Das schön gewählte Cover des Bildbands „Kuba 1959“: Fidel Castro in den frisch eroberten Hallen der Macht. Foto: Midas Verlag/Magnum Photos

In den ersten Tagen des Jahres 1959 kippten auf Kuba die Rebellen um Fidel Castro einen Diktator. Der amerikanische Fotoreporter Burt Glinn flog sofort mitten hinein in den Trubel. Nun kann man seine Bilder wieder bestaunen – und auch den Kontrast zum Kuba von heute.

Havanna - Diese Anekdote ist aber auch zu schön. Der amerikanische Fotoreporter Burt Glinn erfährt auf einer Silvester-Party in New York, dass auf Kuba, wo unter anderem die amerikanische Mafia unter dem Schutz des lokalen Diktators Fulgencio Batista Spielcasinos, Nachtclubs und Touristenhotels betreibt, eben jener Inselherr aus seinem Palast geflohen ist. Verjagt hat ihn eine Rebellentruppe unter Führung des ehemaligen Jurastudenten Fidel Castro, die Batista jahrelang als bedeutungslosen kommunistischen Strauchdiebhaufen kleingeredet hat. Glinn fliegt mit der letzten Nachtmaschine nach Miami, mit einem Charterflugzeug weiter nach Havanna und spürt den leider so nicht umsetzbaren Drang, einem Taxifahrer einfach sagen zu können: „Bringen sie mich zur Revolution!“

Auch ohne solche Hilfe kam der Amerikaner ans Ziel, wie inzwischen jeder selbst nachprüfen kann. Der Bildband „Kuba 1959“ sammelt Burt Glinns Fotos aus dem Umsturztrubel. Ja, da sitzt natürlich Fidel Castro mit der Zigarre im Mund gleich auf dem Cover-Foto in den Hallen der Macht. Aber es ist noch nicht der sture alte Mann, der stundenlange Reden über sein Dauerthema „Sozialismus oder Tod“ hielt.

Als die Hoffnung jung war

Glinn hat auf diesen seit sechzig Jahren nicht mehr gesammelt veröffentlichten Fotos Aufbruchsstimmung eingefangen, Glück, Befreiung, ein Gefühl unglaublicher neuer Möglichkeiten und Risiko. Noch laufen Männer in Zivil mit gezückter Pistole geduckt durch die Straßen, noch ist der Gegenschlag des Militärs denkbar. „In den Straßen wird viel geschossen“, notiert Glinn, „ich sehe jedoch nur zwei Verletzte. Ob sie vom Feind oder den eigenen Leuten getroffen wurden, kann ich nicht sagen.“ Im Jahr 2016 ist Glinns damals leider weitgehend übersehener Fotoband auf Deutsch erschienen, jetzt ist er wieder topaktuell.

Gerade fand in Kuba ein Wachwechsel statt. Raul Castro, der Bruder des 2016 verstorbenen Fidel Castro, ist als Präsidentent zurückgetreten, das höchste Staatsamt hat nun Miguel Diaz-Canel inne, der erst ein Jahr nach der Revolution geboren wurde. Viele hoffen nun auf mehr Reformen, auf Öffnung, wirtschaftlichen Aufschwung und weitere Entspannung des Verhältnisses zum großen Nachbarn USA. Zugleich nimmt man Kuba weltweit meist als gebrechlichen Staat wahr, als Experiment in den letzten Zügen, als letzten Schatten einer Utopie von Vorvorgestern. Burt Glinns Bilder rufen in Erinnerung, wie anders das einmal war, welche Energie in der Revolution steckte – eine Energie, die manche schlicht sexy fanden, die anderen große Hoffnung machte – und vielen auch Angst vor einem roten Weltbrand.

Burt Glinn: Kuba 1959 – Szenen einer Revolution. Midas Verlag, Zürich. 192 Seiten. 59 Euro. Hier geht es zur Leseprobe beim Verlag.

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