Auf Schloss Solitude zeigen Stuttgarts OB Frank Nopper (CDU) und der grüne Wahlsieger Cem Özdemir: Politische Schärfe darf auch mal eine süße Pause machen. Die Tortenkoalition steht!
Aber bitte mit Sahne! In den aufgeheizten Tagen nach der Landtagswahl ist immer wieder von einer „Schmutzkampagne“ die Rede. CDU und Grüne überziehen sich gegenseitig so heftig mit Vorwürfen, als wollten sie niemals zusammenkommen. Doch am Waldesrand hoch über Stuttgart bahnt sich am Donnerstagabend ein süßes Happy-end an: Himbeertorte statt Gift und Galle.
Auf Schloss Solitude treffen sich zwei, die zuvor völlig unterschiedlicher Meinung waren, friedlich vereint an der Geburtstagstorte zum Jubiläum des Stuttgarter Business Clubs. Gastgeber Jörg Mink bittet OB Frank Nopper (CDU) und den grünen Wahlsieger Cem Özdemir zum gemeinsamen Anschneiden – und tatsächlich: Die grün-schwarze Tortenkoalition steht.
Bringt Humor die zerstrittenen Parteien zusammen?
Humor kann vieles lösen – vielleicht auch den Weg zu einer gemeinsamen Regierung. Mit seinem neuen Vorschlag sorgt Festredner Nopper am Donnerstagabend für Lacher im Spiegelsaal: Wenn sich Cem Özdemir und Manuel Hagel angesichts der geringen Stimmendifferenz schon nicht auf die Rotation als Ministerpräsident einigen könnten, dann vielleicht wenigstens aufs gemeinsame Wohnen, findet der CDU-Politiker. „Vielleicht wäre es der Atmosphäre in der Koalition zuträglich, wenn Özdemir und Hagel zumindest die Dienstvilla beim Schloss Solitude gemeinsam beziehen“, sagt er.
Der Vorschlag einer Regierungs-WG kommt beim Publikum bestens an. Mit seiner früheren Idee, angesichts des Patts im Landtag könnten sich der Erstplatzierte und der nur hauchdünn Unterlegene die Amtszeit als Regierungschef teilen, hatte Nopper bei Özdemir wenig Begeisterung ausgelöst. Die Lage sei zu ernst für „Quatsch“, sagte der Grünen-Politiker dazu.
Gastgeber Mink platziert Cem Özdemir direkt neben Frank Nopper
Auf der Solitude wirkt die politische Lage an diesem Abend deutlich entspannter als in den Parteizentralen, Talkshows oder Pressekonferenzen. Beim 15. Geburtstag des Business Clubs sitzt Nopper am VIP-Tisch direkt neben Özdemir. Beide unterhalten sich so angeregt, dass Beobachter scherzen: Werden da etwa Koalitionsverhandlungen vorbereitet?
Während CDU und Grüne auf Landesebene derzeit auf Krawall gebürstet wirken, zeigen der Oberbürgermeister und der frühere Bundesminister, wie erwachsene Politiker miteinander umgehen können: freundlich, zugewandt und ohne erkennbare Schärfe.
Özdemir hat Karten fürs VfB-Spiel, kommt aber zum WIrt Jörg Mink
Am selben Abend spielt der VfB Stuttgart in der MHP Arena gegen den FC Porto – und verliert. Dass eingefleischte Fußballfans wie Nopper, Özdemir, der frühere EU-Kommissar Günther Oettinger oder Ex-VfB-Präsident und Business-Club-Präsident Erwin Staudt trotzdem auf der Solitude feiern, zeigt, wie beliebt Jörg Mink bei seinen Gästen ist.
„Dabei hatte ich zwei Karten fürs Spiel gegen Porto“, sagt Özdemir, der mit seiner Frau Flavia Zaka gekommen ist. Ob er tatsächlich in die Dienstvilla auf Schloss Solitude einziehen wolle? „Soll ich?“, fragt er schmunzelnd. Darüber habe er sich noch keine Gedanken gemacht. Zunächst geht es ihm wohl darum, sich der zutiefst verärgerten Landes-CDU anzunähern, um eine Koalition unter seiner Führung hinzubekommen.
Auf die Frage, ob Nopper mit dem freundlichen Gespräch bereits vormache, wie man Koalitionsverhandlungen führen sollte, antwortet er nüchtern: „Dazu bin ich gar nicht berechtigt.“
Gastronomie auf der Solitude ist „eine echte Challenge“
An diesem Abend geht es ohnehin vor allem um den Gastgeber und seine Community. Über 200 Gäste feiern den 15. Geburtstag des Business Clubs Stuttgart Schloss Solitude – und damit eine Erfolgsgeschichte, an die zu Beginn nicht viele geglaubt hatten. Das Essen holt sich jede und jeder selbst aus der offenen Küche, was sich als kommunikationsfördernd erweist. Cem Özdemir verlässt den Herd mit Kässpätzle. Er kennt und schätzt Jörg Mink, seit er in den Nullerjahren mit ihm in dessen Berliner Restaurant Oma Mina gemeinsam Maultaschen (vegetarisch) gekocht hat.
„Als ich mit dem Business Club angefangen habe, hörte ich oft: Das wird nie was“, erzählt Jörg Mink. Seine Vorgänger in der Schlossgastronomie hätten meist höchstens fünf Jahre durchgehalten und schließlich Konkurs anmelden müssen. Mink dagegen hält seit 17 Jahren durch – auch wenn das Geschäft nicht immer einfach ist. „Das ist eine Challenge“, sagt er. Bei schönem Wetter ist die Terrasse gut besucht, im Winter oder bei Regen werde der Schlosssaal manchmal zur „Möbelausstellung“, sagt er mit einem Lächeln, das eines signalisiert: Aufgeben ist keine Option.
Süßer Anfang für einen Dialog, der über Wahlkampfschärfe hinausreicht?
Der Business Club Schloss Solitude wurde 2011 als erster privater Wirtschaftsclub in Baden-Württemberg gegründet – nach britischem Vorbild, aber mit schwäbischem Charme. Rund 250 Mitglieder – Unternehmer, Manager, Führungskräfte und Selbstständige – nutzen die Räume als Treffpunkt für Gespräche, Meetings und Veranstaltungen. Kamingespräche, Wirtschaftstreffs, Dinner-Talks und Network-Lunches gehören zum festen Programm, das Clubmanagerin Daniela Mink organisiert.
Bei der Geburtstagsparty wird deutlich: Auf der Solitude wird nicht nur genetzwerkt – hier funktioniert nach Tagen gegenseitiger Vorwürfe selbst Grün-Schwarz an der Torte erstaunlich reibungslos und genussreich. Vielleicht ist dies gar der süße Anfang für einen Dialog, der über die Wahlkampfschärfe hinausreicht.