Um Elterntaxis zu reduzieren, hat der Landkreis Böblingen den „Bus auf Beinen“ eingeführt. Seitdem gehen Kinder in Laufgruppen zur Schule – mit Abfahrtszeiten und Haltestellenschildern. Eine Fahrt mit den „Bühlenflitzern“ aus Holzgerlingen.
Die sechsjährige Juna wartet vor ihrem Haus gespannt auf ihren Freund. Sie läuft hin und her, geht schon ein bisschen in die Richtung, aus der er immer kommt. Dann, endlich, kommt er mit seinem Papa an. Jetzt fehlt nur noch ein Kind aus der Nachbarschaft, dann kann es losgehen: Zu Fuß zur Berkenschule – mit dem „Bus auf Beinen“.
Das Projekt hat der Landkreis Böblingen im vergangenen Jahr an sechs Grundschulen angeleiert. Die Idee: Die Kinder gehen in Laufgemeinschaften zur Schule, ein Elternteil begleitet sie dabei. So kommen sie an die frische Luft, bewegen sich schon einmal und kommen pünktlich in der Schule an – und ganz nebenbei auch noch klimaneutral. Das Ziel ist zudem, die Elterntaxis zu reduzieren, die vor den Schulen jeden Morgen Chaos auslösen, wenn Eltern ihre Sprösslinge mit dem Auto direkt vor der Schule abliefern.
Fünfzehn Kinder machen bei der Berkenschule mit
Wie bei einem echten Bus gibt es einen festen Linienplan, Haltestellen und Abfahrtszeiten. Um 7.35 Uhr ist für Junas Gruppe Abfahrt. Zu viert gehen sie los: drei Kinder und ein Papa. Michael Pickenhahn, Junas Papa, ist an diesem Tag die Begleitung. Die Kinder haben alle Warnwesten vom Landratsamt bekommen, mit denen sie geradezu leuchten. Die Gruppe – „Bühlenflitzer“ heißen sie – ist die größte Laufgruppe der Berkenschule. Insgesamt gibt es vier: die „Bühlenflitzer“, die „Hülbenhüpfer“, die „Buch-Bande“ und die Gruppe „Zentrum“. Fünfzehn Kinder und zehn Eltern machen mit.
„Das hat unsere Elternbeiratsvorsitzende organisiert“, sagt Michael Pickenhahn zur Entstehung. Sie habe zu Beginn des Schuljahres eine Informationsveranstaltung organisiert, zu der etwa 25 Eltern gekommen seien. Auf einer Karte habe jeder markiert, wo er wohnt. Dann habe man sich zusammengefunden, gute Startpunkte und Bushaltestellen ausgeguckt. „Wir kannten uns gar nicht gegenseitig“, sagt er. Deshalb haben er und seine Frau auch erst nicht gewusst, wie zuverlässig das Ganze klappen würde.
Auch wegen der verschiedenen Schulbeginn-Zeiten. Denn Juna geht ganztags zur Schule und muss deshalb schon um 8 Uhr da sein. Für die anderen Kinder beginnt die Schule erst um 8.20 Uhr. „Deshalb dachten wir zuerst: Das wird eh nix“, sagt Michael Pickenhahn. Jetzt, nach ein paar Wochen, sieht er: Es klappt doch. Alle Kinder können schon ab 8 Uhr in die Klassenzimmer, und auch mit den anderen Eltern gibt es keine Probleme. „Man spricht sich gut ab.“ Zu Beginn habe man natürlich erst einmal Vertrauen aufbauen müssen. „Die ersten ein, zwei Mal sind alle Eltern mitgelaufen“, sagt der 50-Jährige.
Inzwischen hat es sich eingependelt. Michael Pickenhahn begleitet die Kinder einmal pro Woche, den Rest übernehmen die anderen Elternteile. „Da meine Frau und ich beide berufstätig sind, ist das eine große Erleichterung“, sagt er. Sie wollten ihre Tochter nie mit dem Auto zur Schule bringen. Ohne Laufgruppen hätten sie sie jeden Tag zu Fuß begleiten müssen. Jetzt sind sie nur einmal pro Woche dran.
Für Familie Pickenhahn hat sich der „Bus auf Beinen“ sogar doppelt gelohnt. Denn in der Zwischenzeit hat sich auch ein Kindi-Bussle ergeben: Junas kleine Schwester Emily und ein weiteres Geschwisterchen von den „Bühlenflitzer“-Kindern gehen zusammen in den Kindergarten. Auch sie werden täglich von einem Elternteil hingebracht.
Nach ein paar Minuten steigt ein weiteres Mädchen in den Fußbus ein. Es wartet mit seiner Mama an der nächsten Bushaltestelle. Für diesen Tag sind das alle Kinder – das fünfte im Bunde ist leider krank. Alle vier Mitläufer sind Erstklässler und gehen in drei verschiedene Klassen. Auf dem Weg albern sie ein wenig herum und erzählen von der Klassenlehrerin. Denn dank des Projekts lernen sich die Kinder auch über Klassen hinweg kennen.
Ein Polizist läuft beim ersten Mal mit, wenn der Weg kompliziert ist
Der Weg der „Bühlenflitzer“ ist recht unkompliziert. Die meiste Zeit geht es eine Straße entlang, dann über einen Zebrastreifen. Wäre der Weg komplizierter, würde beim ersten Mal ein Polizist mitlaufen und zeigen, wie man sich im Straßenverkehr richtig verhält. Doch das machen die Kinder auch jetzt schon vorbildlich: Eine Hand nach oben, nach Autos gucken, dann zügig drüber. Und dann sind sie auch schon da. „Das war’s schon“, sagt Michael Pickenhahn. Kurze Zeit später verschwinden die Kinder im Schulhaus.
Dass die Elterntaxis sich durch die Laufgruppen schon reduziert hätten, kann Michael Pickenhahn nicht sagen. Bei fünfzehn teilnehmenden Kindern ist das auch kein Wunder. „Dafür müssten noch mehr mitmachen“, sagt er. Vielleicht kommt das ja noch.
Eine Busfahrt, die ist lustig
Das Projekt
Das Landratsamt hat das kostenlose Projekt 2022 als Pilotprojekt gestartet. Inzwischen haben sich landkreisweit ca. 150 Kinder und ähnlich viele Eltern in rund 30 Laufgruppen angeschlossen. Im Schnitt laufen vier bis fünf Kinder mit, es gibt auch größere Gruppen mit bis zu zehn Kindern. Bei besonders schwierigen Wegen kann die Polizei bei der ersten „Busfahrt“ mitgehen.
Die Schulen
Sechs Schulen im Landkreis Böblingen machen schon seit 2022 mit. In diesem Jahr sind noch vier weitere Schulen dazugekommen.