Mit über 250 Hektar ist das Gewerbegebiet Neue Neckarwiesen und Sirnau das größte in Esslingen. 1968 sah es hier noch ganz anders aus: Wo heute Fabrikhallen stehen, waren vor 54 Jahren östlich der Röntgenstraße fast nur Neckarwiesen und Felder.
BW von oben - Wir waren lange allein auf weiter Flur“, erinnert sich Ulrich Spieth. Er ist der ehemalige Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Wilde und Spieth, die er gemeinsam mit seinem Bruder Rudolf Spieth leitete. Bereits 1964 zog das Unternehmen als erstes auf das noch unbesiedelte Gewerbegebiet auf den Neckarwiesen östlich der Röntgenstraße.
Der inzwischen pensionierte Geschäftsführer, Baujahr 41, erinnert sich: „Es war weit und breit kein einziger Laden und auch keine Gastwirtschaft vorhanden.“ Dies sei ein Problem gewesen, da die Mitarbeiter keine Möglichkeit hatten, sich vor Ort zu verpflegen. Das Unternehmen richtete deshalb eine Kantine ein, wo die Mitarbeiter Brötchen, Brezeln, Wurst und Getränke kaufen konnten. „Man darf nicht vergessen: Es gab noch keine 35 Stundenwoche, sondern man arbeitete immer circa 45 Stunden“, sagt Spieth. Als in den folgenden Jahren die Arbeitszeit immer weiter reduziert wurde, war auch die Kantine davon betroffen.
Zeppelinstraße mündete in einen Schotterweg
Das Unternehmen Wilde und Spieth wurde 1831 von Wilhelm Ludwig Spieth als Schreinerei gegründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sie sich zu einer international bekannten Firma für Designermöbel und Turngeräte. Ursprünglich wollte der Handwerksbetrieb gar nicht in das jungfräuliche Gewerbegebiet ziehen, dessen Erschließung nach Angaben des Stadtarchivs Esslingen 1962 mit dem Bau der Kanalisation begann. „Der damalige OB Dieter Roser hatte unserem Bauantrag 1960 nicht entsprochen, unsere Fertigungsfläche in der Plochinger Straße zu vergrößern. Er bot dafür ein Grundstück in der Zeppelin-Ecke Röntgenstraße an, das aber damals noch nicht erschlossen war“, erinnert sich Ulrich Spieth. Die Zeppelinstraße mündete 1968 direkt nach dem Firmengebäude in einen Schotterweg. 1979 wurde das Firmengebäude um einen Anbau erweitert, und mit der Ansiedlung weiterer Firmen wurde auch die asphaltierte Zeppelinstraße länger.
Aller Anfang ist schwer
Bis in die 80er-Jahre sei mit Bahngleisen nach Zell versucht worden, weitere Unternehmen in das Industriegebiet zu locken. Von den Schienen gibt es heute keine Spur mehr. Sie wurden zurückgebaut und verschwanden letztlich ganz. „Die Firmen Fritz-Müller und Diehl versandten ihre Produkte über diesen Schienenstrang. Die Gleise endeten nach uns bei der Spedition Diehl,“ erinnert sich Spieth.
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Nachdem sich weitere Industriebetriebe angesiedelt hatten, wurden die Bauplätze immer rarer und die Grundstückspreise stiegen. „So langsam waren alle Möglichkeiten für Vergrößerungen der Betriebe am Ende.“ 2013 zog die Produktion der Turngeräte in ein neues Gebäude nach Altbach, weil sie ihre Fertigungshallen in Esslingen nicht mehr erweitern durften. Heute hat ein Unternehmen für Veranstaltungstechnik, Neumann und Müller, den größten Teil der Hallen gemietet.
Das Berufsschulzentrum entsteht
Aber nicht nur Unternehmen zog es auf die Neckarwiesen, auch die beruflichen Schulen kamen in das Gewerbegebiet, und es entstand das Berufsschulzentrum. Zuerst kamen die Käthe-Kollwitz- und die Friedrich-Ebert-Schule, deren Gebäude dem Bauarchiv Esslingen zufolge bereits 1978 gebaut und 1984 erweitert wurden. 2019 wurde die neue Sporthalle eingeweiht.
Die John-F.-Kennedy-Schule war die letzte, die auf dem inzwischen stark bebauten Gebiet Platz fand. Für sie war der Weg ins Industriegebiet lang. Seit 1886 gab es in Esslingen eine kaufmännische Fortbildungsschule, die aber noch kein eigenes Schulgebäude hatte. Erst 1913 bekam die Esslinger Handelsschule eigene Räume im neu erbauten Feuerwehrhaus an der Ecke Kies- und Adlerstraße, auf dessen Dach als Symbol ein Handelsschiff angebracht war. Es dauerte noch mal einige Jahre, bis die Schule 1960 in ihr eigenes Gebäude in der Schorndorfer Straße zog. Das Schiff wollten sie mitnehmen, es wurde aber von der Feuerwehr zurückgefordert. Die tatsächlichen Eigentumsrechte seien bis heute nicht geklärt, sagt Oberstudienrat Bernd Kreß.
Nach dem Attentat auf John F. Kennedy wurde der ehemalige US-Präsident der neue Namensgeber der Schule, was damals nicht überall auf Begeisterung stieß. Auch weil die Schule nichts mitzureden hatte: Der Name wurde von der Stadt Esslingen direkt dem Kultusministerium vorgeschlagen.
John-F.-Kennedy-Schule: Renovieren oder Neubau?
1996 zog die John-F.-Kennedy-Schule ins Industriegebiet Neckarwiesen. Das 168 Meter lange Gebäude mit dem grün bewachsenen Dach soll, so Architekt Jörg Aldinger, an einen Schiffsrumpf erinnern, dem einstigen Symbol der Schule. In seiner Rede zur Eröffnung des neuen Schulgebäudes erzählte Oberstudiendirektor Joachim Schmid-Schippert, dass er 1987 den damaligen Dezernenten für Schulen im Landkreis Esslingen nach den Chancen für einen Neubau fragte. Dieser antwortete: „Vor dem Jahr 2030 halte ich einen Neubau für die John-F.-Kennedy-Schule für nicht möglich.“ Dass ein Neubau offensichtlich deutlich früher möglich war, ist laut Frank Swoboda, Fachabteilungsleiter des Wirtschaftsgymnasiums, Schmid-Schippert zu verdanken, der sich in das Thema reingebissen habe. Es wurde lange diskutiert, ob das alte Gebäude renoviert und erweitert werden sollte oder ein Neubau sinnvoller sei.
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Mit dem Projekt „BW von oben“ zeigen wir Baden-Württemberg aus der Vogelperspektive 1968 und heute. Die Bilder stammen aus dem Landesarchiv.