Wilhelm Kirschner mit einem historischen Band über Filderstadt. Das linke Bild zeigt das Dorf von oben im Jahr 1943, das rechte ist ein Ergebnis der Befliegung 1968. Foto: Jacobs

Wilhelm Kirschner hat in der Stadtplanung gearbeitet und lebt für seinen Geburts- und Heimatort Plattenhardt. Die Geschichte einer schwierigen Liebe.

Plattenhardt - Wilhelm Kirschner hat sich auf den Besuch vorbereitet. Der Wohnzimmertisch ist verschwunden unter Büchern und säuberlich geordneten Papierstapeln. Filderstadt-Plattenhardt von oben in Karten, Fotos, Zeichnungen und anderen Dokumenten. Das, was die Quellen auf dem Tisch nicht erzählen, liefert Kirschner in Worten dazu. Zum einen, weil er als Diplom-Geograf vom Fach ist. Bis zu seiner Pensionierung vor wenigen Jahren war Kirschner Projektleiter für städtebauliche Erneuerung der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG), die später in der LBBW aufgegangen ist. Zum anderen, weil er ein echter Plattenhardter ist. 1952 kam der heute 69-Jährige im Haus Uhlbergstraße 22 auf die Welt, gegenüber dem bereits in den 1960er Jahren abgerissenen Seyserhof.

 

Von der Treppe beobachtete er das Treiben auf der Hauptstraße

Das Geburtshaus ist seit Langem nicht mehr im Familienbesitz, aber es steht noch, schräg gegenüber dem Rewe-Markt in der Ortsmitte. Immerhin. Selbst die Treppe am Haus, auf der Kirschner als Kind immer thronte, um das Treiben auf der Hauptstraße im Auge zu haben – es könnte ja sein, dass jemand den kleinen Wilhelm mitnahm und auf dem Pferd die letzten Meter bis zur Schmiede reiten ließe –, gibt es noch.

Ansonsten ist nur noch wenig aus seiner Kindheit in Plattenhardt erhalten. Und – das ist der Kern dieser Geschichte – eigentlich viel zu wenig. Das findet jedenfalls Wilhelm Kirschner. Andernorts in Deutschland begannen Kommunen in den 1980er Jahren umzudenken. Behutsam restaurierten sie ihre Ortskerne und versuchten, ortsteilprägende Bauten zu erhalten. Als Projektleiter für städtebauliche Erneuerung arbeitete Kirschner für die LEG in ganz Baden-Württemberg an der Planung und Umsetzung von Sanierungsgebieten. In Mühlacker betreute er einmal gar sieben Gebiete parallel.

Viele Höfe fielen dem Abrissbagger zum Opfer

In der Plattenhardter Ortsmitte dagegen fiel weiter Gehöft um Gehöft dem Abrissbagger zum Opfer. Ersetzt wurden die Höfe, vielfach sogenannte fränkische Hakengehöfte, die giebelseitig zur Straße stehen, fast immer durch mehrgeschossige Wohn- und Geschäftsbauten. Investorenarchitektur, die nicht danach fragt, sich in ein bestehendes Gebäudeumfeld einzufügen. „Als ich Kind war, hatte Plattenhardt einen schönen alten Baubestand“, sagt Kirschner und blättert zum Beleg durch einen der Heimatbände. Seite um Seite Einblicke in das alte Dorf in Schwarz und Weiß. Dieser Baubestand sei durchaus bemerkenswert auf den Fildern für ein wenig begütertes Handwerker- und Arbeiterdorf, wie es Plattenhardt einst gewesen ist. Heute, so findet Kirschner, sei die Ortsmitte städtebaulich stark vernachlässigt. Er geht noch einen Schritt weiter: „Sie ist ihrer Identität beraubt.“

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Dabei macht Kirschner nicht den Eindruck eines Ewig-Gestrigen. In Jeans und Pullover wehrt er an seinem Wohnzimmertisch jede Zuschreibung ab, ein puristisch angehauchter Architekturästhet zu sein. Kirschner lacht. „Bestimmt nicht. Wer städtebaulich saniert, muss Pragmatiker sein.“ Vielmehr treibt ihn als Fachmann die Frage um, warum ausgerechnet in seiner Heimatstadt die Bedeutung von städtebaulicher Planung für Identität und eine funktionierende Ortsmitte so wenig Gewicht hat. „Kümmern Sie sich mal um Filderstadt“, habe man ihm kurz vor seiner Pensionierung im Regierungspräsidium im Referat für städtebauliche Erneuerung mit auf den Weg gegeben. Kirschner muss schmunzeln, als er dies schildert.

Lage zwischen Streuobstwiesen und dem Schönbuch

„Wissen Sie, meine Frau und ich wollten hier nie weg“, sagt er. Die Familie, die Freunde, die tolle Lage Plattenhardts inmitten der Streuobstwiesen und am Grabenbruch des Schönbuchs: „Was wollen Sie mehr? Hier will doch jeder wohnen.“ Nur weil die Preise für Eigentum in seiner Heimatstadt bereits in den 1980er Jahren für die junge Familie unerschwinglich waren – „der Siedlungsdruck wegen der Nähe zu Stuttgart war hier eben immer schon groß“ – zog sie nach Waldorf-Häslach. Gerade so weit weg als eben nötig.

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Als Anfang 2000 Kirschners Patentante verstarb, ihr Haus in Plattenhardt frei wurde und seine Cousinen ihm sagten „Kannsch han!“, da überlegten er und seine Frau keinen Moment: Sie sagten zu und sanierten das Haus, das in den 1950er Jahren auf dem Kartoffelacker seiner Oma erbaut worden war. Es ist quasi ein Musterbeispiel für die Neubauten der ersten Bauwelle in Plattenhardt nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis dahin war der Stadtteil ein typisches Straßendorf: kein Zentrum, dafür eine „lange Mitte“.

Dann wurden in den Gärten neue Gebäude gebaut

Kirschner deutet in einem der Bücher auf eine Luftaufnahmen aus dem Jahr 1943. „Und dann hier, 1968, sehen Sie, dass die Leute mittlerweile die Gärten dahinter bebaut haben.“ Auch diese Entwicklung hat seiner Familie mitgemacht. „Meine Onkel haben alle auf den Gartengrundstücken der Familie in der Reute gebaut, einer fast neben dem anderen.“

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Kirschner korrigiert sich: Eigentlich könne man gar nicht von Wellen sprechen. „Eigentlich wird in Plattenhardt bis in die Gegenwart durchgebaut.“ Als eines der ersten Baugebiete erschloss das Siedlungswerk in den 1950er Jahren für 650 Vertriebe das Gewann Lehmgrube. Viele weitere kamen hinzu. „Und wenn es nach diesem Bebauungsplan aus den 1960er Jahren gegangen wäre“, Kirschner zieht eine Karte aus einem Stapel heraus, „dann wäre es noch viel mehr geworden“. Selbst eine Hochhaussiedlung in der Ortsmitte sah man damals vor. Kirschner ist froh, dass es dazu – Stand jetzt – nicht mehr kommen kann.