Calixto Bieito bürstet das Musical „Cabaret“ gegen den Strich. Foto: Lichtgut/Leif-Hendrik Piechowski

Der Skandalregisseur Calixto Bieito inszeniert am Stuttgarter Schauspielhaus das Erfolgsmusical „Cabaret“. Man darf gespannt sein: Perfektion ist das, was er unbedingt vermeiden möchte.

Er weiß, wie man provoziert. Man sollte nicht allzu zartbesaitet sein, wenn man sich eine Inszenierung von Calixto Bieito anschaut, schließlich eilt dem Regisseur der Ruf voraus, Gewalt, Sex und Politik auf die Bühne zu bringen. Und nun werden eingängige Songs geträllert und fröhlich die Beine im Takt geschwungen? Der Schauspielintendant Burkhard Kosminski hatte für die nächste Premiere eine ungewöhnliche Idee und rechnet mit einem „künstlerischen Experiment“. Denn Calixto Bieito inszeniert „Cabaret“.

 

Songs wie „Willkommen“ sind weltberühmt

Von diesem Wochenende an kann man sich selbst ein Bild davon machen, was Bieito mit dem Musical angestellt hat, das eines der bekanntesten und erfolgreichsten der Theatergeschichte ist. Die Verfilmung mit Liza Minnelli in der Hauptrolle hat es weltberühmt gemacht, sodass auch Bieito überzeugt ist, dass hierzulande so ziemlich jeder die Songs „Cabaret“ oder „Willkommen“ kenne, „sogar junge Leute“, ist er überzeugt.

Bieito: „Ich habe keine Vorurteile“

Der spanische Regisseur hat schon häufig am Staatstheater Stuttgart gearbeitet, hat im Schauspiel die „Italienische Nacht“ von Ödön von Horváths inszeniert und in der Oper „Parsifal“ und „Der fliegende Holländer“.

Angeblich hat er selbst bereits als Teenager Wagner gehört. Und jetzt Musical? „Warum nicht?“, dachte Bieito, als die Anfrage kam. „Ich habe keine Vorurteile.“ Er tanze gern, liebe Jazz, Louis Armstrong, Ella Fitzgerald. Und bei „Cabaret“ möge er die „wunderbare Musik“.

Dem Regisseur geht es nicht um Perfektion

Die Verfilmung von „Cabaret“ im Jahr 1972 war ein gigantischer Erfolg, der nicht nur acht Oscars einfuhr, sondern weltweit mehr als vierzig Millionen Dollar in die Kassen spülte. Auch Calixto Bieito kennt sie selbstverständlich, er hat das Musical aber auch live auf Bühnen in Madrid und in New York gesehen. Wobei er vorwarnt, dass er „Cabaret“ sicher nicht wie am Broadway inszenieren werde. „Das könnte ich gar nicht.“ Denn dort gehe es darum, „hundertprozentige Kontrolle zu haben“, sagt er. „Alles muss absolut perfekt sein. Und wenn es nach einem Monat nicht läuft, fliegt das Stück raus.“

Nazis beenden das freie Leben

Perfektion – genau das interessiert ihn als Regisseur nicht. Deshalb treten in der Stuttgarter Inszenierung auch keine Musicaldarsteller auf, sondern Schauspieler. Die Textqualität sei zwar nicht vergleichbar, aber „Cabaret“ habe „schöne Charaktere, ein bisschen wie bei Ödön von Horváth“. Es geht um einen Schriftsteller, der sich in die Sängerin Sally Bowles verliebt, wie auch um eine Pensionswirtin, die einen jüdischen Gemüsehändler dann doch nicht heiraten will, als die Nazis seinen Laden verwüsten. Den aufkommenden Faschismus wird Bieito in seiner Inszenierung aber nicht betonen – „der steckt bereits im Stück“. Ihn interessieren eher grundsätzliche menschliche Fragen, Entscheidungen für oder gegen die Liebe, die Karriere oder eine Abtreibung. „Konflikte, die den Menschen auch heute beschäftigen“, sagt er. Letztlich wollte Bieito aber „Cabaret“ inszenieren, weil ihn die Zeit fasziniert, in der das Musical spielt – die Roaring Twenties. Er hat sich viel mit der Epoche beschäftig, als er 2019 eine Ausstellung über die Zwanzigerjahre gestaltete, die in Zürich und Bilbao zu sehen war. „Bauhaus, Filme, Tänzerinnen wie Valeska Gert und Josephine Baker, Dada, Künstler – es war Material der gesamten Epoche“, erzählt Bieito – und mit dieser Überfülle an Bildern im Kopf sei er an seine Inszenierung gegangen.

Wilde Zwanziger

Bieito könnte sich in Fahrt reden, so begeistert ist er von den wilden Zwanzigern. „Das war Freiheit“, sagt er, um sich dann doch zu bremsen, weil man die Epoche auch nicht idealisieren dürfe. Die „Authentizität“ der Roaring Twenties könne er nicht wiedergeben. Die Musik, die live auf der Bühne gespielt werden wird, soll aber doch die Atmosphäre und das Lebensgefühl der Zeit erahnen lassen.

Es wird gesungen und getanzt, aber gibt auch Momente der Stille

Da Sally in einem Nachtclub auftritt, wird selbstverständlich auch in der Stuttgarter Fassung getanzt werden. Trotzdem will Calixto Bieito definitiv kein Musical präsentieren, das auch in der Musical Hall oder im Berliner Friedrich-Stadtpalast laufen könnte. Er hat auch viel Text gestrichen, um „Raum für Stille“ zu schaffen. So könnte der Intendant doch recht behalten, dass es ein künstlerisches Experiment ist.

Bieito ist in jedem Fall überzeugt, dass seine Interpretation „in keinem kommerziellen Theater akzeptiert würde“, wie er sagt, „damit man würde mich rausschmeißen“.

Cabaret: Premiere am 18. März, 19.30 Uhr, Schauspielhaus Stuttgart. Eventuell Restkarten an der Abendkasse.

Ruf des Skandalregisseurs

Person
 In Hamburg, Berlin, Wien, aber auch in Stuttgart ist der Regisseur Calixto Bieito, geboren 1963, regelmäßig zu Gast, im Schauspiel wie in der Oper. Dem Spanier eilt der Ruf eines Skandalregisseurs voraus, aber er leuchtet auch immer wieder die Innenwelten der Figuren feinsinnig aus. Musik spielte immer eine zentrale Rolle in seinem Leben, die Mutter war Chorsängerin, er selbst sang im Kinderchor der Jesuiten.

Cabaret
 Das erfolgreiche Musical ist 1966 entstanden und basiert auf Romanen von Christopher Isherwood. Die Musik schrieb John Kander.