Ein Umstieg von Bahn auf Bus ohne lange Wartezeiten trägt zur Attraktivität des ÖPNV bei. Foto: Archiv Natalie Kanter

Wer kennt das nicht? Die S-Bahn hat Verspätung, der Bus ist gerade abgefahren. Die SSB testet nun in Stuttgart-Rohr ein Infosystem, welches die Busfahrer über Verspätungen der S-Bahn informiert. Bei Erfolg könnte es an weiteren Haltestellen auf den Fildern eingesetzt werden. Die Praxis hat allerdings ihre Grenzen.

Filder - Vor allem in der kalten Jahreszeit ist es ärgerlich: Man steht sich an der Bushaltestelle die Beine in den Bauch. Die S-Bahn kam mit Verspätung an, deswegen ist der Bus längst abgefahren. Bei Regen, Schnee und Kälte ist das Warten ungemütlich. Helfen könnte ein Informationssystem, welches den Busfahrern sagt, ob und wie viel Verspätung die S-Bahn hat. Seit Jahren setzt sich der frühere Filderstädter Stadtrat und heutige Sprecher für Bahnpolitik der Grünen-Bundestagsfraktion Matthias Gastel dafür ein. „Es ist sehr traurig für unser Hightech-Land, dass seit vielen Jahren über die Anschlusssicherung gesprochen wird, Fahrgäste aber immer wieder nur noch die Rücklichter der Busse sehen“, sagt Gastel.

Nun kommt Bewegung in die Sache. „Die SSB testet die Praxis aktuell an der Haltestelle Rohr“, sagt Birte Schaper von der Pressestelle der Stuttgarter Straßenbahnen AG. Über das Bordsystem des Busses könne der Fahrer sehen, wie es um Verspätungen der Bahnen bestellt ist, und im Falle eines Falles auf umsteigende Fahrgäste warten. Allerdings: „Die Busfahrer können nicht unendlich warten“, sagt Schaper. Denn auch hier gelte es, Verspätungen in Grenzen zu halten. „Die Möglichkeiten für einen Bus, auf verspätete Fahrgäste zu warten, sind beispielsweise begrenzt durch Anschlüsse an anderen Haltestellen und die Pflicht, den Fahrplan einzuhalten“, erklärt die SSB-Sprecherin.

Die Wartemöglichkeiten der Busse sind begrenzt

Der Fahrgastverband Pro Bahn befürwortet den Testlauf in Stuttgart-Rohr. „Extrem ärgerlich sind die ganz knapp verpassten Anschlüsse, also wegen zwei oder drei Minuten S-Bahn-Verspätung den Bus zu verpassen. Genau dieses Ärgernis kann hoffentlich deutlich reduziert werden“, sagt Sprecher Stefan Buhl vom Landesverband Baden-Württemberg. Matthias Gastel ergänzt: „Fahrgäste brauchen die Gewissheit, dass die Busse bei geringfügiger Verspätung der S-Bahnen auf sie warten.“

Die Anschlusssicherung sei „enorm wichtig und sollte eigentlich schon längst flächendeckender Standard sein“, sagt Buhl. Bereits heute gebe es Apps für jedes Smartphone, die die aktuelle Verspätung minutengenau anzeigen. Warum also nicht auch in den Bussen? Buhl warnt allerdings vor zu viel Euphorie: „Man darf von einem solchen System natürlich keine Wunder erwarten, weil die Wartemöglichkeiten für die Busse in der Regel begrenzt sein dürften.“ Deswegen wäre es sinnvoll, wenn klar geregelt werde, wie lange welche Buslinie tatsächlich warten kann, sagt der Pro-Bahn-Sprecher. „Zum Einen sollen sich die Fahrgäste darauf einstellen können, zum Anderen muss vermieden werden, dass anderweitig größerer Schaden entsteht als durch das Abwarten vermieden werden soll“, sagt Buhl.

Reibungsloser Umstieg macht den ÖPNV attraktiv

Die neue Praxis könne zur Attraktivität der öffentlichen Verkehrsmittel beitragen, so der Fahrgastverband. „Der ÖPNV kann nur dann eine Alternative zum Auto werden, wenn Anschlüsse schlank, also ohne unnötige Wartezeiten, und trotzdem zuverlässig sind“, sagt Buhl. Mit dem System, welches nun in Stuttgart getestet werde, könnte das erreicht werden, „vorausgesetzt natürlich, dass sich die Verspätungen im Rahmen halten und dass die gelieferten Daten auch verlässlich sind“.

Auch Matthias Gastel freut sich über den Praxistest in Rohr. „Wenn es nun einen Ansatz gibt, die Verlässlichkeit öffentlicher Verkehrsmittel zu erhöhen, so ist das längst überfällig und sehr zu begrüßen“, sagt er. „Nur mit dem verlässlichen Zusammenspiel von Bussen und Bahnen lassen sich Fahrgäste halten und viele neue gewinnen.“

Bei erfolgreichem Probelauf wird die Praxis ausgeweitet

Sollte sich das System bewähren, könnte es auch an anderen Haltestellen auf den Fildern eingesetzt werden. Darüber möchte die SSB derzeit aber nicht spekulieren. „Wir müssen die Testergebnisse abwarten“, sagt Schaper. Selbst bei einem erfolgreichen Probelauf kann die SSB das System natürlich nur in ihren eigenen Bussen einsetzen. In Leinfelden-Echterdingen und Filderstadt halten auch Busse anderer Verkehrsunternehmen wie der Deutsche-Bahn-Tochter Friedrich-Müller-Omnibusunternehmen (FMO).

Deren Busfahrer bekämen die Echtzeitdaten der S-Bahnen übermittelt, sagt Axel Koffmane, Verkehrsplaner der FMO. Wie lange der Fahrer auf eine verspätete S-Bahn warten könne, sei von Haltestelle zu Haltestelle unterschiedlich. „Es gibt für unsere Fahrer Wartezeitvorschriften. Innerhalb dieser ist festgeschrieben, wie lange der Busfahrer warten kann und muss“, sagt Koffmane. Bei wenigen Minuten sei es eher möglich, eine S-Bahn abzuwarten. Bei einer Bahn, die eine Viertelstunde Verspätung hat, sei das Warten nicht leistbar, ohne den Fahrplan des Busses zu gefährden, sagt Koffmane.

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