Der Scharnhauser Park ist der jüngste und wohl auch der bekannteste Stadtteil von Ostfildern und gilt als Beispiel für mutige Stadtentwicklung. 1968 war es noch ganz anders.
Ostfildern - Sein Lieblingsort ist die Dachterrasse des Stadthauses im Scharnhauser Park. Von dort kann Ostfilderns Oberbürgermeister Christof Bolay nicht nur den Blick hinüber zum Albrand schweifen lassen. „Da oben erkennt man auch das überzeugende städtebauliche Konzept des Stadtteils mit seinen verschiedenen Quartieren.“
Der jüngste Teil von Ostfildern ist zwar einst am Reißbrett entstanden. Er hat sich aber zu einem blühenden, mit städtischem Leben erfüllten Ort entwickelt: „Der Scharnhauser Park hat Ostfildern mit der Landesgartenschau, dem Stadtbahnanschluss und seinem städtischen Charakter einen entscheidenden Schub gegeben, von dem auch die anderen Stadtteile profitieren“, beschreibt der Rathauschef die Bedeutung des von den Einwohnern liebevoll Schapa genannten Areals.
Heute leben dort 8500 Menschen
Im Jahr 2021 hat der Scharnhauser Park seinen 28. Geburtstag feiern können – wobei: so einen richtigen Spatenstich hat es für das inzwischen mit mehreren nationalen und internationalen Preisen bedachte Quartier nie gegeben. Aber am 3. Mai 1993 hat der Ostfilderner Gemeinderat die städtebauliche Konzeption für den neuen, den sechsten Stadtteil der Kommune beschlossen – und damit den Weg zur Neubesiedlung freigemacht. Rund 20 Jahre hat es gedauert, bis schließlich alle auf 140 Hektar zur Verfügung stehenden Flächen bebaut waren. Heute leben im Scharnhauser Park rund 8500 Menschen.
Der Luftbildervergleich zeigt den Scharnhauser Park 1968 und heute:
Die Geschichte des Scharnhauser Parks reicht viele Jahrhunderte zurück – und doch haben die Menschen der Region lange Zeit mit dem Areal, das heute als Mustersiedlung dasteht, nicht viel anfangen können. Denn zwischen 1784 und 1994 war das Gelände für den Normalbürger nicht zugänglich.
Bis in die Weimarer Republik ein Privatgestüt
Dafür gab es mehrere Gründe. Zunächst waren es Monarchen, die das hübsche Gelände mit freiem Blick auf die Alb für sich beanspruchten. Das 1817 von König Wilhelm I. von Württemberg gegründete Privatgestüt Scharnhausen war es auch, das dem Areal den Namen gab.
Bis in die Weimarer Republik hinein existierte das Gestüt. Als sich die monarchischen Zeiten dem Ende näherten, sollte dort, wo heute der Scharnhauser Park zu finden ist, eigentlich der Landesverkehrsflughafen entstehen. Doch bei genaueren Untersuchungen stellte sich heraus, dass das Gelänge zwischen den Dörfern Scharnhausen, Ruit und Nellingen schon damals den Anforderungen an einen modernen Passagier-Großflughafen nicht genügte. Erst bei der neuerlichen Suche kam für den Airport dann der heutige Standort bei Echterdingen ins Spiel. Das so frei gewordene Gelände bei Scharnhausen nutzte das Reichsluftfahrtministerium von 1937 an, um dort einen militärisch eher unbedeutenden Fliegerhorst zu betreiben. Zudem wurde im nördlichen Teil des Areals die Forschungsanstalt Graf Zeppelin betrieben.
Einst Flugplatz und Fliegerhorst
Nach dem Krieg sicherten sich dann die Amerikaner das militärisch interessante Gelände. Von 1947 bis zum Truppenabzug 1992 – also auch zum Zeitpunkt, als unser Luftbild 1968 entstand – füllten die Nellingen Barracks der Amerikaner den Flugplatz und das Fliegerhorst-Gebäude.
Was dann kam, muss man schon als weitsichtige Entscheidung loben. Der Mut, einen komplett neuen Stadtteil zu planen und sich dazu auch noch um die Landesgartenschau 2002 zu bemühen, um deren Freiflächen später dann eine urbane Siedlung entstehen konnte, war wegweisend – das Vorhaben ist zu Recht 2006 mit dem deutschen Städtebaupreis ausgezeichnet worden.
Die Spuren der Landesgartenschau sind sichtbar
Auch heute sind die Spuren der Landesgartenschau noch deutlich zu erkennen. Es gibt wunderbare und außergewöhnliche Spielmöglichkeiten für den Nachwuchs. Die das Stadtbild prägende markante Landschaftstreppe ist inzwischen von größeren Wohnblocks als städtischer Kante umgeben. Es gibt ganz verschiedene Wohnformen, auch Mehr- und Einfamilienhäuser wurden errichtet. Jeder, der dort bauen wollte, musste sich aber dem großen städtebaulichen Plan unterordnen.
Es gibt im Scharnhauser Park eine Schule, eine Stadtbahnanbindung, die bei den vielen Pendlern nach Stuttgart beliebt ist, Geschäfte, ein Biomasse-Heizkraftwerk, ein Nachbarschaftshaus für Demenzkranke, einen Jugendtreff, eine Markthalle und das ebenfalls preisgekrönte Stadthaus, in dem nicht nur der Gemeinderat oft tagt, sondern das auch als Städtische Galerie genutzt wird.
„Flammende Sterne“ locken die Massen an
Der renommierte Architekt Franz Pesch hat das Konzept einmal im Gespräch mit unserer Zeitung in den höchsten Tönen gelobt: Im Scharnhauser Park herrsche eine urbane Dichte, die dennoch Klein- und Mittelstadtambiente zulasse: „Das hat einfach Stil und ist gut gemacht.“ Nicht ganz so positiv fiel sein Urteil zu manchem Funktionsgebäude im Ortskern aus. Aber letztlich müsse auch guter Städtebau manchmal ein mittelmäßiges Objekt vertragen.
Christof Bolay sieht dennoch eine hohe Identifikation vieler Bürger mit ihrem neuen Wohnquartier. Viel hätte er, wenn er damals bei den Planungen bereits dabei gewesen wäre, auch nicht anders gemacht: „Vielleicht hätte ich mich für ein zentrales Rathaus für Ostfildern stark gemacht“, sagt er und schmunzelt. „Hinterher ist es immer leicht, es besser zu wissen. Außerdem wäre das damals wohl auch nicht durchsetzbar gewesen.“
Und noch etwas macht den Scharnhauser Park einzigartig – zumindest dann, wenn nicht Corona gerade mal wieder alle Großveranstaltungen torpediert: Das dreitägige Feuerwerksspektakel „Flammende Sterne“ ist derart beliebt, dass etliche Familien ihren Sommerurlaub so planen, dass sie es nicht verpassen.