Messen, Verkostungen, Open-Air-Veranstaltungen oder wie hier die Kreismitgliederversammlung der Grünen: Das Römerkastell hat sich für zivile Zwecke bewährt. Foto: Lichtgut/ Schmidt

Die Reiterkaserne, ein ehemaliges Römerkastell in Stuttgart-Bad Cannstatt, ist mehr als 1900 Jahre militärisch genutzt worden, zuletzt von der US-Armee. Die gab zum Ende des Kalten Kriegs ihren Standort auf, und das Areal war frei für ziviles Leben, Film, Show und Zauberei.

Stuttgart - Der Weg entlang der Reiterkaserne im Hallschlag war jahrelang nicht sonderlich beliebt: bröckelndes Mauerwerk, missbraucht als Urinal, mit Sperrholz verrammelte Fenster im Parterre, Tore, die das Areal hermetisch abriegelten – eine verwahrloste No-go-Area. Umso größer war die Erleichterung, als die Liegenschaft vom Bund aufgegeben wurde und man sich nach zehn weiteren Jahren endlich zu einer Revitalisierung durchrang. Die MKM Römerkastell GmbH & Co. gewann den Investorenwettbewerb mit dem Konzept, Medien, Kunst und Musik dort anzusiedeln. Nicht hinter verschlossenen Kasernentoren, sondern für alle sichtbar, begehbar, erlebbar.

 

Den Römern auf der Spur

Das war ein Novum nach mehr als 1900 Jahren Militärgeschichte. Im Jahr 90 n. Chr. hatten die Römer hoch über dem Neckar die stärkste Militäreinheit zwischen Mainz und Augsburg aufgebaut. Cannstatt war dadurch rund 150 Jahre lang ein wichtiger Limes-Grenzort zum Schutz Reisender und Händler – bis die Alemannen 259/260 n. Chr. das Ende der römischen Herrschaft zwischen Rhein und Donau einläuteten. Dann wuchsen Gras und Reben über den Standort, bis der Archäologe Ernst Kapff den Römern auf die Spur kam. 1893 sollte auf dem Altenburger Feld der israelitische Friedhof erweitert werden, weshalb der Archäologe, Schriftsteller, Studienrat, Lehrer, Übersetzer und Dramatiker den Grund in Augenschein nahm und auf einen römischen Ziehbrunnen stieß. Fingerzeige auf das vermutete Kastell hätten ihm „die im Sommer 1893 im Neckar entdeckten Pfähle einer römischen Brücke“ und die „Auffindung einiger durch die Feldarbeit an die Oberfläche geratener Gussmauerbrocken“ gegeben, schreibt Kapff im „Limesblatt“, einem Mitteilungsorgan der Reichslimeskommission. Diese verfügte im Herbst 1893 Grabungen, die Fundamente des Kastells ans Licht brachten.

Dragoner und Kavallerie

Auch König Wilhelm II. von Württemberg nutzte das Quartier militärisch. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird das ehemalige Römerkastell zur Dragonerkaserne, weil man die Fläche der bisherigen Kaserne für den Neubau des heutigen Hauptbahnhofs brauchte. Im Ersten Weltkrieg sind französische Kriegsgefangene in der Kaserne untergebracht, von 1920 an logieren Reiterregimenter dort und während des Zweiten Weltkriegs Kavallerie- und Ersatzregimenter.

Quartier für Kreative und Nachbarn

Erst mit dem Ende des Kalten Krieges hatte die Militärtradition ein Ende, der geplante Abriss des Kastells wurde von visionären Stadträten verhindert. Heute sind neben Bars, Restaurants, Biergarten, Einzelhändlern und einer Eisdiele eine Kita und musikalische Früherziehung angesiedelt, Lofts sind entstanden. Der Manager der Fantastischen Vier, Andreas „Bär“ Läsker, lebt hier, umgeben von Design- und Werbeagenturen, Eventdienstleistern und Produktionsbüros. In den Studios der Bavaria Fiction wird die ZDF-Serie „Soko Stuttgart“ produziert. Das Pop-Büro Stuttgart ist ansässig, und auch der Dry-Gin Ginstr, Stuttgarts Trend-Wacholderbranntwein, wird vom Hügel über dem Neckar aus vermarktet. Die Macromedia, Hochschule für Medien und Kommunikation, Regio TV sowie die Magic Lounge von Thorsten Strotmann sind an dem Ort mit der langen Geschichte heimisch.

Der ehemalige Kasernenhof in der Mitte des Areals blieb unbebaut. Man wollte Open-Air-Veranstaltungen Raum bieten. Die Geschäfte und Büros sind in die ehemaligen Stallungen an der Westseite des Areals gezogen, in einem eingeschossigen Neubau ist eine Einkaufsarkade entstanden, umlaufend wurden Linden gepflanzt. Die Begrünung und der hübsch strukturierte Exerzierplatz sind die auffälligsten Signale für den geglückten Wandel.

Das Kastell wird zu Wallace Barracks

1968, als ein Luftbild aufgenommen worden ist, gab es keinen Sinn und keinen Platz für Bäume. Die US-Armee hatte sich dort 1945 einquartiertund nannte das Römerkastell fortan Wallace Barracks. Vom Haupttor aus gesehen, war das größte Gebäude an der rechten Seite das Hauptquartier. Das zweite, auch an der rechten Seite, diente den Soldaten als Unterkunft. In den Gebäuden auf der linken Seite gab es einen Speiseraum mit Küche, die Wache war im Eckgebäude untergebracht. Im Norden der Kaserne lagerte Material vor Werkstätten.

An die Zeit der Amerikaner erinnern sich viele Cannstatter. Das Militärgericht habe im Dachgeschoss getagt. Oder daran, dass sie als Kinder auf dem Weg zur Altenburgschule an der Kaserne vorbeigekommen sind und sich von den Soldaten den beliebten Chewing Gum, also Kaugummi, zuwerfen ließen. Der gelbe Anstrich ist übrigens nicht ein Mal erneuert worden, auch nicht vom Bund, der die Liegenschaft nach dem Abzug der Amerikaner 1990 übernahm. Erst als die Muse das Kastell küsste, kam wieder Farbe ins Spiel.