Ein Verlorener im Turmgefängnis ist Sigismund (gespielt von Lukas Rüppel) zu Anfang des Stücks. Foto: Matthias Dreher/Staatsschauspiel Stuttgart

Die Sterne sagten, der Prinz werde ein Tyrann, also sperrt ihn der König in einen Turm. Dann lässt er den Sohn doch herrschen. Ein Debakel. Peter Kastenmüller interessiert sich für psychische Befindlichkeiten und die absonderliche Komik. Wirklich witzig wird der zweistündige Abend auf der großen Bühne Nord am Staatsschauspiel Stuttgart mit Calderóns Versdrama „Das Leben ein Traum“ aber nicht.

Endlich Ruhestand! König Basilius (Rainer Philippi), ein weiser, würdiger Mann, tauscht das steife Jackett gegen ein leichtes Feinripp-Shirt. Er bringt in einer Tüte eine Schnapspulle mit und eine Sonnencreme und setzt sich neben seinen Sohn Sigismund (Lukas Rüppel), dem er die Regentschaft übertragen hat. Der will keinen Schnaps und keine Sonnencreme: Auf Vorwürfe –„da du, was du zeugtest, mir gestohlen dann, mein Leben nämlich, klage ich dich an!“ – folgen Handgreiflichkeiten.

Sie raufen, ­kugeln sich zwischen Tomatenscheiben und Brötchenresten (dazu später) und würden damit so schnell nicht aufgehört haben, wenn nicht jemand einen Eimer kalten ­Wassers über ihnen ausgeleert hätte. So geht’s zu am Hofe in Polen. Dass man sich bei dem 1635 entstandenen Stück „Das Leben ein Traum“ des spanischen Autors Calderón in Osteuropa befindet, zeigt die eckige ­Retrobrille an, die der schnurrbärtige König trägt.

Man kann das ungehobelte Verhalten des jungen Kerls nachvollziehen: Da wird einer sein Leben lang wie ein Tier in einem Turm gehalten, und eines Tages erwacht er: ­Plötzlich Prinz! Nun wurde er eben nicht wie in der Hollywoodkomödie „Plötzlich ­Prinzessin“ nach langem Suchen der europäischen Verwandten irgendwo als Collegeboy aufgestöbert – der Vater hatte ihn nach der Geburt weggesperrt. Denn ihm hatten die Sterne vorausgesagt, dass der Sohn, ­dessen Mutter bei der Geburt starb, ein ­Tyrann werden würde.

Rotbärtig wild, fast nackt

Die Frage – bestimmt das Schicksal alles oder gibt es einen freien Willen – lässt den Alten aber nicht los, weshalb er den Sohn probehalber herrschen lässt. Der ist nur auf eins aus: Rache. Er nimmt den Palast aus­einander. Bühnenbildnerin Susanne ­Münzner hat die große Interims-Spielstätte Nord des Staatsschauspiels Stuttgart am Donnerstag mit mächtig breiten, sehr hohen und dunklen Wänden zugestellt. An den ­Seiten golden glänzende Ausschnitte von ­Altarbildern (man spielt ein Stück aus der Zeit des ­Barock). Trutzig sieht das aus und vornehm. Weit oben angeordnet: schmale Eisenbalkons.

Rotbärtig wild und fast nackt rüttelt ­Sigismund zu Beginn des zweistündigen Abends an den Stäben des Balkons, der hier Laufstall in luftiger Höhe wird, vollgemüllt mit Essenspapiertütchen (ein Gag – man denkt an die Fast-Food-Kette mit dem könig­lichen Namen). Bevor er mordet und über Frauen herfällt, ist dies das Erste, was dem tierisch auf allen vieren im Palast herumstreunenden, überforderten Jungkönig einfällt: seinem Wärter Clotald (Florian von Manteuffel, dessen indignierte Blicke ­amüsant sind) die Burger in den Mund zu stopfen. Das dröge Zeug spuckt der gleich wieder aus, deshalb schon früh am Abend der Tomaten-Salatblatt-Brötchen-Matsch, in dem sich später gut wälzen lässt.

Regisseur Peter Kastenmüller verortet das Stück vage im Heute, lässt die Sängerin ­Polly Lapkovskaja im Torero-Anzug (die eleganten Kostüme stammen von Kathi Maurer) über die Bühne irrlichtern. „Let’s do the twist“ singt sie ermunternd ins ­Mikrofon, als Basilius erklärt, er werde eine Wendung im Leben des Sohnes herbeiführen.

Komische Absurdität des Experiments

Kastenmüller schafft so eine paranoid-albtraumhafte Atmosphäre. Doch er ­ver­traut nicht auf seine inszenatorische ­Fan­tasie, will sich nicht nur auf das von ­Soeren Voima schnoddrig übertragene Stück und auf die Künste seiner Akteure verlassen. Um uns die ungeheuerliche psychische Gewalt klarzumachen, die dem Jungen angetan wurde, durchbohrt der das fein­gespinstige Drama mit Fremdtext. Dabei hat er durch fahles Licht, groteske Figuren, die per Videoprojektion über die Wände ­huschen und die schöne Sängerin allein schon eine irre Atmosphäre geschaffen. Da wären die harten Passagen über Wahn und Hass aus Rainald Goetz’ Drama „Krieg“ nicht nötig gewesen.

Auch betont der Regisseur die komische Absurdität des Experiments, doch das ­Timing stimmt selten. Stark sind Lukas Rüppel und Rainer Philippi in Szenen, in denen sie nicht ulkig sein sollen und Philippi in eigenartig flackernden Blicken zeigt, dass es ihm beim Wegsperren des Nachfolgers womöglich weniger um das Wohl des Landes ging als um Machtlust. Nadja Stübiger zickt als Königsnichte ganz wunderbar, doch ­ansonsten sieht man viel Quatschcomedy – pathetisch geschwungene Soldatenmäntel, Augenrollen, überlange Slapstick-Fecht­szenen.

Keine plumpen Anspielungen an Naheliegendes

So zerfasert das zunächst konzentriert ­gespielte Stück. Erst recht, als die Revolution ausbricht, weil das Volk den nach dem missglückten Experiment wieder weg­gesperrten Sigismund trotzdem als König haben will. Kastenmüller vermeidet plumpe Anspielungen an Naheliegendes (arabischer Frühling etc.), lässt Revolutionäre lieber als Mariachi-Gruppe Revolutionsständchen singen. Doch bei all den Pistolenfuchteleien und Bühnenwand-Karussellfahrten geht der letzte Twist, die letzte Drehung, beinah unter. Sigismund, dem man erzählt hatte, die Herrschaft sei nur ein Traum gewesen, lernt aus seinen Fehlern. Ob er einsichtig ist, als er beschließt, „nun werde ich gut“ oder ob er aus Kalkül handelt, um nicht wieder im Turm zu schmachten, lässt Kastenmüller ­offen.

Sigismund verzeiht dem Vater, stiftet Hochzeiten, verurteilt Revolutionäre. Das geht jetzt alles hoppla hopp. Umdichten mag Kastenmüller den zynisch wirkenden, die schlechte alte Ordnung wiederherstellenden Schluss nicht. Er rettet sich mit Ironie in ein letztes starkes Bild mit einem an „King Kong“-Filmszenen erinnernden Finale – ­Sigismund halb nackt in Siegerpose auf dem Felsen. Wie bös’ die Geschichte ausgeht, ist bekannt.

Weitere Termine: 25., 26. und 28. Februar. Karten unter: 07 11 / 20 20 90. Mehr unter: www.schauspiel-stuttgart.de