1969 ist das Ritter-Sport-Logo fast identisch mit dem von heute. Foto: Alfred Ritter GmbH & Co. KG

1968 war für die Waldenbucher Schokoladenfirma ein prägendes Jahr. Alfred Otto Ritter traf strategische Entscheidungen, die im Rückblick als Meilensteine der Firmengeschichte bewertet werden können.

Länglich geformt und einheitlich in braunes Papier gewickelt – die meisten Schokoladentafeln der Firma Alfred Ritter lagen in den 1960er Jahren optisch wenig auffällig in den Süßwarenregalen. Vielleicht wären sie es auch heute noch, wären da nicht die Jahre 1968/1969 gewesen. „Damals wurden einige Grundsteine gelegt, die unsere Marke bis auf den heutigen Tag prägen und erfolgbestimmend waren“, sagt Jürgen Först. Er leitet das Unternehmensarchiv der Waldenbucher Schokoladenfabrik und hat neben historischen Bildern und alten Werbespots viele spannende Firmendetails aus den besagten Jahren herausgefunden.

 

Wer an Ritter-Sport-Schokolade denkt, der hat heute sofort das quadratische Format vor Augen. Denn bis auf den Rum-Riegel haben sämtliche Ritter-Sport-Tafeln diese symmetrische, viereckige Form. Doch von der Firmengründung 1912 bis Ende der 1960er Jahre war das nicht so: Das Sortiment umfasste unter anderem Pralinen, Langtafeln, Oster- und Weihnachtsartikel. „Clara Ritter hat das Schokoladenquadrat zwar schon 1932 erfunden, aber die Konzentration darauf fand erst Ende der 60er Jahre statt“, sagt Först. Nach und nach wurden die anderen Formen aus dem Sortiment genommen, und das Quadrat wurde zum Markenzeichen der Waldenbucher Firma. Der Archivar stellt fest: „Die Konzentration auf das Quadrat war eine der großen strategischen Entscheidungen von Alfred Otto Ritter, dem Sohn des Unternehmensgründers.“

Umzug von Bad Cannstatt nach Waldenbuch

1968 war auch das Jahr der großen Expansion bei der Alfred Ritter GmbH. Zum einen räumlich: Auf dem Firmengelände am Rande des Schönbuchs, wohin das Unternehmen 1930 von Stuttgart-Bad Cannstatt aus umgezogen war, wurde ein weiterer Neubau eingeweiht. Dadurch war die Produktion von 500 000 Tafeln am Tag möglich geworden. Damit einher ging ein Ausbau des Vertriebs. „Bis dahin war der Schwerpunkt der unternehmerischen Tätigkeit Baden-Württemberg gewesen“, sagt der Archivar. Außerhalb des Bundeslandes sei in den Jahren zuvor nur eine sehr kleine Menge verkauft worden. „Die Ausweitung der Distribution auf ganz Deutschland begann 1968/69.“ Noch etwas später, Anfang der 1970er, wurde dann erstmals auch in andere Länder exportiert.

Um in neuen Märkten auf sich aufmerksam zu machen, wurde freilich auch die Werbung hochgefahren, sowohl in Fernseh- und Radiospots als auch in Zeitungen und Illustrierten. Wurde bis dato noch mit Sprüchen geworben wie: „Bei Sport und Spiel an jedem Ort: Köstlich schmeckt die Ritter Sport“, oder: „Ritter Vollmilch stärkt sofort – eine echte Ritter Sport!“, kam nun ein neuer Slogan auf, der sich bis heute hält und gerne zitiert wird: „Quadratisch. Praktisch. Gut.“ Seine Wurzeln hat der einprägsame Spruch im Jahr 1968. „Der Slogan wurde 1968 von einer Werbeagentur kreiert und ist 1969 das erste Mal in der Werbung aufgetaucht“, hat Jürgen Först herausgefunden. Auf den alten Werbeclips von damals sind junge, schöne Menschen, die in der Sonne spazieren, lachen und sich dabei Schokolade teilen. „Für alle, die Schokolade genießen wollen, ohne viel darüber nachzudenken. Genuss ohne Umstände“, sagt ein Sprecher, während im Hintergrund Blasmusik aufspielt. Und weiter: „Die junge Schokolade. Quadratisch. Praktisch. Gut.“

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Ein weiterer Unternehmensmeilenstein datiert ebenfalls im Dreh- und Angeljahr 1968. „Da haben wir unsere Sorte Vollnuss kreiert“, sagt Först. „Sie ist die Verkörperung der Marke Ritter Sport schlechthin.“ Bis heute zählt sie zu den beliebtesten Tafeln im Sortiment und ist auf dem weltweiten Markt die meistverkaufte Ritter-Sorte. Das besondere und neuartige an ihr seien damals die ganzen Nüsse gewesen, erklärt der Archivar. Von anderen Schokoladenherstellern habe man nur Nussstückchen gekannt. Da aber die quadratischen Ritter-Sport-Tafeln eine kleinere Grundfläche bei gleichbleibendem 100-Gramm-Gewicht hatten und dadurch dicker wurden, war es erstmals möglich, die Haselnüsse nicht gehackt, sondern als ganze Kugeln in die Schokolade zu geben.

Vier Jahre Vorfreude auf Olympia

Eine Besonderheit der neuen Nuss-Sorte war, dass auf ihrer Verpackung das Münchner Olympiastadion abgebildet war. Obwohl das Sportgroßereignis erst 1972 ausgetragen wurde, wurden die Nusstafeln gleichwohl von 1968 an damit geschmückt. Heute kann man sie als Zeitzeugnis einer ausdauernden Vorfreude sehen, wie sie heute wohl kaum noch denkbar wäre.

Was für die Ritter-Sport-Tafeln beinahe ebenso markant ist wie ihre Form, ist der sogenannte „Knick-Pack“. Eine Erfindung aus – natürlich dem Jahr 1968. Von da an wurde die Vollnuss-Schokolade in einem Schlauchbeutel verpackt statt in der bis dahin üblichen Kuvert-Hülle, die ähnlich einem Briefumschlag gefaltet wurde. Stattdessen wurden die Nusstafeln fortan (und ab 1976 dann das gesamte Sport-Sortiment) in Schlauchbeutel gepackt, die an zwei Seiten zugeschweißt wurden – Ritter-Mitarbeiter nennen die abstehenden Zipfel „Flossen“. Um diesen Schlauchbeutel geschickt öffnen zu können, wurde die Verschlussnaht auf der Rückseite seitlich versetzt, sodass sie beim Brechen der Tafel genau an dieser Stelle aufreißt. „Das war ein Kunstgriff“, sagt der Archivar Jürgen Först. Tatsächlich war es eine Erfindung, die kam, um zu bleiben: Bis heute ist das gesamte Sortiment im Knick-Pack verpackt.

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Und noch eine typische Ritter-Sport-Eigenheit nahm Ende der 1960er Jahre ihren Anfang: die Farbigkeit. Liebhaber können die Farben im Schlaf aufsagen: Edel-Vollmilch in himmelblau, Marzipan in rot, Knusperflakes in gelb und so weiter. Im Supermarktregal gleichen die nebeneinander aufgereihten Tafeln heutzutage dem Farbfächer eines Malerbetriebs. Das war nicht immer so: „Früher waren alle Tafeln in Brauntönen gehalten, nur Pfefferminz war im Goldton“, sagt Jürgen Först. 1969 wurde der erste Schritt in Richtung Farbigkeit gemacht, indem die bis dato braun verpackten Tafeln bunte Ecken bekamen. „Das war eine Vorstufe der farbigen Palette. Die kam 1974 für das gesamte Sortiment und ist bis heute ein Kennzeichen der Marke Ritter Sport.“

Heute zählt das Unternehmen 1750 Mitarbeiter weltweit

Offensichtlich traf der damalige Geschäftsführer Alfred Otto Ritter mit seinen strategischen Entscheidungen den richtigen Nerv der Verbraucher, wie ein Blick in die Buchhaltung zeigt. 1968 wurde ein Umsatz von 52 Millionen D-Mark verbucht; elf Jahre zuvor waren es noch 14 Millionen D-Mark gewesen. Seither wuchs die Waldenbucher Firma stetig weiter. Heute wird ein Umsatz von 505 Millionen Euro verbucht, täglich werden bis zu 3,5 Millionen Tafel produziert. Die Zahl der Mitarbeiter, die 1968 noch mit 260 angegeben wurde, liegt heute bei 1750 weltweit.

Wo auf den Luftbildern von damals noch manche freie Wiesenfläche hervorblitzt, ist es inzwischen eng geworden. Am Stammsitz kann nicht mehr erweitert werden, weshalb bereits ein Bebauungsplanverfahren im nahe gelegenen Gewerbegebiet Bonholz läuft. Und auch nach Österreich hat die Alfred Ritter GmbH &Co. KG ihre Fühler ausgestreckt und mit dem Kauf des Werks von Amicelli neue Produktionsflächen in Breitenbrunn am Neusiedlersee hinzugewonnen. Dem Markenzeichen, dem Quadrat, bleibe man auch mit den Waffelröllchen treu, sagte unlängst ein Unternehmenssprecher: „Amicelli werden in einem Sechseck verpackt, da steckt das Quadrat mit drin.“