Die Politik hat Burkhard C. Kosminskis Intendanz bis 2029 verlängert. Der Chef des Schauspiels Stuttgart spricht über seine Hoffnung, „normal“ spielen zu können, und er sagt, warum Regisseurinnen auf der großen Bühne fehlten.
Bevor das Gespräch im Intendanzbüro übers Theater beginnt, geht es um Musik. Warum saß der Intendant des Staatsschauspiels Stuttgart beim Tote-Hosen-Konzert im VIP-Bereich auf der Bühne? Burkhard C. Kosminski erklärt, er habe die Band während seiner Theaterzeit in Düsseldorf kennengelernt, es ging um eine geplante Zusammenarbeit. Und er zückt fröhlich das Handy und zeigt ein Video von dem Konzert.
Herr Kosminski, Sie waren kürzlich beim Tote-Hosen- Konzert – 50 000 Zuschauer! Wie neidisch wird man da angesichts der ja nicht übervollen Theatersäle ?
Gar nicht! Denn ich bin mit den Künstlern ja seit 23 Jahren befreundet.
Aber dass während der geschlossenen Theater ein Kulturhunger beschworen wurde und dann der Sturm aufs Theater ausblieb, macht Ihnen nicht zu schaffen?
Natürlich ist ein Konzert keine Theateraufführung, und so ein Open-Air-Konzert mag zunächst dem Wunsch nach feiern, mitmachen, Freiheit erleben klarer entsprechen. Im Juni und Juli hatten wir schon wieder eine sehr hohe Auslastung. Die Wahrheit liegt aber in der nächsten Saison. Ich hoffe und gehe davon aus, dass wir ganz normal spielen können.
Sie hatten nach den Schließungen und ersten Öffnungen dann viele Spielausfälle, fast täglich sogar
Vor allem im März/April war fast das ganze Ensemble krank, das war die totale Krise. Danach gings aber zum Glück steil nach oben.
Andere Theater haben große Auslastungsprobleme. In Dortmund liegt man bei ca 25 %. Woran hakt es?
Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit anderen Intendanten. Keiner weiß, wie es laufen wird. Wir in Stuttgart fallen da noch sehr weich, was die Auslastung betrifft. Und ich stelle fest, dass manche Bühnen sogar sehr gute Auslastungen haben. Die Berliner Schaubühne zum Beispiel.
Warum wohl?
Das liegt möglichweise daran, dass sie als Privattheater während des Lockdowns komplett geschlossen hatten und den Spielbetrieb erst wieder aufgenommen haben, als eine hundertprozentige Auslastung möglich war. Ohne die Achterbahnfahrt aus offen und geschlossen, wie wir sie etwas erlebt haben, kam wahrscheinlich nicht so viel Frust beim Publikum auf und die Sehnsucht, nach so vielen Monaten endlich wieder Theater zu sehen, war dadurch größer. Aber das ist natürlich nur eine Vermutung meinerseits.
Was können Theater tun, damit es besser wird?
Mit Blick auf den Herbst glaube ich, dass die Bühnen, bei denen die Schauspieler im Zentrum stehen, erfolgreich sein werden. Ich glaube, die Sehnsucht nach guten Schauspielern und großen, interessanten Stoffen ist enorm.
Sie meinen, die vielen Performances und Installationen im Theater haben ausgedient?
Ich meine, dass schauspielerisch hochwertiges Theater zukunftsfähiger ist. Leider sind uns einige sehr gute Schauspieler abhanden gekommen. Itay Tiran und Nina Siewert sind ans Wiener Burgtheater abgeworben worden. Mir scheint, wir sind eine Art Kaderschmiede für das Burgtheater.
Was allerdings Einladungen zu Gastspielen und Festivals wie Radikal Jung für Nachwuchsregisseure und Theatertreffen in Berlin betrifft, ist Stuttgart derzeit eher keine Adresse.
Wenn Sie sich auf die aktuelle Spielzeit 2021/22 beziehen, haben Sie recht. Vor der Pandemie hatten wir durchaus internationale Gastspiele, zum Beispiel mit „Vögel“ nach Bilbao oder „Die Wahrheiten“ nach Bozen und Meran. Und 2018 erhielt Robert Icke für seine Stuttgarter „Orestie“ den renommierten Kurt-Hübner-Regiepreis. Trotzdem bleibt doch die entscheidende Frage, wie wichtig sind solche Preise wirklich für ein Theater, das sich explizit als Theater für die Stadt, in der man spielt, versteht?
Das eine muss das andere nicht ausschließen. Und wenn eine Produktion dann irgendwohin eingeladen wird, steht das sofort auf der Homepage des Theaters. Es scheint also nicht ganz unwichtig zu sein.
Das ist natürlich ein gutes Marketinginstrument. Aber ich schiele nicht nach Preisen. Mir geht es um Inhalte und um gutes Theater, das die Zuschauer erreicht und relevant ist für die Stadt und die Region. Wobei ich den neuen Ansatz von Matthias Pees, das Theatertreffen zu reformieren und zu internationalisieren, erst einmal sehr interessant finde.
Diese Saison war die Klimadebatte ein Bühnenthema. Wie kam der Focus an?
Gerade bei „Ökozid“ war eine große Neugierde da bei der jüngeren wie der älteren Generation. Mit dieser Produktion haben wir ganz offensichtlich einen Nerv getroffen in der „Autostadt“ Stuttgart. Da wir in jeder Vorstellung andere internationale wie nationale Gastrednerinnen und -redner hatten, war je nach Themenschwerpunkt auch jeder Abend sehr unterschiedlich. Auch diese unterschiedlichen Perspektiven und Einblicke hat unser Publikum als sehr bereichernd empfunden.
Unsere Redaktion erhielt Zuschriften von Lesern, die sich bei „Ökozid“ über die vielen Plastikflaschen auf der Bühne geärgert hatten. Wie war Ihre Klimabilanz bei der Produktion? Haben Sie für Gastredner aus anderen Kontinenten eine CO2-Abgabe bezahlt?
Das ist mir neu, bei uns kamen keine solchen Zuschriften an. Was die Klimabilanz angeht, läuft das Verfahren bei den Stuttgarter Staatstheatern gerade erst an. Aber es gibt natürlich Dinge, die man sofort und einfach umsetzen kann, etwa dass unsere nationalen Gäste nur per Bahn anreisen. Über die Frage, ob wir Expertinnen und Experten aus dem globalen Süden einladen, haben wir im Team lange diskutiert.
Und?
Am Ende war uns klar: Wir müssen mit ihnen reden und nicht nur über sie. Deshalb haben wir zumindest vier Rednerinnen und Redner aus dem globalen Süden für einen direkten Austausch nach Stuttgart eingeladen. Die Flaschen werden, sobald die Produktion abgespielt ist, übrigens „recycelt“: Der Künstler Stefan Kaluza möchte aus ihnen ein eigenes Kunstwerk schaffen.
Da wir gerade beim Thema Nachhaltigkeit und Klima sind: Befürchten Sie, dass der Staat das Theater an manchen Tagen schließen wird, wenn nicht mehr genug Heizmaterial da ist?
Das kann ich nicht kommentieren. Wenn wir unter „Freizeitstätten und Bordelle“ geführt werden wie zu Beginn der Pandemie, dann sind wir gefährdet. Ich hoffe aber nicht! Bitte lassen Sie uns nicht mehr nur über so negative Themen sprechen. Wir müssen davon wegkommen, dass wir nur Schreckensszenarien sehen. Wir wollen schwungvoll in eine normale Saison starten.
Die Welt kann ich nicht schöner machen, als sie ist. Sie planen ein Hip-Hop-Musical und das Musical „Cabaret“ – ist das den Krisen und dem Krieg geschuldet, dass man in solchen Zeiten mehr nach Unterhaltung verlangt?
Wenn ein Opern- und Schauspielregisseur wie Calixto Bieito mit „Cabaret“ sein erstes Musical inszeniert, ist das ein künstlerisches Experiment, auf das ich sehr gespannt bin. Und es gibt auch Wünsche im Ensemble nach gewissen Stoffen und Kunstformen. Mit dem Thema „Freiheit“ haben wir zudem ein saisonübergreifendes Thema zur aktuellen Weltlage.
Und beim Spielzeit-Thema „Freiheit“ kommt man an Schiller nicht vorbei?
Ich finde die Auseinandersetzung mit Schiller immer wieder aufs Neue gewinnbringend. Zumal in einer Stadt wie Stuttgart. Daher freue ich mich sehr auch schon auf „Don Carlos“, den der viel gefragte David Bösch inszenieren wird.
Mit dem talentierten Felix Strobel in der Titelrolle, wie auf der Homepage zu lesen ist.
Ja genau. Wir wollen mit packenden Stoffen und mit einem tollen Ensemble weiter die Menschen für uns gewinnen.
Ihre Intendanz wurde jetzt bis 2029 verlängert. Wie sehen Ihre langfristigen Ziele aus?
Erst mal freue ich mich über das Vertrauen und das einstimmige Votum des Verwaltungsrats. Ab Herbst machen wir uns Gedanken, wie wir die kommenden Jahre gestalten werden. Die großen inhaltlichen Linien, die Internationalisierung und das Autorinnen- und Autorentheater werden wir weiterverfolgen. Natürlich bleibt die Aufgabe, junge Regiehandschriften zu entdecken, zu entwickeln und zu fördern. Ein Aspekt, der mir am Herzen liegt und den wir weiter ausbauen werden, ist die kulturelle Bildung. Und ein weiterer persönlicher Wunsch ist es, den Europäischen Dramatikerinnen- und Dramatikerpreis auszubauen in ein europäisches Autorinnen- und Autorentheaterfestival. Ob das gelingt in Zeiten knapper Kassen, wird sich zeigen.
Gibt es etwas, das Sie im Rückblick auf die letzten Spielzeiten als nicht gelungen empfinden?
Schmerzlich ist, dass wir das Europa-Ensemble-Projekt wegen Corona nicht so weit führen konnten wie geplant. Schön ist, dass mehrsprachige Aufführungen überraschend gut funktionieren. Auch wollen wir städtische Theaterthemen weiterführen, niederschwellige Pilotprojekte wie „Toleranz und Tollerei“ sind gut angekommen. Wichtig ist auch, dass eine Balance von Bewährtem und Neuem gelingt. Und dass das Theater für die Stadt relevant bleibt.
Wie steht es ums gendergerechte Theater in Stuttgart? Diese Saison inszenierten auf der großen Bühne fast nur Männer.
Das war in dieser Spielzeit bedauerlicherweise oft den diversen coronabedingten Verschiebungen geschuldet. In der kommenden Spielzeit werden wir dafür die Regisseurinnen Amélie Niermeyer, Tina Lanik, Jessica Glause, Sophia Bodamer und Annalisa Engheben erleben. Wir suchen immer nach interessanten männlichen und weiblichen Künstlern. Aber die Kunst steht im Vordergrund.
Infos
Intendant
Burkhard C. Kosminski wurde 1961 in Schwenningen geboren. Er ließ sich zum Schauspieler ausbilden und dann noch in New York zum Regisseur. Nach mehreren Regiestationen wurde er 2006 Schauspielintendant in Mannheim, seit 2018 arbeitet er in gleicher Funktion in Stuttgart.
Saisonstart
Die erste Premiere der Saison ist am 24. September Ibsens „Volksfeind“ im Schauspielhaus, Regie führt der Intendant.
Teilhabe
Mit Beginn des Schuljahrs startet der Bildungspass Kultur für die Metropolregion Stuttgart (VVS-Gebiet). Für die Teilnahme an vier Kulturveranstaltungen und eine eigene schulische Leistung gibt’s im Zeugnis eine Bescheinigung. Das Kooperationsprojekt des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg mit den Staatstheatern, der Staatsgalerie und dem Kunstmuseum geht auf eine Initiative des Schauspiels Stuttgart zurück. Schulen können sich ab sofort bis zum 23. September online hier beim Ministerium anmelden.