Jan Stefan Roell vertritt als Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK) 650 000 Unternehmen im Südwesten. Er fordert jetzt von einer möglichen großen Koalition, aber auch von den Beschäftigten eine Kehrtwende.
„Es muss schnell eine Regierung gebildet werden“, mahnt Jan Stefan Roell, Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK). Doch welche Wahlkampfversprechungen von CDU/CSU und SPD hält er für umsetzbar? Und was müsste eine wahrscheinliche große Koalition als erstes tun, damit die Wirtschaft im Land wieder wächst?
Herr Roell, es läuft wohl auf eine Koalition von CDU/CSU und SPD hinaus: Was versprechen Sie sich hier für die Wirtschaft im Land?
Ich könnte mir vorstellen, dass eine große Koalition Gesetze für den Bau und die Finanzierung von Kraftwerken verabschiedet, die wir für die Stabilisierung der Netze brauchen. Eine große Koalition könnte auch die großen Infrastrukturvorhaben wie Südlink beschleunigen. Als nicht realistisch halte ich das SPD-Versprechen, den Mindestlohn auf 15 Euro die Stunde zu erhöhen.
Was erwarten die Industrie- und Handelskammern im Land am dringlichsten?
Es muss schnell eine Regierung gebildet werden. Für die Wirtschaft brauchen wir in allen Bereichen eine schnelle Deregulierung. Energie muss verfügbar und deren Preise wettbewerbsfähig sein. Steuerpolitisch müssen die mittleren Einkommen und die Unternehmen entlastet sowie die Abschreibungsbedingungen für Investitionen verbessert werden.
Muss die Schuldenbremse geändert werden?
Bevor wir über die Schuldenbremse sprechen, müssen wir die Kernaufgaben des Staates auf den Prüfstand stellen. Der Staat hat sich in zu viele Bereiche des täglichen Lebens gedrängt, für die es unnötigerweise Geld braucht.
Was meinen Sie konkret?
Bürger wie Unternehmen müssen viel zu viele komplexe Regelungen beachten. Das kann die Durchführung eines Straßenfestes, der Bau eines Erweiterungsgebäudes oder die Berichterstattung über die Energieverbräuche der Unternehmen sein. All das muss der Staat auch überwachen und kontrollieren. Deshalb wurde in den Kommunen unglaublich viel Personal aufgebaut. Wir brauchen aber weniger Regulierung, dafür aber mehr Verantwortung und Vertrauen. Kontrolliert werden müsste stichprobenhaft. Dadurch kann sehr viel Geld eingespart werden.
Die Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit werden rasant wachsen, da Europa kaum noch auf die USA zählen kann. Die genannten Einsparungen werden da kaum reichen.
Auch die Rüstung muss künftig effizienter organisiert werden. Jüngst habe ich erfahren, dass Europa der Ukraine zehn verschiedene Haubitzen zur Verfügung gestellt hat, die die gleiche Munition verschießen. Wir müssen die Rüstungsindustrie besser aufeinander abstimmen und damit mehr und günstiger produzieren.
Aber dauert es nicht viele Jahre, bis man diese Strukturen verändern kann?
Da bin ich anderer Meinung, das geht schneller. Wenn wir jetzt viel Geld in ein ineffizientes System geben, hilft das nicht. Geldmangel kann helfen, die europäische Rüstungsindustrie neu aufzustellen. Not macht erfinderisch.
Viele Unternehmen drohen, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. Wie realistisch ist das Szenario tatsächlich?
Drohungen erlebe ich nicht, dafür aber die konkreten Entscheidungen: Unternehmen investieren verstärkt im Ausland, weil dort die Energieversorgung zuverlässiger und billiger und die Regulierung geringer ist. Dadurch wandern Arbeitsplätze ab, die nicht zurückkehren werden.
Könnte hier eine große Koalition ein Zeichen gegen Produktionsverlagerungen setzen?
Das Konzept einer neuen Regierung muss erst einmal plausibel sein, denn die Unternehmen haben bisher schlechte Erfahrungen gemacht. Ein Beispiel: Wenn in Baden-Württemberg ab 2041 kein Erdgas mehr fließen soll, müssen andere Energieträger verfügbar sein. Dafür gibt es aber aktuell weder die Infrastruktur noch die Lieferanten. Es muss also ein Konzept mit konkreten, nachvollziehbaren Aktionen geben – sonst werden das die Unternehmen nicht glauben.
Was müssen die Unternehmen selbst besser machen?
Auch Unternehmen können deregulieren und flexibler werden. Sie müssen sich auch besser auf neue Technologien einstellen, allen voran KI. Wir sind im internationalen Vergleich zu behäbig geworden.
Es wurde im Wahlkampf wenig über Bildung gesprochen. Was muss sich hier tun?
In den Schulen muss Leistung wieder mehr zählen, auf eine kind- und jugendgerechte Art. Auch in der Berufswelt muss es mehr Wettbewerb geben. Die Beschäftigten müssen bereit sein, auch 40 Stunden die Woche zu arbeiten und auch einmal länger im Büro zu bleiben, wenn es nötig ist.
Ein Reserveoffizier an der Spitze des BWIHK
Person
Jan Stefan Roell, 1954 in Düsseldorf geboren, ist seit November 2024 Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK). Von 1992 bis 2021 war er geschäftsführender Gesellschafter bzw. Vorstandsvorsitzender von Zwick Roell in Ulm, deren Aufsichtsratsvorsitzender er noch ist. Er ist Vorstandsmitglied der Südwestmetall, die er einige Jahre auch führte. Roell ist Reserveoffizier, verheiratet und hat sechs Kinder.
BWIHK
Der BWIHK ist eine Vereinigung der zwölf baden-württembergischen Industrie- und Handelskammern (IHK). In Baden-Württemberg vertreten die zwölf IHKs die Interessen von mehr als 650 000 Mitgliedsunternehmen.