Mit dem Bau des SI-Centrums veränderte sich die Plieninger Straße in Stuttgart-Möhringen – Anwohner gingen dagegen sogar auf die Straße.
Möhringen - In langen Roben und Anzügen strömen die Besucher ins SI-Centrum, wenn am Abend dort ein Musical läuft. Das Erlebniszentrum lockt seit der Eröffnung 1994 nicht nur Tagestouristen aus der Region an. Bis zu seinem Bau aber zeugte wenig an der Plieninger Straße von internationaler Anziehungskraft – ausschließlich das dort angesiedelte Hotel „Stuttgart International“, welches dem SI-Centrum als Namensgeber diente. Anwohner aus dem Salzäcker zeigten sich damals jedoch wenig begeistert von den Plänen, an der Landhauskreuzung einen Besuchermagneten mit überregionaler Anziehungskraft zu schaffen.
Mit dem Musical stieg der Parkdruck in den Wohngebieten
Durch eine Pressemitteilung erfuhr Klaus Eberle von den geplanten Bauten unweit seines Wohnhauses. Für den Möhringer kein Grund zur Freude: Er befürchtete negative Auswirkungen. Deshalb gründete er mit seinen Nachbarn eine Anwohnerinitiative. Den Kontakt zum Bauleiter damals beschreibt er als konstruktiv: „Er war bemüht, unsere Erwartungen und Befürchtungen hinsichtlich des Verkehrsaufkommens zu entkräften.“
Die Tiefgarage sollte die Besucher davon abhalten, die Autos in den umliegenden Wohngebieten abzustellen. „Als das Musical in Betrieb ging, war es eine pure Katastrophe. Jeder parkte im Salzäcker: Autos sowie Busse“, erzählt Eberle. Der Grund: Das Parken in der Tiefgarage war gebührenpflichtig. „Das bedeutete ständigen Lärm und Wegfahren – man konnte kaum die Fenster offen haben. Ich persönlich hatte überlegt wegzuziehen, wenn es sich nicht bessert.“
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Stattdessen nahm Eberle die Dinge selbst in die Hand. Mit der Anwohnerinitiative protokollierte er zwei Wochen lang das Kommen und Gehen. Die aufgearbeiteten Daten ließ er dem Amt für öffentliche Ordnung zukommen: „Denen viel die Kinnlade herunter!“, erinnert er sich. Und so konnte er einen ersten Erfolg verzeichnen: Salzäcker und Kolbäcker wurden zur sogenannten Parkschutzzone: „Diese dient dazu, unberechtigte Leute davon abzuhalten, dort vor allem nachts zu parken.“ Jeder ansässige Haushalt hat Anrecht auf einen Parkausweis – wer keinen solchen vorweisen kann, darf dort abends und nachts sowie wochenends das Auto nicht abstellen.
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Um die Besucher des SI-Centrums zusätzlich davon abzuhalten, wurden außerdem Schranken installiert. Weil der Aufwand, die Ausweise an die Anwohner auszugeben, für das Bürgerbüro immens war, half die Anwohnerinitiative. „Nur hinstehen und protestieren bringt nichts – man kann aber unterstützen“, sagt Eberle.
Die Lösung mit den Schranken fand nicht nur Zustimmung
Nicht jeder Anwohner zeigte sich von der Lösung begeistert. Die Sorge war, dass Freunde und Bekannte bei einem Besuch keinen Stellplatz in Hausnähe finden würden – vor allem bei Anlässen wie Konfirmationen. „An zwei Stellen wurden deshalb sogenannte Leih-Ausweise deponiert. Die gibt es immer noch – die Frage ist, ob auch wirklich 30 Parkplätze frei sind“, sagt Eberle mit einem Grinsen.
Als ein zweites Musical-Theater realisiert werden soll, keimten die Proteste der Anwohner wieder auf. Eberle erinnert sich an „regelrechte Protestveranstaltungen“: „Das Musical zu verhindern, war unmöglich. Aber die Randbedingungen für die Anwohner verbessern, das konnten wir.“
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Inzwischen sind im SI-Centrum neben dem Stage Apollo Theater, dem Stage Palladium Theater sowie der Spielbank Stuttgart auch das Kino Cinemaxx sowie die Kanto Schwaben Quellen untergebracht. Übernachten können die Gäste in den SI-Suites und im Dormero Hotel, speisen in einem der vielzähligen gastronomischen Betriebe.
Profitieren Hotels und Gastronomie in Möhringen durch das SI-Centrum?
Vor allem die Aquarien haben früher zu Spaziergängen eingeladen: „Man hat es früher gerne besucht: Wenn wer aus anderen Städten zu Besuch war, hat man denjenigen durch die Katakomben geführt oder ist mal zum Biertrinken hingegangen“, sagt Volker Grosser, Vorstand des Bürgervereins Möhringen. Doch solche Besuche gehören der Vergangenheit an – auch, weil sich der die beiden Theater unterirdisch verbindende Tunnel optisch verändert hat. Von Fischen und Korallen ist hier keine Spur mehr. „Dass Möhringen durch das SI-Centrum mehr wahrgenommen wird, steht außer Frage. Hotellerie und Gastronomie profitieren“, resümiert Grosser.
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Eberles Fazit fällt negativer aus: „Die Bekanntheit Möhringens ist dadurch gestiegen – aber ob es eine Bereicherung ist, das weiß ich nicht.“ Inzwischen hat er Frieden geschlossen mit dem Erlebniszentrum in seiner Nachbarschaft. Doch einen Seitenhieb kann er sich nicht verkneifen: „Meine persönliche Rache ist: Ich war noch kein einziges Mal im Musical!“