Mittlerweile ist an der Flandernstraße ein modernes Wohnviertel entstanden. Rechts unten im Bild dominieren nun die Dächer der Hochschule. Foto: LGL

Die Flandernhöhe im Esslinger Norden hat ihr Gesicht in den vergangenen fünf Jahrzehnten verändert. Auf dem Areal der einstigen Funkerkaserne ist ein attraktives Quartier entstanden. Nach dem Wegzug der Hochschule soll sich auch dort einiges tun.

Esslingen - Wer Esslingen aus der Vogelperspektive betrachtet, kann vielerorts im Stadtgebiet Zeichen des städtebaulichen Wandels erkennen. Zu jenen Quartieren, die sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten am stärksten verändert haben, gehört die Flandernhöhe. Lange Zeit war das Areal entlang der Flandernstraße vor allem von der Funkerkaserne sowie dem Hochschulcampus geprägt. Doch mit dem Abzug der Militärs Anfang der 1990er-Jahre eröffnete sich für die Stadt die unverhoffte Möglichkeit, ein ganz neues, weitläufiges Wohngebiet zu schaffen, dessen Entwicklung noch längst nicht abgeschlossen ist: Wenn erst die Hochschule Esslingen ihren Standort in die Weststadt verlegt hat, kann sich die Wohnbebauung der Flandernhöhe weiter ausdehnen. Dass die Stadt Esslingen diese Chance nutzen möchte, ist unumstritten. Offen ist nur noch, wie das städtebauliche Konzept dann genau aussehen und wann es umgesetzt werden soll.

 

„Doppelter Symbolcharakter“

Als Bildungsstandort hat sich der Stadtteil St. Bernhardt schon lange etabliert: Die dortige Schule wurde 1967 eingeweiht – zunächst als Grund- und Hauptschule, inzwischen ist sie ausschließlich Grundschule. Der Hochschulcampus an der Flandernstraße wurde 1974 eingeweiht. „Dieser Standort besitzt doppelten Symbolcharakter“, heißt es in einer Hochschulchronik. „Zum einen repräsentiert er die jüngere Geschichte der Hochschule Esslingen, zum anderen ist seine Architektur ein passendes Anschauungsobjekt für die Bildungsvorstellungen seiner Entstehungsjahre.“ Im Volksmund „Akropolis“ genannt, erinnert das Hauptgebäude manche Freunde eines sachlichen Baustils sogar an Le Corbusier. Ursprüngliche Überlegungen, die Hochschule ganz abzureißen, wurden zuletzt wieder relativiert – eventuell können Gebäude auch umgenutzt werden. Ursprünglich wollte die Stadt dieses Projekt auch als Beitrag zur Internationalen Bauausstellung 2027 (IBA) anmelden. Weil jedoch unklar ist, ob und wie weit die Pläne dann bereits gediehen sind, wurde die neue Weststadt nominiert.

Im Bereich der einstigen Funkerkaserne erinnert heute nur noch wenig an die militärische Nutzung. Anders als die nahe Becelaere-Kaserne, die unter Denkmalschützern als erhaltungswürdig gilt und deshalb nach dem Abzug der Bundeswehr zu einem schmucken Wohnquartier im historischen Gebäudebestand umgestaltet wurde, blieb von der Funkerkaserne nur ein kleiner Teil erhalten, ansonsten standen die Zeichen auf Neubau. Nach dem Abschied der amerikanischen Truppen haben zwei Wohnblöcke eine Zeit lang mehr als 500 Asylbewerberinnen und -bewerbern ein Dach über dem Kopf geboten. Doch der damalige Oberbürgermeister Ulrich Bauer hatte rasch erkannt, dass sich der Stadt auf dem rund sieben Hektar großen Areal der Funkerkaserne große Möglichkeiten boten. Sein Credo, das er damals immer wieder formuliert hat: „Wir brauchen Wohnraum, Wohnraum und nochmals Wohnraum. Die größte soziale Not in Esslingen sind fehlende Wohnungen.“ Deshalb bemühten sich die Verantwortlichen im Rathaus umgehend, das Gelände von der Bundesvermögensverwaltung, die offiziell als Eigentümer fungierte, zu kaufen. Doch die Preisverhandlungen sollen zunächst alles andere als ein Selbstläufer gewesen sein. Schließlich setzte sich die Stadt jedoch durch und machte so den Weg frei für eine Neubebauung.

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Vorhaben wie dieses gab es Mitte der 1990er-Jahre auch an anderen ehemaligen Militärstandorten. Vielerorts wurden so genannte Konversionsprojekte angestoßen – ein prominentes Beispiel ist der Scharnhauser Park in Ostfildern, der auf dem Gelände der einstigen Nellingen Barracks entstanden ist. Für Franz Schneider, den Vize-Chef des Esslinger Stadtplanungsamtes, ist die Flandernhöhe „ein sehr gelungenes Beispiel dafür, wie es einer Stadt gelingen kann, Wohnraum zu schaffen“. Realisiert wurde und wird die Flandernhöhe in mehreren Etappen. Im Internet verweist der Bauträger nicht zuletzt auf die „wunderschöne Halbhöhenlage oberhalb der Esslinger Burg“, allerdings finden Interessenten den Hinweis: „Derzeit sind alle Wohnungen verkauft. Der nächste Bauabschnitt ist in Planung.“ Ein Teil des Areals ist bislang noch nicht bebaut, die baurechtlichen Weichen sind jedoch bereits gestellt. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich aus der Vogelperspektive weitere Veränderungen auf der Flandernhöhe zeigen werden.

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Garnisons- und Bildungsstandort

Militär
 Esslingen war schon im 18. Jahrhundert Garnisonsstadt. Mit der Becelaere-Kaserne, die anfangs noch Burg-Kaserne hieß, entstand ab 1914 ein neues Militärgelände in Halbhöhenlage oberhalb der Burg, das 1935 durch die Funkerkaserne ergänzt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Kasernen-Areal zunächst von der US-Army genutzt, die die Funkerkaserne bis in die frühen 90er-Jahre betrieb. In der Becelaere-Kaserne war später die Bundeswehr stationiert – zuletzt ein Feldjägerbataillon. Nach dessen Abzug 1994 wurde die Becelaere-Kaserne zu Wohnzwecken umgebaut, der Denkmalschutz reklamierte ein öffentliches Interesse an ihrem Erhalt. Nach der Räumung der Funkerkaserne wurden dort ab Mitte der 90er-Jahre in großem Stil Wohnungen gebaut.

Hochschule
 Der Hochschul-Standort an der Esslinger Flandernstraße wurde im Mai 1974 feierlich eröffnet und zunächst von der Fachhochschule für Sozialwesen und bis zu ihrem Ende im März 1984 von der Pädagogischen Hochschule genutzt. Derzeit sind auf dem dortigen Campus Teile der Hochschule Esslingen und des Seminars für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte untergebracht.