Dass Kinder nicht schwimmen können, galt viele Jahre als unvorstellbar. Ein Blick in die Grundschulen zeigt aber: sehr viele Kinder lernen nicht richtig schwimmen. Das sind die Gründe für diese Entwicklung.
Es sollte zum Aufwachsen eines jeden Kindes gehören und ist doch keine Selbstverständlichkeit: Schwimmenlernen. Laut einer Forsa-Umfrage, die die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Auftrag gegeben hatte, kann jedes fünfte Grundschulkind, 20 Prozent der Befragten, nicht sicher schwimmen. 2017 waren es zehn Prozent. Eine Verdopplung innerhalb von fünf Jahren. Um auf das Problem aufmerksam zu machen, findet am Sonntag, 21. Mai, der erste bundesweite Schwimmabzeichentag statt, den die DLRG und weitere Verbände ins Leben gerufen haben. Jeder der Lust hat, kann an diesem Tag sein Können auf den Prüfstand stellen und dadurch ein Schwimmabzeichen erhalten.
Schwimmunterricht ist Mangelware
Aber was sind die Ursachen dieser Entwicklung? „Den meisten Eltern ist bewusst, wie wichtig es ist, dass ihre Kinder schwimmen können. Es hapert am Angebot an Schwimmkursen. Die Kurse sind innerhalb weniger Stunden ausgebucht“, sagt Sybille Schmid vom SSV Esslingen. Ein weiterer Grund: die Corona-Pandemie. Durch die Bäderschließung während der Pandemie fehlen Mädchen und Jungen zwei Jahre, in denen sie keine Wassergewöhnung aufbauen konnten. „Viele Kinder kommen ganz ohne Wassergewöhnung in den Schwimmkurs. Sie sind ängstlicher und brauchen deutlich mehr Zeit, bis sie Schwimmen lernen“, berichtet Sybille Schmid.
Der SSV versucht deshalb mehr Schwimmkurse anzubieten, wird aber von den wenigen Schwimmbädern in der Stadt Esslingen eingeschränkt. Mit der 18-monatigen Schließung des Merkelbades ab September wird sich die Situation verschärfen. Dann steht allen Schulen und Vereinen in Esslingen nur noch das Hallenbad in Berkheim zur Verfügung.
Je geringer das Einkommen, desto mehr Nichtschwimmer
Die Umfrage ergab auch, die Frage nach Schwimmer oder Nichtschwimmer ist auch eine Frage des Geldes. Fast die Hälfte der Kinder aus Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen unter 2500 Euro kann nicht schwimmen – bei einem Einkommen über 4000 Euro sind es zwölf Prozent. Auch Menschen mit einem Hauptschulabschluss (14 Prozent) sind dreimal und Menschen mit einem Migrationshintergrund (neun Prozent) doppelt so oft Nichtschwimmer wie der Durchschnitt der Bevölkerung ab 14 Jahren. Schmid beobachtet auch, dass die Anzahl der Grundschulen, die Schwimmunterricht anbieten, stark gesunken ist: „Früher war es die Ausnahme, wenn es keinen Schwimmunterricht in der Grundschule gab, heute ist es die Regel.“
Hoffnung in Esslingen
Doch es gibt auch Hoffnung. Zum Beispiel durch die „SchwimmFidel – ab ins Wasser!“-Aktion des Landes Baden-Württemberg, die im April vergangenen Jahres gestartet wurde. Dafür stellte das Land 600 000 Euro bereit, um damit vor allem Kooperationen zwischen Kindertageseinrichtungen, Schwimmvereinen sowie DLRG-Ortsgruppen auf den Weg zu bringen. Der SSV-Esslingen ist noch nicht Teil des Projekts, möchte aber mit seiner Schwimmlehrerin zukünftig die Kooperationen mit den Einrichtungen aufbauen.
Um Abhilfe zu schaffen, ist auch der SSV-Esslingen aktiv: Erweiterung des Schwimmkursangebots und eine Schwimmlehrerin in Vollzeit, um den Nachholbedarf zu erfüllen. Auch die Geschäftsführerin des DLRG Landesverbandes Württemberg ist zuversichtlich, denn in Baden-Württemberg lernen wieder mehr Kinder schwimmen als vor der Corona-Pandemie: Im vergangenen Jahr wurden über 11 300 Seepferdchen-Abzeichen abgenommen – rund 20 Prozent mehr als vor Corona.