Bettina Polanski wartet mit Sohn Lukas auf den Bus. Die Unzuverlässigkeit mache ihr schwer zu schaffen,sagt sie, da sie als Schulbegleiterin darauf angewiesen sei, pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen – sie fürchte um ihren Arbeitsplatz. Foto: Horst Rudel

Ein emotional geführter Streit zwischen Eltern aus dem Kreis Esslingen und einem Stuttgarter Busunternehmen: Bei der Beförderung der Schüler der sonderpädagogischen Rohräckerschule soll es akute Mängel geben.

Ich weiß nicht, was ich machen soll. Es ist jetzt die fünfte Woche, und die Beförderung funktioniert gar nicht. Ich bin Ärztin und muss pünktlich bei der Arbeit sein, und mein Kind wird oft zu spät oder gar nicht abgeholt“, sagt Maria Mangold aus Ostfildern. Ihr zehnjähriger Sohn hat eine Behinderung und besucht die Esslinger Rohräckerschule. Mangold ist unter den vielen Eltern, die dem Busunternehmen Schlienz mit Sitz in Kernen im Remstal Versäumnisse bei der Beförderung vorwerfen. Der Elternbeirat der Rohräckerschule schreibt in einem Beschwerdebrief: „Selbstverständlich ist uns auch bewusst, dass krankheitsbedingte Ausfälle und Personalmangel auch bei Schlienz vorhanden sind, aber wir sehen das Wohl und die Sicherheit unserer Kinder gefährdet.“

 

Es handelt sich um das größte Busunternehmen im Landkreis Esslingen, das im Auftrag des Landratsamts für die Schülerbeförderung an die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungsstätten (SBBZ) verantwortlich ist. Auch Eltern, deren Kinder die Bodelschwinghschule in Stuttgart-Möhringen besuchen, melden Probleme mit Schlienz. Ein heikles und emotionales Thema, da die individuellen Bedürfnisse der Kinder und deren Eltern auf die komplexe Planung eines Unternehmens treffen.

Komplizierte Fahrpläne

Erhard Kiesel, der Geschäftsführer von Schlienz, sagt zu den Vorwürfen: „Wir wissen, dass es die sensibelste Art der Personenbeförderung ist, die es gibt. Die Planung ist superkomplex. Jedes Kind hat verschiedene Attribute: Beim einen ist eine Rollstuhlmitnahme erforderlich, beim anderen muss ein E-Rollstuhl mit, wofür man ein anderes Fahrzeug braucht.“ Diese und viele weitere Aspekte müssten miteingeplant werden. Das Busunternehmen mache diese Arbeit schon seit vielen Jahren. Wieso werden also gerade jetzt Beschwerden laut?

Krankmeldungen und Fahrermangel bei Schlienz

„Es läuft derzeit sehr schlecht, und es ist keine Besserung in Sicht“, sagt Bettina Polanski, Mutter des 16-jährigen Lukas, der die Esslinger Rohräckerschule besucht. „Es ist eine Schande, wie behinderte Kinder hier behandelt werden. Bisher gab es nach einer kurzen Phase zum Schuljahresbeginn eine Besserung. Diese Tendenz sehe ich derzeit nicht.“ Sie fürchte um ihren Arbeitsplatz, da sie als Schulbegleiterin pünktlich in der Schule sein müsse.

Laut Kiesel sei sich das Unternehmen der Tragweite der Problematik bewusst: „Die aktuelle Krankheitssituation ist zum Super-GAU geworden. In der zuständigen Fachabteilung sind sieben von acht Personen krank geworden. Wir müssen uns jeden Tag mit abwechselnden Fahrerkrankmeldungen durchkämpfen“, sagt Kiesel. „Wir haben den Verkehr aufrechterhalten, indem wir Personal aus anderen Abteilungen abgezogen haben.“ Zudem seien auch sie vom bundesweiten Fahrermangel betroffen.

Frage nach der Sicherheit

Neben mangelnder Zuverlässigkeit beklagt der Elternbeirat der Rohräckerschule auch mangelnde Sicherheit. So soll sich der Sohn von Deborah Schad im März bei einem Bremsvorgang auf der Heimfahrt im Bus den Oberschenkel gebrochen haben. Sein Rollstuhl sei nicht mit dem Fahrzeug verbunden gewesen. Statt den Rettungswagen zu rufen, sei der Fahrer mit dem verletzten Kind, das im Auto gelegen und geschrien habe, weitergefahren bis zu dessen Adresse. Der Fahrer habe erst zwei Wochen später gefragt, wie man den Rollstuhl richtig sichert. Laut Schad erklärte der Fahrer, dass er als Schulung nur ein 20-minütiges Video habe anschauen müssen. Als es ein paar Monate später einen Fahrerwechsel gegeben haben soll, habe sie den Fahrer auf die korrekte Sicherung des Rollstuhls hingewiesen, worauf dieser entgegnet habe, das sei nicht notwendig. „Doch, habe ich gesagt. Das ist sogar vorgeschrieben“, berichtet die Mutter.

Der Schlienz-Geschäftsführer weist diese Vorwürfe von sich und gibt an, dass jeder Fahrer ausreichend geschult werde. Wenn ein Fahrer behaupten würde, dass man es ihm nicht gesagt habe, wie man richtig sichert, könnten sie nichts machen. „Teilweise sprechen die Fahrer kein Deutsch, denen kann ich nicht einmal erklären, was ein epileptischer Anfall ist, und die sollen dann in einem Notfall den Rettungsdienst rufen“, sagt Judith Beier.

Landratsamt steht hinter Schlienz

Mit ihren Anliegen hätten sich die Eltern mehrfach an das Landratsamt gewandt. „Ich verstehe, dass es für die Eltern schwierig ist, mit dieser Situation umzugehen. Wir – und auch das Unternehmen – setzen alle Kräfte dafür ein, dass diese Situation so schnell wie möglich behoben wird“, sagt Johannes Weiß, Leiter des Amts für Kreisschulen im Landratsamt Esslingen. In der Regel sei Schlienz ein verlässlicher Vertragspartner. Und der Elternbeirat der Rohräckerschule sagt: „Wir möchten der Firma Schlienz gerne die Chance geben, das Vertrauen wieder aufzubauen, indem sie uns mit ins Boot nehmen.“

Die SBBZ im Landkreis Esslingen

Rohräckerschule
 Das Rohräckerschulzentrum ist vor der Bodelschwinghschule in Nürtingen und der Verbundschule in Dettingen die größte Einrichtung ihrer Art im Kreis Esslingen. Ihr angeschlossen sind Schwerpunkt-Beratungszentren mit den Themen Lernen, geistige Entwicklung, körperliche und motorische Entwicklung, Sprache und Schüler während längerer Krankenhausbehandlungen und Kindergärten.

Schülerzahlen
 Im Schuljahr 2021/2022 wurden nach Angaben des Landkreises insgesamt 1158 Schülerinnen und Schüler in den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren betreut, darunter 856 Kinder und Jugendliche am Rohräckerschulzentrum, 175 Schüler an der Bodelschwinghschule und 127 an der Verbundschule.