EM-Spiel mit Bandenwerbung von Aliexpress im Hintergrund Foto: /Pressefoto Rudel/Robin Rudel

Trotz des Handelsstreits mit der EU sind Konzerne aus China bei der Fußball-EM in Deutschland allgegenwärtig. Dabei warnt vor einem von ihnen sogar der Verfassungsschutz.

Geht es nach Marketing-Power, so steht der Gewinner der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland schon fest: Chinesische Unternehmen dominieren unter den Werbepartnern – fünf der 13 wichtigsten Sponsoren stammen aus der Volksrepublik. Neben dem Elektroautobauer BYD und den Elektronikgeräteherstellern Hisense und Vivo rühren die Internethandelsplattform Aliexpress und der Bezahldienst Alipay besonders kräftig die Werbetrommel. Beide gehören zum Imperium des Onlinegiganten Alibaba. Sie sind alles andere als unumstritten – vor Alipay warnte sogar schon der deutsche Verfassungsschutz.

 

Fußballlegende David Beckham als Markenbotschafter

Kritik an den engen Verbindungen der Uefa zu Konzernen, die unter dem Einfluss der chinesischen Regierung stehen, ist nicht neu. Schon bei der letzten EM kam ein Drittel der wichtigsten Werbepartner aus China. Doch die Dominanz hat weiter zugenommen, und durch die Austragung des Turniers in Deutschland fällt sie hierzulande diesmal noch stärker ins Auge. Dass chinesische Unternehmen hier in Zeiten zunehmender Handelsstreitigkeiten und politischer Konflikte so auftrumpfen, ist bemerkenswert. Ob auf den Banden am Spielfeldrand oder in TV-Clips mit dem englischen Superstar David Beckham als Markenbotschafter – Aliexpress und Alipay sind allgegenwärtig.

Was versprechen sich die Chinesen davon? Warum sehen Experten die Offensive kritisch? Wie sollte Europa reagieren? Für den großen Werbeaufwand der Unternehmen gibt es gute Gründe. „Sie fokussieren sich auf internationale Expansion, nutzen ihre Basis und Kapitalstärke in China, um die Präsenz in anderen Ländern zu erhöhen, besonders in Europa“, sagte Professor Howard Yu vom International Institute for Management Development der Zeitung „South China Morning Post“ – die übrigens selbst zum Alibaba-Konzern gehört. Die Exportflut aus China wird im Westen jedoch mit Argwohn betrachtet. Billigprodukte vom Modeanbieter Shein oder Onlineshops der Apps Aliexpress und Temu verstopfen den Welthandel, günstigere E-Autos chinesischer Hersteller wie BYD bedrohen Wettbewerber wie Mercedes-Benz, Porsche, Volkswagen oder BMW. Ein Zollstreit zwischen Brüssel und Peking ist in vollem Gange.

Hohe Überproduktion – neue Absatzmärkte müssen her

Ein Faktor hinter Chinas globaler Ausbreitung ist auch, dass die eigene Wirtschaft nach Jahren des – häufig auf Pump finanzierten – Turbowachstums ins Stottern geraten ist. Angesichts hoher Überproduktion müssen neue Absatzmärkte erschlossen werden, auch wenn sich Politiker in Europa und den USA dagegen sträuben. Für viel Aufsehen hatte dieses Jahr bereits das enorme Engagement der chinesischen Schnäppchen-App Temu beim Super Bowl gesorgt, dem Finale der American-Football-Liga NFL – eines der weltweit größten Sportereignisse. Temus Konzernmutter PDD pumpte zweistellige Millionenbeträge in das Werbespektakel. Der finanzielle Kraftakt zahlte sich rasch aus.

Laut einer Auswertung des Datenanalyseservices Bloomberg Intelligence schoss die Anzahl von Temus wöchentlich aktiven Nutzern in den USA nach dem Super Bowl im Februar um 70 Prozent gegenüber dem Vormonat in die Höhe, die Downloads der Shopping-App nahmen um fast ein Drittel zu. Auf so ein Kunststück hoffen Aliexpress und Alipay nun auch bei der Europameisterschaft. Während Aliexpress in Deutschland schon seit Jahren aktiv ist, fristet Alipay bislang ein Nischendasein. Das 2004 gegründete Unternehmen ist zwar einer der größten Bezahldienste weltweit, an Nutzerzahlen gemessen deutlich größer als etwa der bekannte US-Wettbewerber Paypal. Das liegt bislang aber vor allem an Alipays Stärke im riesigen Heimatmarkt China.

Finanzwende: EU muss frühzeitig regulatorisch aktiv werden

„Die Sponsorenschaft der EM 2024 ist zweifellos ein Versuch, Alipay auch in der europäischen Bevölkerung Bekanntschaft zu verleihen“, heißt es in einer Studie der Forschungsinitiative Finanzwende Recherche, die zur Bürgerbewegung Finanzwende des früheren Bündnis-90/Grüne-Politikers Gerhard Schick gehört. Finanzwende sieht das Vordringen großer Techkonzerne in Finanzdienstleistungen aus Datenschutz- und Wettbewerbsgründen generell kritisch, auch mit Blick auf die Bezahldienste von Amazon, Google oder Apple gebe es Risiken für Verbraucher. Deshalb solle die EU den Eintritt von „Big Tech“ ins europäische Finanzwesen frühzeitig regulatorisch begleiten und mitgestalten. Besonders heikel sei die Situation aber bei Alipay.

Denn, so die Forschungsinitiative Finanzwende: „In China wurde die Weitergabe von Kredit- und Nutzerdaten durch Big-Techs sogar staatlich angeordnet“. Tatsächlich hatte der deutsche Verfassungsschutz bereits in seinem Jahresbericht 2019 vor politischer Spionage durch chinesische Geheimdienste gewarnt, die Zugang zu Kundendaten von chinesischen Zahlungsapps wie Alibabas Alipay oder Tencents Wechat Pay haben. Auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich – häufig als Zentralbank der Zentralbanken bezeichnet – äußerte im vergangenen Jahr Bedenken wegen der Gefahr des Missbrauchs von Marktmacht und Kundendaten durch Bezahlsysteme wie Alipay, die zu digitalen Monopolen, Diskriminierung und Verstößen gegen die Privatsphäre führen könne.