Karger Boden, verlassenes Haus: Die Gegend in und um California City wirkt gespenstisch. Foto: Realfiction

Mit schmalem Budget dreht Bastian Günther einen faszinierenden, aber melancholischen Dokumentarfilm mit fiktionalen Einflüssen. Der 84-Minuten-Streifen läuft nun im Delphi.

Stuttgart - Strahlende Sonne, blauer Himmel, prachtvolle Einfamilienhäuser mit großzügigen Swimmingpools im Garten – aus der Ferne wirkt California City wie ein Paradies für Immobilienmakler. Doch wer der Stadt inmitten der kargen Mojave Wüste näherkommt und eine Weile in ihr verharrt, merkt rasch, dass hier etwas nicht stimmt. Es fehlt das Leben – es fehlen die Menschen. „Als ich dort war, durchzog mich ein ganz seltsames Gefühl“, sagt Bastian Günther („Autopiloten“, „Houston“), ein aufstrebender deutscher Regisseur, der derzeit für den Hessischen Rundfunk einen „Tatort“ mit Ulrich Tukur und Martin Wuttke dreht. Er wird am 27. Dezember dieses Jahres ausgestrahlt.

Günthers Gefühl in California City war eines, das sich kaum beschreiben lässt. Eines, das der Regisseur im Gespräch mit unserer Zeitung als „Initialzündung, um den Film zu drehen“ beschreibt.

Zeitungsartikel bringt Günther auf die Spur der Geisterstadt

Dabei war es eher Zufall, dass Günther Ende 2009 überhaupt auf California City aufmerksam wurde. Denn als er damals an die Westküste der USA reiste, hatte der ­Regisseur eigentlich den Plan, eine Dokumentation über die Zeltstädte vor den Toren von Sacramento und Los Angeles zu drehen. Diese waren entstanden, weil viele Menschen nach der Immobilienkrise 2007 ihre Kredite bei den Banken nicht mehr bedienen konnten und ihre finanzierten Häuser in  Folge dessen verlassen mussten.

Von den letzten Dollar kauften sie Zelte, die sie in unmittelbarer Nähe der Großstädte aufstellten, um dort ein neues Leben zu beginnen. Das Problem war nur: Als Günther in Kalifornien ankam, waren die Zeltlager vielerorts bereits verboten und wieder abgebaut worden. Ein Artikel in der Tageszeitung „Los Angeles Times“ brachte ihn dann auf die Spur der Geisterstadt.

Plan: California City sollte größte Stadt in Kalifornien werden

Er fuhr nach California City – in die Stadt, die dem Wunsch ihres Gründers Nat Mendelssohn zufolge in den 1960er Jahren die größte im US-Bundesstaat Kalifornien hätte werden sollen. Größer als Sacramento. Größer als San Francisco. Größer als San Diego. Und noch größer als Los Angeles. Die Idee scheiterte.

Im Zuge des Baubooms nach der Jahrtausendwende erlebte das Städtchen, das etwa drei Autostunden fernab der Pazifikküste im Landesinneren liegt, aber eine Renaissance. Viele Familien erfüllten sich hier den Traum von einem schönen Fertighaus und führten ein zumindest halbwegs zufriedenstellendes Leben. Bis die Immobilienblase platzte. Es war für viele Menschen mit geringem Einkommen und wenig Sicherheiten der Beginn eines Albtraums. Sie konnten die Kredite nicht mehr bezahlen, zogen notgedrungen aus. Und California City wurde zu einem Ort der Illusion. Was blieb, waren die „Hüllen der Zivilisation“, wie Günther sie nennt, die verlassenen Häuser.

Dieses Ergebnis der kapitalistischen ­Krise – die gespenstische Leere und der schleichende Zerfall der kleinen Stadt – faszinierte den Regisseur und brachte ihn zugleich davon ab, einen klassischen Dokumentarfilm drehen zu wollen. „Die Stadt hatte einen so starken Effekt auf mich, dass ich meine persönlichen Eindrücke in den Film einbringen wollte“, sagt er.

Handlung dreht sich um einen fiktiven Moskitojäger

Zu diesem Zweck wählte er einen fiktiven, namenlosen Moskitojäger, gespielt von Jay Lewis. Der Schädlingsbekämpfer, der von seiner Zentrale telefonisch beauftragt wird, fährt mit seinem Van zu Pfützen und Wasserlachen in den Pools der verlassenen Häuser und tötet die Brut der Moskitos. Aus dem Off schildert er die Gedanken bei seiner Ankunft und skizziert immer mal wieder die Geschichte der Stadt. Nach und nach begegnet er einigen – oft gescheiterten – Menschen, die tatsächlich in California City geblieben sind. Ein Immobilienmakler, der sich um die verlassenen Häuser kümmert, und die Stadtbewohner erzählen ihm von ihren Schicksalen und Mythen über die Gegend. Allein, das wirkt – und vermittelt einen gutes Bild, was aus „Cal City“ geworden ist.

Mit zunehmender Zeit fühlt sich der namenlose Protagonist allerdings einsam, ihm fehlt die Perspektive, seine Arbeit scheint sinnlos. Er wirkt verzweifelt, träumt von der schönen Zeit mit seiner Ex-Freundin Chelsea (Chelsea Williams) und ruft abends aus Motelzimmern bei Hellseher-Hotlines an – was die melancholische Stimmung nur steigert. Am Ende ist klar: Will er nicht auch zu den gescheiterten Existenzen dieses Ortes gehören, muss er ihn verlassen.

Kein Drehbuch – nur Konzept

Die Handlung ist nicht sonderlich spektakulär, sie ist allerdings auch erst während des Drehs entstanden. Bastian Günther hatte kein fertiges Drehbuch geschrieben, lediglich ein zehnseitiges Konzept. „Im Prinzip ist es ein ganz offenes, kreatives Projekt gewesen“, sagt Günther, „ich wusste nur, wie die Stimmung des Films werden soll.“ Mit lang anhaltenden, zentralperspektiv aufgenommenen Bildern der alleinstehenden Häusern in der verdorrten Wüstenlandschaft gelingt es dem Regisseur sensationell gut, die trostlose, gespenstische Atmosphäre der verlassenen Stadt zu transportieren.

In der Internetenzyklopädie Wikipedia wird die Einwohnerzahl von California City zwar auf 13 223 Personen (Stand 2013) beziffert. Die Angabe entspreche aber nicht der Realität, insbesondere in den Außenbezirken von California City wohne niemand mehr, sagt Günther: „Wir haben während unserer Zeit dort insgesamt vielleicht 50 Leute gesehen.“ Drei Wochen drehte Regisseur Günther mit Kameramann Michael Kotschi und Schauspieler Jay Lewis im Jahr 2011, sechs Wochen im September und Oktober 2013. Die Kosten für den Streifen beliefen sich auf rund 200 000 Euro – entstanden ist trotz des geringen Budgets eine gelungene essayistische Mischform aus Dokumentarfilm und Fiktion, die zum Nachdenken anregt.

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