Roberto Saviano 2011 bei einem Auftritt in Genua Foto: ANSA/dpa

Selten war Erfolg so fatal: Als Roberto Savianos Mafia-Studie „Gomorrha“ 2006 weltweit für Furore sorgte, musste er untertauchen. Zum Start der gleichnamigen Arte-Serie erzählt er über sein Leben im Untergrund und warum er die Zeit gerne zurückdrehen würde.

Herr Saviano, Sie sind nun seit fast zehn Jahren auf der Flucht vor der Mafia. Was für ein Leben ist das?
Nennen wir es mal vorsichtig ein ungeheuer kompliziertes. Vor allem der Alltag, ganz gewöhnliche Dinge, die für andere selbstverständlich sind, geraten bei mir zur Besonderheit. Man muss grundsätzlich jede Tätigkeit weit im Voraus planen, jeden kleinen Spaziergang, jedes Arbeitsessen, jede Reise, von der Arbeit mal ganz zu schweigen . . .
Ein großer Teil Ihrer Arbeit besteht darin, investigativ über die Mafia und ihre Verstrickungen zu berichten. Wie funktioniert das unter diesen Umständen?
Zunächst darf man „investigativ“ nicht damit verwechseln, als Ermittler tätig zu sein. Ansonsten lese ich Prozessakten und Mitschnitte abgehörter Telefonate, spreche mit Mitarbeitern der Polizei oder der Justiz, formuliere also meine Interpretationen.
Mit welchem Ziel?
Dem Versuch, ein Gesamtbild zu entwerfen und anhand dessen schlüssig nachzuvollziehen, was da draußen wirklich geschieht. Dazu setze ich unzählige Puzzleteile nebeneinander, die ein anderer so womöglich nicht kombinieren würde, und suche dabei nach den Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden.
Eine dieser Geschichten ist die dokumentarische Mafia-Studie „Gomorrha“, wegen der Sie 2006 letztlich abgetaucht sind. Waren Sie auch am Zustandekommen der aktuellen Serie so intensiv beteiligt wie am vorherigen Film?
Selbstverständlich, das Sujet stammt ja von mir, und ich war in allen Phasen der Arbeit am Drehbuch beteiligt. Das ist definitiv auch meine Serie.
Und sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?
Ja, unbedingt sogar. Ich finde das Ergebnis geradezu umwerfend. Die Serie ist qualitativ ungemein hochwertig und dabei kompromisslos realistisch. Aus meiner Sicht kann das Produkt mit den besten Serien weltweit mithalten – sowohl inhaltlich als auch ­dramaturgisch.
Kann so eine Fernsehserie Geschehnisse wie den Kampf gegen kriminelle Parallelgesellschaften beeinflussen?
Ich bin mir zwar nicht so sicher, ob solch eine Fernsehserie darauf wirklich konkret Einfluss nehmen kann. Sie wird aber gewiss dazu beitragen, beispielsweise die Dynamik einer derartigen Fehde zwischen rivalisierenden Clans verständlich zu machen. So könnte sie dabei helfen, dass Außenstehende ein wenig besser zu begreifen, wie kriminelle Organisationen denken, handeln und vor allem wie sie den Staat in manchen Gebieten der Welt mehr oder weniger vollständig ersetzen.
Was Ihre Heimatstadt Neapel derzeit abermals belegt, wo sich nach einer Phase relativer Ruhe infolge vieler Verhaftungen alter Clanchefs zurzeit junge Camorra-Mitglieder in aller Öffentlichkeit blutige Auseinandersetzungen liefern.
Die sogenannten Baby-Gangs.
Sind deren Brutalität und Alter eine neue ­Qualität?
Absolut. Das ist gewissermaßen das neueste Phänomen einer gewohnten Situation. Aus meiner Sicht kommt da tatsächlich ein neuer Camorra-Krieg auf uns zu, der nicht mehr allein den tradierten Mechanismen folgt, sondern einer Strategie des Terrors. Das macht selbst mich betroffen, der sich sein halbes Leben lang mit der Mafia beschäftigt.
Kann man das Schreiben darüber als Therapie bezeichnen, die Ihnen auch ein Leben im Verborgenen ein bisschen erträglicher macht?
Was die Mafia insgesamt betrifft, womöglich schon. Aber das gilt auf keinen Fall für mein derzeitiges Leben im Verborgenen. Dafür gibt es keine Therapie.
Sie waren gerade mal Mitte 20, als sie abtauchen mussten. Wie lange kann man ein Leben unter Polizeischutz an ständig wechselnden Orten fern von Familie, Freunden und einem ganz gewöhnlichen Alltag führen?
Also falls Sie meinen, wie lange ich all dies hier noch persönlich ertragen kann: Nun, ein Leben, wie ich es zurzeit führe, ist in der Tat so voller Bitterkeit, dass ich auch die Erfolge oftmals gar nicht als solche wahrnehmen und wertschätzen kann. Glauben Sie mir: Wenn ich es könnte, würde ich die Zeit zurückdrehen, da bin ich mir ganz sicher.
War es das alles dennoch wert?
Auf keinen Fall! Nichts ist ein Leben wert, nichts ist es wert, den eigenen Seelenfrieden zu verlieren. Und dennoch ist mir klar, dass dieser Verlust womöglich manchmal der Preis dafür ist, dass man etwas Bleibendes schafft, was anderen Menschen dient. Ich jedenfalls habe ihn gezahlt und werde ihn wohl auch weiterhin zahlen.

„Gomorrha“, Donnerstag, 21 Uhr, Arte

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