdebatten, wie sie die US-Künstlerin Cindy Sherman initiiert. Doch wie auch die zehn Jahre ältere Schweizerin Pipilotti Rist verdichtet Candice Breitz ihr Wissen wie auch ihre Position als Künstlerforscherin nicht in mühevoller Distanzierung, sondern trägt ihr Bekenntnis heiter vor: Alles bleibt Pop.

Gesungene Porträts

Konsequent ist es denn, wenn Candice Breitz Porträts schafft, indem sie Menschen zusammenbringt, die sich für die zu porträtierende Person interessieren. In jeweils einem Raum ist im Kunstmuseum zu erleben, wie Fans des jamaikanischen Reggae-Helden Bob Marley dessen Album „Legend“ singen beziehungsweise britische Fans von John Lennon dessen Soloalbum „John Lennon/Plastic Ono Band“.

Indem die Beteiligten als Einzelne wie auch als Gesamtheit das Porträt entstehen lassen, sind sie auch selbst zu entdecken. Und mehr noch als bei „Legend (A Porträt of Bob Marley)“ wird dies in „Working Class Heroe (A Porträt of John Lennon)“ deutlich. Der „Soundtrack zur eigenen Vergangenheit“ (Breitz) bestimmt die individuelle Gegenwart. Allein diese Arbeit ist den Besuch der Ausstellung schon wert.

Tränen und Fäuste

„Mother + Father“, 2005 in Venedig gezeigt, machte Candice Breitz international bekannt. Die aus Hollywood-Kinofilmen geschnittene Video-Doppelcollage zeigt jeweils sechs bekannte US-Schauspielerinnen und US-Schauspieler. Vor schwarzem Hintergrund freigestellt, agieren sie einzig für sich und doch in einem doppelten ­Dialog – in einem imaginären mit dem ­jeweiligen Gegenüber (dessen Auftritt in einem zweiten Raum zu erleben ist) und in einem von Breitz konstruierten Zwiegespräch der Frauen beziehungsweise der Männer unter sich. Die im Rollenbild Hollywoods verstärkte Wortkargheit und Gefühlsknappheit gerät für die Männer und ihre Soli zum Fiasko. Augenrollen, Fäusteballen, verständnisloses Lachen – das war es dann schon, selbst für Dustin Hoffman.

Um wie viel mehr aber bannt Meryl Streep in den aus „Kramer gegen Kramer“ collagierten Antworten. Bis hin zu jenem Moment, in dem Breitz sich einen Anflug von Humor leistet und Streeps Tränen ebenso aus den Augen wie zurück laufen lässt. Wenn aber diese Wort-hohlen Hollywood-Väter Rollen prägen – mit welcher Wirkung? Zugleich macht Breitz deutlich, wie unverhohlen der Mythos Mutter im ­Kino fortgeschrieben wird.

Lebensbühne Ponderosa

„Ponderosa“ ist die von Kunstmuseumsdirektorin Ulrike Groos erarbeitete Schau betitelt, Reflex auf die Ranch der Familie Cartwright in der US-Kultserie „Bonanza“. Von dieser, lesbar weniger als Westernabenteuer, denn als Folge wechselnder Nahaufnahmen mit Psychogramm-Charakter, ist es tatsächlich nur ein kurzer Schritt zu einer Arbeit, in der sich Breitz Brutalität erlaubt: „Double Whitney (I Will Always Love You)“ zerlegt in den Schnitten von Breitz die Formelhaftigkeit der durch die Pop-Musik geprägten Liebesschwüre und rückt damit auch unverhohlen die Verzweiflung der Person Whitney Houston in den Blick.

Ich bin doch Ich

„Ponderosa“ ist eine Ausstellung für den mehrmaligen Besuch Allein die Interviews mit eineiigen Zwillingen („Factum“) begründen ihn, und kaum auch wird man, im besten Sinn überfordert von der Eindringlichkeit einzelner Werke wie des gesamten Auftritts von Breitz, beim ersten Besuch die von Ulrike Groos konzipierte Klammer der Schau als solche wahrnehmen.

Für „Ponderosa“ hat Breitz die im dritten Kubus-Geschoss präsentierte Videoarbeit „Love Story“ geschaffen. Überlebensgroß sitzen den Besuchern Alec Baldwin und Julianne Moore gegenüber, man hört ihren Erzählungen gerne zu, einfach so, einfach dadurch, dass man sie kennt. Baldwin und Moore erzählen die Geschichten von sechs Geflüchteten. Aber wollen wir diese Geschichten wirklich von den Geflüchteten hören? Und wenn nicht – warum hören wir bei der „Übersetzung“ durch Baldwin und Moore zu? „Love Story“ ist ein versöhnlich wirkender, doch sehr harter Kommentar zur Migrationsdebatte. Nicht weniger als jene Arbeit, mit der „Ponderosa“ eigentlich beginnt. „Alien (Ten Songs from Beyond)“, im Erdgeschoss zu sehen, zeigt Immigranten, die deutsches Liedgut intonieren. Tonspur und Person aber fallen auseinander, das Bild, das wir beim flüchtigen Hinschauen wahrnehmen, löst sich auf.

Ich bin doch ich – das ist Breitz’ Antwort auf die selbst gestellte Frage nach der Identität. Ich bin doch ich – das ist, in der bewussten Betonung und als Summe einer großartigen Ausstellung, ebenso Warnung wie Hoffnung.

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