Im Netz kursiert ein Video, das Martin Handel, Chefarzt am Calwer Krankenhaus, bei einer Corona-Demonstration zeigt. Dort marschiert er nicht nur mit, sondern er ergreift lautstark das Wort. Bei seinem Arbeitgeber, dem Klinikverbund Südwest, und in der Politik sorgt das Video für mächtig Aufruhr und massive Kritik.
Kreis Calw - 50 Sekunden ist es lang, das Video, das Martin Handel bei der Corona-Demonstration zeigt. Die Kamera ist wenige Meter von dem Mediziner entfernt, der prominent im Bild ist, als er ein Megafon und das Wort ergreift. Der Chefarzt für Unfallchirurgie und Orthopädie am Krankenhaus Calw – und zugleich Kreisrat und Aufsichtsrat im Klinikverbund – erzählt, er habe nach den Boosterimpfungen zehnmal mehr Gelenksinfektionen bei seinen Patienten beobachtet als vor den Boosterungen.
Für ihn ein Indiz, dass die Boosterungen das Immunsystem bei vielen Patienten "kaputt machen", erklärt er unter dem Jubel der Demonstranten. Das Video beginnt viral zu gehen, landet per Messengerdiensten in den Reihen des Klinikverbunds Südwest und dessen Führungsetage. Und auch im Calwer Landratsamt.
Reaktion im Calwer Landratsamt
Dort hat man in den vergangenen Monaten und bald Jahren stets die klare Strategie gefahren, dass die Impfung der Weg aus der Corona-Krise ist. Der Aufsichtsrat des Klinikverbunds Südwest, zu dem prominente Vertreter der Landkreisverwaltungen Böblingen und Calw und Kreisräte aus den beiden Kreisen gehören – übrigens auch Martin Handel – forderte im vergangenen Dezember in einer Resolution sogar eine allgemeine Impfpflicht.
Durch so einen Auftritt wie den von Martin Handel sieht man die eigene Corona-Strategie "ad absurdum" geführt, wie es aus dem Landratsamt heißt – und reagiert dementsprechend empört auf das Video. "Das kursierende Video und die getätigten Aussagen widersprechen in ihrem Inhalt ganz entscheidend der Haltung des Landkreises", heißt es in einer Stellungnahme der Landkreisverwaltung. Die Äußerungen des Chefarztes seien "in keiner Weise nachvollziehbar und werden äußerst kritisch gesehen". Inzwischen war das Video auch Thema bei der Sitzung des Aufsichtsrats der Kreiskliniken Calw, wo sich eine kontroverse Debatte darüber entspann, ob ein solcher Auftritt eines Chefarztes angemessen ist oder nicht. Zu einer Einigung kam es indes nicht. Ohne eine Entscheidung zu treffen, wurde das Thema vertagt. Der Konflikt schwelt also weiter.
Reaktion des Klinikverbunds Südwest
Beim Arbeitgeber von Martin Handel, dem Klinikverbund Südwest, distanziert man sich "klar und ausdrücklich von den im Netz bzw. auf sozialen Medien kursierenden Video. Die dort getätigten Aussagen stehen konträr zu unserer Position, dass nämlich die Corona-Impfung einen empirisch klar belegten Nutzen zum Schutz eines jeden Einzelnen gegen schwere Verläufe der COVID-19-Erkrankung darstellt", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme von Martin Loydl, Geschäftsführer des Klinikverbunds. Darüber hinaus widerspricht man beim Verbund klar der Behauptung Handels, dass die Zahl der Gelenksentzündungen nach den Boosterimpfungen angestiegen sei – und das gelte nicht nur für Calw, sondern über alle Standorte des Verbunds hinweg.
Gleichzeitig versucht Loydl der Affäre etwas die Sprengkraft zu nehmen, betont dass Handel die Aussagen als Privatmensch und nicht als Chefarzt getätigt habe – obwohl er sich im Video klar als Chefarzt zu erkennen gibt. Auch ein Chefarzt habe das essenzielle Grundrecht der Meinungsfreiheit, "auch wenn wir manche Meinung nicht teilen können". Die durch das Auftauchen des Videos entstandene Situation sei nicht so einfach zu lösen. Man wolle da "ordentlich und rechtsstaatlich" und "nicht vorschnell" handeln, betont der Chef des Verbunds gegenüber unserer Redaktion. Dabei gelte es Schaden vom Standort Calw und vom gesamten Klinikverbund abzuwenden. "Wir werden den Vorgang selbstverständlich intern aufarbeiten, dazu gehört sicherlich aber auch, dass Herr Prof. Handel die Möglichkeit erhält, sich zunächst zu den getätigten Äußerungen im direkten Dialog und geschützten Rahmen einzulassen", schreibt Loydl in einer Stellungnahme. Auf die Frage nach möglichen Konsequenzen für den Calwer Chefarzt antwortet Loydl, dass man die Angelegenheit juristisch prüfen lassen werde – extern. Die abschließenden Worte von Loydl und der für Calw zuständigen Regionaldirektorin Alexandra Freimuth deuten allerdings darauf hin, dass man die Sache im Verbund aktuell nicht sehr hoch hängt: Im Zusammenhang mit dem Video sei Handel eher ein "Opfer der Umstände".
Reaktion des Chefarztes
Martin Handel selbst betont auf Anfrage unserer Redaktion, dass das Video auf einer angemeldeten und genehmigten Demonstration gegen die Impfpflicht vor allem im Gesundheitswesen "ohne meine Kenntnis und ohne meine Genehmigung" und "unter Verletzung meines Persönlichkeitsrechts" gedreht worden sei. Er habe den Verantwortlichen für das Video gebeten, das Video zu löschen, was auch geschehen sei, allerdings habe sich das Video unterdessen weiterverbreitet. Handel betont, dass er kein Impfgegner sei. "Ich halte Impfungen für einen wichtigen Beitrag in der Gesundheitsvorsorge", so Handel in einer Stellungnahme gegenüber unserer Redaktion. Die Auswirkungen der neuartigen Covid-19-Impfstoffe sollten allerdings "besonders gewissenhaft betrachtet und fortlaufend objektiv untersucht werden".
Mit Blick auf die jetzt geltende einrichtungsbezogene Impfpflicht, bekräftigt Handel seine kritische Sicht: Fachkräfte, die sich in der Pandemie erheblich eingesetzt hätten, wolle man nun nicht mehr im Beruf arbeiten lassen, "nur weil sie aus eigener Beobachtung die freie Entscheidung darüber treffen möchten, ob sie sich impfen lassen wollen oder lieber nicht". Für diese Personen, die unter Druck stünden und teilweise Angst hätten, habe er sich auf der Demonstration eingesetzt, so Handel.
Die Antwort auf die Frage nach möglichen Konsequenzen aus dem Demo-Auftritt durch seinen Arbeitgeber bleibt Handel – wie sein Arbeitgeber ja auch – schuldig. Es bleiben also noch Fragen offen.