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Der angekündigte Verlust der C-Klasse erschüttert die Region. Sollte die Arbeitslosigkeit stark ansteigen, könnte sogar das soziale Gefüge in Schieflage geraten, warnt ein Bürgermeister.

Sindelfingen - Der angekündigte Verlust der C-Klasse erschüttert die Region. Sollte die Arbeitslosigkeit stark ansteigen, könnte sogar das soziale Gefüge in Schieflage geraten, warnt ein Bürgermeister.

"Das ist ein schwarzer Tag für Sindelfingen", sagt Oberbürgermeister Bernd Vöhringer: "Wir verlieren Arbeitsplätze bei Daimler und den Zuliefererunternehmen. Es wird weitere Einbrüche bei den Steuereinnahmen geben." Der Böblinger Landrat Roland Bernhard erklärt: "Bis zum Schluss haben wir gehofft, dass der Traditionsstandort Sindelfingen die C-Klasse behält. Die Entscheidung des Vorstands ist enttäuschend."

Das Beben bei Mercedes erschüttert nicht nur Sindelfingen. Die ganze Region scheint zu wanken. "Das geht mir echt an die Nieren", sagt Wolfgang Lahl, Bürgermeister von Weil im Schönbuch. In der 10.000-Einwohner-Kommune leben Hunderte Frauen und Männer, die im Werk Sindelfingen ihr Geld verdienen. "Jeder Arbeiter, der bei Daimler seinen Job verliert, bedeutet ein trauriges Einzelschicksal", sagt Lahl. Doch das sei längst nicht alles: "Betroffen sind alle Handwerksbetriebe, Dienstleister und der Einzelhandel bei uns im Ort, denen Umsatz wegbricht." Er wählt ein drastisches Bild: "Ein Arbeitsloser kauft kein süßes Stückle, sondern trocken Brot."

Die Arbeitslosigkeit im Landkreis Böblingen liegt bei 4,4 Prozent. In Weil im Schönbuch ist sie noch kleiner. "Wenn die Quote eines Tages bei acht Prozent liegt, wird sich unser Gemeindeleben verändern, weil sich hohe Arbeitslosigkeit immer nachteilig auf das wichtige Vereinsleben auswirkt", warnt Lahl: "Eines Tages könnte daraus sogar sozialer Sprengstoff werden."

In Wildberg im Nordschwarzwald leben etwa 10.000 Menschen. Davon pendeln Tag für Tag rund 3000 Frauen und Männer zur Arbeit in die ganze Region Stuttgart. "Auch wenn wir kein Mercedes-Standort sind - bei uns sind sehr viele Familien von der Entscheidung des Daimler-Managements betroffen", weiß Bürgermeister Ulrich Bünger. Das habe Folgen für die örtliche Wirtschaft, das soziale und kulturelle Leben.

"Gerade am heutigen Tag, wo alle auf das Weltunternehmen Daimler schauen, erkennen wir den hohen Wert des heimischen Mittelstands", sagt der Wildberger Bürgermeister. Auch Büngers Kollege denkt ans große Ganze: "Für die Gesellschaft ist es ein bedenkliches Signal, wenn alles Handeln nur dem Gewinn der Aktionäre untergeordnet wird", sagt Bürgermeister Lahl.

Im größeren Bezügen denkt am Mittwoch auch Walter Rogg, Wirtschaftsförderer der Region (WRS). "Wir leben in einer sehr starken Abhängigkeit zur Autoindustrie", stellt Rogg fest. "Durch die jahrzehntelange Erfolgsgeschichte der Branche haben wir alle viel gewonnen - nun haben wir auch viel zu verlieren." Auf Initiative der WRS verabschiedet das Regionalparlament Mittwochabend eine Resolution, die die Daimler AG an ihr "Bekenntnis zum Standort Region Stuttgart" gemahnt. Auf einem Autogipfel der WRS sollen sobald als möglich alle Hersteller und Zulieferer aus der Region die Zukunft des Mobilitätsstandorts beraten.

Nach Auskunft der Stuttgarter Agentur für Arbeit, die auch für den Landkreis Böblingen zuständig ist, würde ein Wegfall von 4000 Stellen bei Daimler einem Minus von 2,6 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse im Landkreis entsprechen. Zwischen Januar 2007 und Januar 2009 sei die Gesamtzahl der regulären Stellen im ganzen Agenturbezirk von 489.000 auf 501.000 gestiegen. Seit Jahresbeginn habe man durch die Autokrise wieder einige Tausend Stellen verloren. "Ein Minus dieser Größenordnung ist nicht gut - aber es ist leider durchaus üblich", fasst ein Arbeitsmarktexperte zusammen.

Die nüchterne Analyse wird in Sindelfingen kaum Trost spenden. In der Stadt regieren am Mittwochabend eher Unsicherheit und Angst - vor allem aber Wut. Die Belegschaft des Autobauers ist stinksauer. Sie fühlt sich verraten und verkauft. Eine Kundgebung der IG Metall am Nachmittag hatte die Männer beruhigen sollen. Das ist nur in Ansätzen gelungen: "Ich glaube nicht an die Ankündigung der Gewerkschaft, dass die Arbeitsplätze erhalten bleiben", sagt ein 55 Jahre alter Mann. Eine Art von Desillusionierung wird spürbar. Die legendäre Identifikation der Arbeiter mit "ihrem Daimler" scheint einmal mehr infrage gestellt.

Kurz vor Weihnachten wollen die Väter Geschenke für ihre Familien kaufen. Stattdessen bangen sie um ihren Arbeitsplatz. Kann man sich den Einkauf jetzt noch leisten? Soll man sparen für schlechte Zeiten? Das gemeinsame Schicksal macht die Arbeiter aber auch solidarisch. Sie wollen kämpfen. "Wir sind bereit, alles zu machen, legal wie illegal", kündigt Joachim Niesch, der oberste Vertrauensmann im Werk, an.

Der Kampf für den Arbeitsplatz ist auch ein Kampf gegen den Konzern. Einst waren die Männer stolz auf das Unternehmen, dort haben schon ihre Väter und Großväter geschafft. Nun bedroht diesselbe Firma ihre Existenz. "Die reißen uns das Herz raus", sagt ein Arbeiter. Das sagt er nicht nur so. Das fühlt er so.

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