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Psychotherapie-Professor Wolfgang Senf über Ursachen und Folgen des Burn-out-Syndroms.

Stuttgart - Immer mehr Menschen leiden unter andauernder geistiger und emotionaler Erschöpfung: dem Burn-out-Syndrom. Wolfgang Senf erklärt, wer besonders gefährdet ist und wie man den Ausstieg aus der Belastungsspirale findet.

Herr Senf, Burn-out sei keine Krankheit, sagen Sie. Wie kann man das Syndrom bezeichnen?

Burn-out ist nicht im klassischen Sinne eine psychiatrische Erkrankung wie eine schwere Depression, sondern eher eine psychische Verletzung. Vergleichbar mit einer körperlichen Verletzung, wo durch Einwirkung von außen ein Problem entsteht. Der Mensch ist nicht mehr in der Lage, die Anforderungen, die von außen an ihn gestellt werden, mit seinen Fähigkeiten und Ressourcen zu bewältigen.

Gibt es Frühwarnsignale für einen drohenden Burn-out?

Die Leute fangen an, private Interessen hinter die beruflichen zu stellen. Wir sprechen von einem Burn-out-Belastungszyklus. Es fängt an mit dem Gefühl: "Es ist zwar viel Arbeit, aber es wird schon gehen." Dann kommt ein verstärkter Einsatz von Kräften, das ist auch noch in Ordnung. Es gibt Zeiten, wo die beruflichen Anforderungen höher sind. Aber wenn jemand anfängt, die eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen, sich nicht mehr mit Freunden trifft, nicht mehr entspannt, die Familie vernachlässigt oder große Arbeitspakete mit in den Urlaub nimmt, dann ist es höchste Zeit, darüber nachzudenken, was passiert da gerade?

Gibt es Menschen, die besonders Burn-out-gefährdet sind?

Gut sein ist ein Risiko. Es trifft vor allem die Leistungsfähigen. Leute, die Multitasking-Vermögen haben, die viel bewältigen können. Das sind zum Beispiel viele Leute in der IT-Branche oder anderen komplexen Arbeitsfeldern. Wenn der Chef merkt, sie sind um 17 Uhr fertig und haben ihre Leistung gebracht, dann packt er noch was oben drauf. Wenn sie so gut sind, dass sie das auch noch wegschaffen, wird noch was draufgepackt. Da können sie nicht gegensteuern.

Dann liegt es also am Beruf?

Nicht nur. Auch Müllmänner können Burn-out entwickeln. Es gibt Menschen, die sind Problem-Löser, andere sitzen Probleme aus. Burn-out-gefährdet sind vor allem diejenigen, die den Ehrgeiz haben, für jedes Problem eine Lösung zu finden. Desinteressierte Menschen, die nur darauf schauen, dass sie ihren Job irgendwie rumkriegen, wird es sicher nicht treffen.

Würden Sie also empfehlen, einfach schlechtere Leistung zu erbringen?

Wenn Ihnen die wohlwollenden Augen Ihres Chefs egal sind und Sie die Befriedigung nicht brauchen, die Sie aus der Leistung ziehen, können Sie das schon machen. Eigentlich ist es aber nicht sinnvoll, Eigenschaften wie Ehrgeiz, die sich im bisherigen Leben bewährt haben, einfach abzuschalten. Vielmehr kommt es auf die Sichtweise des Problems an. Wenn Burn-out-Patienten ihr Arbeitspensum nicht mehr bewältigen können, denken sie oft: "Ich bin schuld, weil ich krank bin." Besser sollten sie aber die Umstände betrachten und sich fragen, ob die Anforderungen überhaupt erfüllbar sind.

Burn-out wird zur Volkskrankheit

Ähnlich wie Bulimie in den 80er und 90er Jahren, scheint Burn-out gerade zur Volkskrankheit zu werden. Woran liegt das?

Was sich verändert hat, ist die Taktung von Arbeit und Kommunikation. Über iPhone und Blackberry sind wir immer und überall erreichbar. Mit der totalen Informationsflut sind die Anforderungen der modernen Arbeits- und Lebenswelt enorm gestiegen. Durch die Computerisierung haben sich Wissen und Kompetenzen in kurzer Zeit dramatisch verändert. Vielen Menschen ist gar nicht klar, was sie eigentlich alles leisten.

Das iPhone ist also schuld am Burn-out?

Nein, das iPhone ist nicht schuld, aber wir müssen wieder lernen, es auszuschalten. In meiner Familie gibt es die Regel, wenn man gemeinsam am Tisch sitzt, geht keiner ans Handy. Nicht die Technik ist das Fatale, sondern wir müssen lernen, damit so umzugehen, dass unsere technische Begabung, unser Gut-sein, nicht zum Problem wird.

Die Kosten durch Produktionsausfälle und Behandlung von Burn-out betragen jährlich mehrere Milliarden. Muss hier die Wirtschaft gegensteuern?

Es muss aufseiten der Firmen und Arbeitgeber ein Bewusstsein wachsen, dass man leistungsfähige Mitarbeiter nicht unendlich aufbrauchen kann. Wir müssen uns fragen, ob wir gesellschaftlich ausreichend sorgfältig mit Begabungen umgehen. Wenn in der IT-Branche 30 Prozent der Mitarbeiter als Burn-out-gefährdet gelten, können wir uns das auf Dauer ökonomisch nicht leisten.

Kann Burn-out vollständig geheilt werden?

Burn-out kann definitiv geheilt werden. Es gibt sogar viele Patienten, für die das eine sehr produktive Krise ist. Problematischer wird es, wenn durch den Burn-out alte Wunden wieder aufreißen. Schlussfolgerungen wie "Du hattest eine schwere Kindheit, deshalb bist du heute den Anforderungen im Job nicht gewachsen" verfolgen die falsche Logik. Die Botschaft an den Patienten muss sein: "Du bist gut, aber es wurde zu viel von dir verlangt."

Helfen Antidepressiva gegen das Burn-out-Syndrom, oder muss man den Job wechseln?

Wenn ein Mensch tatsächlich am Ende ist, muss man gegebenenfalls ergänzend Antidepressiva einsetzen. Eine Behandlung nur mit Medikamenten ist nicht sinnvoll. Zuerst muss man den Menschen aus der Situation herausnehmen, am besten mit einer Krankschreibung vom Hausarzt. Dann muss er verstehen, dass er nicht psychiatrisch krank oder schwer depressiv ist. Wenn es möglich ist, im Beruf etwas zu ändern, ist ein Wechsel nicht notwendig. Das hängt aber vor allem von den Führungsqualitäten des Chefs ab. Manchmal ist es gut, den Job zu wechseln. Vor allem in der Medizinbranche gibt es Bereiche, wo die Arbeitsbelastungen dramatisch sind und das Überschreiten von Arbeitszeiten auf der Tagesordnung steht. Wenn die Anforderungen ständig überzogen sind, ist eine Stelle mit angemessener Belastung sicher besser.

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