Viel mehr Heilbronner als sonst sind an den Adventssamstagen in die Busse und Bahnen der Stadt gestiegen, als die Fahrten kostenlos waren. Nun überlegt man dort, das Gratisangebot auszuweiten. Foto: HNV

Der Test im Advent für die Gratisnutzung von Bussen und Bahnen im Heilbronner Raum ist ein Erfolg gewesen. Bei dem Versuch soll es nicht bleiben. Auch andere Städte liebäugeln mit dem Modell.

Heilbronn - In einem ist man sich einig. Die kostenlosen Fahrkarten, die im Einzugsgebiet des Heilbronner Hohenloher Haller Nahverkehrs (HNV) an den vier Adventssamstagen im vergangenen Dezember angeboten wurden, sind gut angenommen worden. In dem Tarifverbund, der eine Fläche von knapp 2000 Quadratkilometern in acht Stadt- und Landkreisen mit etwa 650 000 Einwohnern umfasst, durften die Fahrgäste ohne Ticket in die Busse oder in die Stadtbahnen einsteigen.

 

Die drei großen Fraktionen im Heilbronner Gemeinderat würden den Versuch nun gerne über eine längere Zeit fortführen. Schon im August haben CDU, Grüne und SPD gemeinsam beantragt, das Kostenlosticket an Samstagen zumindest im Heilbronner Stadtgebiet vorerst für sechs Monate einzuführen. Doch der HNV und die Stadtverwaltung treten auf die Bremse. Zunächst sollen andere Vorschläge erarbeitet werden, wie der öffentliche Nahverkehr im Stadtgebiet attraktiver werden könnte.

Stadtbahnen verdoppeln Zahl der Fahrgäste

„Als Marketingaktion war das sehr gelungen“, sagt Gerhard Gross, der HNV-Geschäftsführer. „Wir haben positive Reaktionen bekommen und die Fahrgastzahlen deutlich gesteigert.“ Das gilt für Busse und Bahnen gleichermaßen. Um die Auswirkungen messen zu können, wurden an zwei der vier Adventssamstage die Fahrgäste gezählt. Das Ergebnis: Bei den Regionalbussen war die Nutzungsfrequenz an den Zähltagen gegenüber den Referenztagen vom November je nach Linie um 26,8 bis 61,8 Prozent höher. Mit den Stadtbuslinien waren an den Adventssamstagen mit Kostenlosticket von 26,1 bis 51,6 Prozent mehr Fahrgäste unterwegs. In die Stadtbahnen stiegen sogar fast doppelt so viele Menschen (plus 92,5 Prozent und plus 89,2 Prozent) ein wie an den Vergleichstagen.

Einen Nachholbedarf bei der Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs hat die Autostadt Heilbronn: Die Nutzungsquote liegt lediglich bei zehn Prozent. Zugleich ist die Stadt neben Stuttgart, Mannheim und Reutlingen eine von vier Kommunen im Land, in denen die Stickstoffdioxid-Grenzwerte überschritten werden.

Mehr Gratistickets wären teuer

Gekostet hat der Test im Advent 160 000 Euro. Eine Million Euro würde dem HNV fehlen, würde der Test im gesamten Verbundgebiet auf sechs Monate ausgedehnt. 390 000 Euro wären es, wenn die Busse und Bahnen nur in Heilbronn samstags gratis genutzt werden dürften. „Mit diesem Geld können wir auch andere Dinge gestalten“, sagt der HNV-Chef.

Mit Blick auf die – erfolgreiche – Tarifreform beim Stuttgarter Verkehrsverbund (VVS) stellt auch der HNV seine Waben- und Tarifstruktur auf den Prüfstand. Der Vorschlag: Untersucht werden soll, wie das gesamte Tarifgefüge so überarbeitet werden kann, dass es kundenfreundlicher wird – durch einfachere Zonen etwa oder durch günstigere Preise. Auch eine Vergrößerung des Verbundgebiets durch eine engere Kooperation mit dem Landkreis Schwäbisch Hall steht zur Debatte. Geprüft werden soll außerdem, inwiefern das Gratisticket als Werbemaßnahme etwa zu bestimmten Veranstaltungen oder als feste Einrichtung während der Adventszeit sinnvoll sein könnte.

Andere Städte haben das Angebot schon

CDU, Grüne und SPD wollen die Ergebnisse dieser Prüfung abwarten. „Für uns ist wichtig, dass der öffentliche Nahverkehr verbessert wird“, sagt Thomas Randecker, der CDU-Fraktionschef. Allerdings erwarte man noch vor der Sommerpause konkrete Vorschläge dazu. „Das war ein sensationeller Erfolg“, sagt die Grünen-Fraktionschefin Susanne Bay, „da saßen manche zum ersten Mal in der Stadtbahn.“ Daran müsse man anknüpfen.

Diskutiert wird über das Modell des Gratistickets vielerorts. Der Stuttgarter Citymanager hat das samstägliche Gratisfahren für die Landeshauptstadt ins Gespräch gebracht, sich aber vom OB Fritz Kuhn (Grüne) mit dem Verweis auf die Kosten einen Korb geholt. Doch nicht nur Tübingen mit seinen „paar Bussen“ (Kuhn) bietet das seit April 2018 an. Die Nutzungsfrequenz ist dort besonders tagsüber zwischen 10 und 20 Uhr um knapp ein Drittel gestiegen. Im Haushalt 2020 sind 280 000 Euro für die Fortführung des Gratistickets vorgesehen, der Gemeinderat soll ihn am 2. April verabschieden.

Auch Waiblingen ist dabei

In der Großstadt Ulm ist die kostenlose Fahrkarte an Samstagen eingeführt worden als Entschädigung für die Ulmer, besonders aber für die Einzelhändler, die gebeutelt sind von den vielen Großbaustellen in der Stadt. In Konstanz, wo man bekanntlich den Klimanotstand ausgerufen hat, will man seinen Bürgern nicht nur mit einem Handlungsprogramm Fußverkehr Beine machen, sondern liebäugelt ebenfalls mit der Einführung eines samstäglichen Gratistickets. Die Entscheidung darüber steht indes noch aus.

Schließlich musste man in Waiblingen im Rems-Murr-Kreis erstmals während der Adventszeit samstags keine Fahrkarte lösen. Das vorweihnachtliche Präsent an die Busnutzer soll offenbar zur festen Einrichtung werden; die Aktion werde fortgeführt, kündigt die Sprecherin der Stadt an.

Vorreiter: das reiche Monheim

Im nordrhein-westfälischen Monheim wird beim öffentlichen Nahverkehr nicht mehr gekleckert. In der 44 000 Einwohner zählenden Kommune bei Düsseldorf ist die Nutzung der innerstädtischen Busse von April an für die Fahrgäste kostenlos. Drei Millionen Euro investiert die Stadt, in der mehrere Pharmafirmen ansässig sind und die komplett schuldenfrei ist, jedes Jahr in den Versuch, die Monheimer zum Umsteigen vom Auto in den Bus zu bewegen. Zurzeit liegt die Nutzungsquote der Busse bei lediglich zehn Prozent. Nicht nur beim ÖPNV ist die Stadt großzügig gegenüber ihrer Bevölkerung. In Monheim ist auch die Kinderbetreuung gebührenfrei.

Versuch

Die Bundesregierung interessiert sich ebenfalls für den kostenlosen Nahverkehr. Berlin hat einen Modellversuch ausgelobt, der die Nachhaltigkeit dieser Angebote testen soll. Im Rennen ist dabei auch Tübingen.