Ausgehend von Jena hat sich ein bundesweites Netzwerk Kulturschaffender gebildet, das zwei Wochen lang quer durch Deutschland den rechten NSU-Komplex und dessen Morde thematisiert.
Jena - Kein Vergessen, kein Nachlassen – nicht weniger fordert das Bündnis aus Kulturschaffenden, das die Aktionswochen „Kein Schlussstrich“ auf die Beine gestellt hat. Das bundesweite Theaterprojekt beschäftigt sich vom 21. Oktober bis 7. November mit dem sogenannten NSU, dem Nationalsozialistischen Untergrund, der in Deutschland zwischen 2000 und 2006 neun Männer mit Migrationshintergrund tötete. Auch der Polizistenmord an der Heilbronner Beamtin Michèle Kiesewetter wird mit dem NSU in Verbindung gebracht, ebenso wie 43 Mordversuche, drei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle.
Anlass ist der zehnte Jahrestag des Bekanntwerdens des NSU im November 2011 sowie eine immer noch weitgehend lückenhafte Aufklärung etwa über das NSU-Netzwerk, Unterstützer und die Rolle der Behörden, trotz mehrerer Untersuchungsausschüsse sind bis heute viele Fragen offen.
„Wir wollen mit der Aktion eine Art Ausnahmezustand erreichen und die Aufmerksamkeit auf das Thema lenken – bundesweit“, sagt Jonas Zipf, der Projektinitiator.
Theater, Musik und Ausstellung in Opfer- und Täterstädten
Der Kern des NSU bestand aus dem mörderischen Trio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe stammen aus Jena, dort radikalisierten sie sich, bevor sie aus rassistischen Motiven mordeten. „Jena als Stadt der Täter sieht sich in besonderer Verantwortung, das Erinnern an die Opfer des NSU und die Beschäftigung mit dem Thema aufrecht zu erhalten“, so Zipf, der auch Leiter des städtischen Eigenbetriebs Jena Kultur ist. Zusammen mit zahlreichen Kulturschaffenden hat er ein Programm in den sogenannten Opfer- und Täterstädten des NSU entwickelt: Chemnitz, Dortmund, Eisenach, Hamburg, Heilbronn, Jena, Kassel, Köln, München, Nürnberg, Plauen, Rostock, Rudolstadt, Weimar und Zwickau bringen dazu etwas auf die Bühnen. „Jede Stadt hat in Eigenregie ein Theaterstück entwickelt, das während der Aktionswochen Erstaufführung feiert. Der gemeinsame Nenner war der Zusammenhang zum NSU. Ansonsten konnten die Macher frei entscheiden, was sie zeigen und thematisieren wollen,“ so Zipf.
Am Theater Heilbronn etwa ist das Stück „Verschlusssache“ entstanden. Das regionale Recherche-Projekt setzt sich mit dem Mord an Michèle Kiesewetter und den Verbindungen zwischen dem NSU und der rechten Szene in Baden-Württemberg auseinander. Am Staatstheater Nürnberg gibt es einen kapitalen Themenabend: drei Stücke von Elfriede Jelinek – „Wolken.Heim“, „Rechnitz (Der Würgeengel)“ und „Das schweigende Mädchen“ beleuchten völkisches Denken, Rassismus und rechte Gewalt. In mehreren Städten gibt es ein Musikprogramm sowie die Ausstellung „Offener Prozess“, die auch digital zu erleben ist, begleitende Gesprächsrunden und Workshops. „Unsere Zielgruppe sind die Stammgäste in den Theatern, aber auch Jugendliche und vor allem alle, die aus den Opferkreisen stammen. Wir wollen ihr Vertrauen zurückgewinnen. Andererseits sind es auch alle, die nicht rechts sind, denn die, die bereits rechtsorientiert sind, können wir vermutlich kaum erreichen“, sagt Zipf.
Keine Veranstaltung in Stuttgart
Dass Stuttgart nicht als Spielstätte dabei ist, liegt zum einen daran, dass die Stadt keine der Täter- oder Opferstädte ist. Dennoch: „Berlin etwa beteiligt sich ebenso wie Hannover oder Dessau. Es wäre auch aus Eigeninitiative gegangen“, sagt der Projektleiter.
Baden-Württemberg habe sich auch nicht an einer Förderung beteiligt, berichtet er. Auf Nachfrage heißt es aus dem zuständigen Ministerium, dass eine Förderung aus zuwendungsrechtlichen Gründen nicht möglich gewesen sei, da mit dem Projekt bereits begonnen worden war, bevor die Anfrage gestellt wurde. Voraussetzung für eine Landesförderung sei jedoch, dass das zu fördernde Projekt noch nicht begonnen habe.
Kein Schlussstrich Programm und Schau unter: kein-schlussstrich.de, offener-prozess.de