Was Schulkinder und Eltern von den vergangenen Tagen zum Beispiel in Gebersheim berichten, zeigt die massiven Probleme auf, mit denen sie aufgrund der Insolvenz des Busunternehmens Seitter kämpfen.
Die Kaffeemaschine in der örtlichen Bäckereifiliale ist kaputt. Für manchen alteingesessenen Gebersheimer ist das eine schlechte Nachricht. Doch das, was ein paar Meter weiter schiefgeht, übersteigt das Problem des fehlenden morgendlichen Heißgetränks bei Weitem. Seit Tagen, um genau zu sein: seit kurz vor der Seitter-Insolvenz, fahren viel weniger Busse als eigentlich notwendig – und wenn dann doch mal einer kommt, ist er mitunter zum Bersten voll.
Manchmal kommt auch der Bus nach Hause einfach nicht
6.45 Uhr am Donnerstag: An der Gebersheimer Bushaltestelle in der Alten Dorfstraße in Richtung Rutesheim warten exakt sechs Schülerinnen auf den Seitter-Bus der Linie 653. Mit einer Ausnahme stieren alle auf ihre Smartphones. Moderater Andrang, möchte man meinen. Angesprochen auf die Sache mit den Busausfällen, sagt eine von ihnen: „Ich muss jetzt früher fahren, weil der Bus, den ich normalerweise nehme, nicht mehr kommt.“ Zwei andere Mädchen müssen nach Heimsheim zur Schule. Sie nehmen auch regulär den Bus, der gleich um 6.57 Uhr pünktlich und etwa zur Hälfte besetzt um die Ecke biegen wird. „Nur neulich ist der, mit dem wir nach Hause fahren, ein paarmal einfach nicht gekommen“, sagen sie, kurz bevor sie einsteigen.
Wechsel der Straßenseite. Für 7.20 Uhr kündigt die App des Verkehrsverbundes Stuttgart (VVS) den 653er in Richtung Leonberg an. Und die Bushaltestelle vor der Gebersheimer Ortschaftsverwaltung füllt sich immer mehr. Auch für Schülerinnen und Schüler, die nach Rutesheim müssen, wäre dieser Bus eine Option – zumindest wenn es nach der App geht. Die schlägt vor, bis zur Gartenstadt zu fahren, dort 15 Minuten zu warten, um dann mit der Wöhr-Linie 634 weiter nach Rutesheim zu kommen. Das klingt enorm umständlich. Ganz abgesehen von der Tatsache, dabei mitten im morgendlichen Berufsverkehr eine der Einfallstraßen nach Leonberg ohne Fußgängerüberweg überqueren zu müssen.
Bus voll: Fahrer ließen Kinder auch schon einfach stehen
Eingefunden haben sich an diesem Morgen auch einige Mütter. Christa Dolata zum Beispiel. Die Frau mit den knallbunten Haaren telefoniert, es fallen Sätze wie: „Natürlich kommt kein Bus! Warum auch?“ Zwei ihrer drei Töchter stehen neben ihr. Nachdem das Telefonat beendet ist, berichtet sie: „Eigentlich wäre der Bus um 7.03 Uhr der richtige. Der kommt aber nicht.“ So sei der Bus um 7.20 Uhr jedes Mal viel zu voll. „Am Montag hat der Fahrer locker 20 Kinder einfach stehen lassen.“ Auch am Mittwoch hätten drei Kinder nicht mehr hineingepasst. Die Krux: Wenn der Bus aus Richtung Rutesheim in Gebersheim vorfährt, ist er bereits alles andere als leer. „Und die Busfahrer sind stellenweise so aggressiv zu den Kindern, das kann genauso wenig sein.“
Inzwischen hätten sich viele Schülerinnen und Schüler, und natürlich auch die Eltern, andere Möglichkeiten gesucht. „Viele fahren ihre Kinder zur Schule, aber das kann ich nicht, ich bin berufstätig.“ Christa Dolata stellt sich dabei auch die Frage, wozu das VVS-Ticket dann eigentlich noch gut sei. „Wir bezahlen die Fahrkarte und dann auch noch den Sprit? Das geht nicht.“
Aufgrund des ausgedünnten Fahrplans kommt es für die Schülerinnen und Schüler an allen Ecken zu Problemen. Oft schaffen sie es schlicht und einfach nicht mehr pünktlich in die Schule. Christa Dolatas mittlere Tochter etwa muss am Leonberger Bahnhof den Bus der Linie 92 erwischen, der sie zur Schule im Ramtel bringt. Inzwischen sei auch das alles andere als sicher, weil der 653er auch mal zu spät am Bahnhof ankomme.
Andere Dinge geschehen auf der Heimfahrt. Wenn ihre größte Tochter am Albert-Schweitzer-Gymnasium nicht früher aus dem Unterricht entlassen werde, könne es jetzt vorkommen, dass sie den Bus um 12.59 Uhr verpasse, so Christa Dolata. Die Alternative: Eine Stunde warten oder um 13.11 Uhr nach Rutesheim zu fahren, dort 17 Minuten auszuharren, um dann weiter nach Gebersheim zu kommen. „Wir sind in den letzten Tagen aber auch ein paarmal mit diesem Bus bis zur Gartenstadt gefahren und dann heimgelaufen“, so die Schülerin. Nur: Es ist nicht gesagt, dass das Aussteigen aus dem knallvollen Bus auch wirklich klappt. Auch diese Erfahrung habe sie schon gemacht.
Wenn es richtig Herbst wird, füllen sich die Busse wohl noch mehr
Mittlerweile ist die Schülerschar an der Haltestelle beträchtlich. Wendy Züffle hat sich inzwischen zur Runde gesellt. Ihre beiden Töchter sind ebenfalls betroffen. Man ist sich einig: Die Kinder zur Schule fahren, das funktioniert nicht. Dann kommt der Bus. Er ist pünktlich – und verlässt die Haltestelle vollgestopft, aber wenigstens bleibt dieses Mal kein Kind zurück.
Die Mütter, zu denen nun auch Anja Setter stößt, sind noch da. Gemeinsam mit ihren beiden Töchtern kämpft sie ebenfalls mit der Situation. Sie sagt: „Aktuell können die Kinder ja tatsächlich teilweise noch mit dem Fahrrad fahren. Aber wenn es richtig Herbst wird, sind die Busse noch voller.“ Sie bringt die Sache aus Elternsicht auf den Punkt: „Für die Schulen hat man schlicht die falschen Zeiten rausgestrichen.“
Eine der Mütter hat eine Liste mit wichtigen Fahrtzeiten erstellt und verteilt
Sie habe eine Liste mit den wichtigsten Fahrtzeiten an den Kreistag des Enzkreises, eine Leonberger Gemeinderätin, die Schulleitung des Johannes-Kepler-Gymnasiums und den OB gegeben. Ausgang offen. „Ich bin gespannt: Wenn ein anderes Unternehmen übernimmt, soll es ja einen ausgedünnten Fahrplan geben. Was immer das dann heißt.“
Dann zerstreut sich die Gruppe, das Unverständnis bleibt. Inzwischen strömen bereits weitere Menschen zur Haltestelle für den Bus, der um 7.33 Uhr kommen soll – zu spät für den regulären Schulbeginn.