„Oma, ich ziehe doch nicht in den Zweiten Weltkrieg“: Konstantin Menz und der Observation Post North, von dem er nie zurückkehrte. Foto: imago stock&people

Im Jahr 2011 stirbt ein junger Backnanger in Afghanistan, zusammen mit zwei Kameraden. Der Krieg scheint heute weit weg – doch es gibt Menschen, die die Erinnerung wach halten.

Afghanistan, 18. Februar 2011. Im Beobachtungsposten OP North in der Provinz Baghlan sind Soldaten des Panzergrenadierbataillons 112 damit beschäftigt, einen Marder-Schützenpanzer zu reparieren. Unter ihnen ist der 22 Jahre alte Stabsgefreite Konstantin Menz. Der etwa fünfmonatige Einsatz des Backnangers ist fast geschafft: Nur ein paar Tage noch, dann kann der junge Zeitsoldat nach Hause zu seiner Familie.

 

Doch es kommt anders: Ein junger afghanischer Soldat nähert sich. Der 19-Jährige ist für die ISAF-Soldaten kein Unbekannter. Sie waren gemeinsam auf Patrouille, er gehört zur Wachmannschaft, welche die Soldaten in ihrem Beobachtungsposten schützen soll. Der „Observation Post“ gilt als relativ sicher, Menz und seine Kameraden können hier auch mal die Schutzweste abnehmen und die Waffe beiseite legen. Eigentlich.

Anschlag durch einen Taliban-Schläfer: Backnanger unter den Toten

Kurz nach dem Anschlag im Februar 2011: Sanitätsfahrzeuge rücken an. Foto: Bundeswehr/Michael Schreiner

Doch der Mann in der afghanischen Uniform ist ein Schläfer der Taliban. Er winkt den deutschen Soldaten kurz zu, dann hebt er sein Sturmgewehr und eröffnet das Feuer. Laut Medienberichten schießt er das ganze Magazin seiner Waffe leer, bis er nachladen muss und es einem deutschen Soldaten gelingt, ihn zu töten.

Der 30-jährige Hauptfeldwebel Georg Missulia stirbt sofort, Konstantin Menz sieben Stunden später im Krankenhaus im nahen Pol-e Chomri. Der Hauptgefreite Georg Kurat (21) erliegt kurze Zeit später seinen Verletzungen, sechs ihrer Kameraden werden schwer verwundet. Es sind nicht die ersten und nicht die letzten getöteten und verwundeten Bundeswehrsoldaten während des fast 20 Jahre langen Einsatzes in Afghanistan: 60 Tote werden es am Ende sein.

Rund um den Jahrestag des Angriffs kommen auf dem Friedhof in Backnang-Waldrems immer Menschen zusammen, um zu erinnern. Daran, dass hinter dieser nüchternen Zahl 60 Menschen stehen, die heute fehlen. Konstantin Menz wäre nun 38 Jahre alt, möglicherweise hätte er selbst Familie. Seinen Hinterbliebenen, darunter drei Geschwistern, bleibt er als sportlich und hilfsbereit im Gedächtnis. „Er war politisch interessiert, an der Welt interessiert“, sagt seine Mutter Tanja Menz. Er hätte wohl auch einen guten Zivi abgegeben.

Zum Gedenken in Backnang kommen Politiker und Vertreter des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge, aber auch Angehörige Konstantins und Soldaten, die mit ihm in Afghanistan waren. Jeder hat seinen eigenen Weg, mit dem Tod umzugehen. Konstantins Mutter Tanja, heute 58 Jahre alt, hat sich nicht verkrochen. Mit ihrem Mann Hans-Jürgen war sie in Afghanistan, sie selbst ist noch zweimal dorthin zurückgekehrt.

„Es war mir wichtig, mir die letzten fünf Monate von Konstantins Leben vorstellen zu können. Den Sand, die Hitze, die Bedingungen dort. Wie groß ist das Lager, was hat er gesehen, wenn er morgens aufgestanden ist – all das wollte ich wissen“, sagt sie. Der Besuch in Afghanistan sei für sie wie ein fehlendes Puzzleteil gewesen, das sie nun einsetzen konnte. Sie konnte sich ihren Sohn besser vorstellen – wie er mit seinen dunklen Haaren einen guten Draht zu den Einheimischen fand, wie er mit seinen Kameraden im Panzer übernachtete, irgendwo da draußen.

Nach dem Tod von Konstantin hat sie sich regelrecht in Ehrenämter gestürzt, zusätzlich zu ihren beiden 50-Prozent-Jobs. Sie ist im Beirat der Inneren Führung des Verteidigungsministers, im „Netzwerk der Hilfe“ für Hinterbliebene von Bundeswehrangehörigen, zudem im Vorstand der Härtefallstiftung des Bundes. Erst vor ein paar Tagen war sie in Koblenz, bei einem Treffen mit dem Minister, und immer wieder spricht sie auf Gedenkveranstaltungen. Langweilig wird ihr nicht – und auch ihr herzliches Lachen hat sie nicht verloren, trotz allem.

Wird der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr in Deutschland vergessen?

15 Jahre nach diesem Anschlag und rund fünf Jahre nach dem Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan hat die Welt sich weitergedreht. Der OP North wurde bereits 2013 von der Bundeswehr verlassen. Längst sind die Taliban am Hindukusch wieder an der Macht und haben die Uhren weitgehend wieder zurückgedreht. Inzwischen toben neue Kriege an anderen Orten, und jener in Afghanistan droht darüber in Vergessenheit zu geraten. Doch nicht heute, nicht hier.

Am Grab des jungen Backnangers steht auch seine Großmutter: Christel Koksch, 83 Jahre alt, hat ihren Enkel jetzt um 15 Jahre überlebt. Die überzeugte Pazifistin erinnert sich noch daran, wie sie mit Konstantin über dessen Entscheidung sprach, sich für vier Jahre bei der Bundeswehr zu verpflichten. „Oma, ich ziehe doch nicht in den zweiten Weltkrieg, hat er gesagt“, erzählt sie. Tat er nicht. Doch zurück kam er trotzdem nicht lebend.

Der US-Präsident Donald Trump hat neulich behauptet, die Truppen der verbündeten Nationen seien im Afghanistan-Krieg „abseits der Frontlinie“ geblieben, während die US-Soldaten das Kämpfen übernommen hätten. Eine Aussage, die international für Empörung sorgte. Auch Tanja Menz trifft sie sehr. „Natürlich haben die USA da vieles gestemmt. Aber es gab bei den Truppen aller Nationen Menschen, die eher im Lager geblieben sind – und solche, die öfter rausgingen“, sagt sie.

Dazu kommt: In Afghanistan gab es oft keine klassische Frontlinie. „Wo soll die denn gewesen sein“, sagt Menz. Der Tod kam auch in Form von Selbstmordattentätern und versteckten Sprengsätzen. Oder inmitten eines scheinbar sicheren Außenpostens, wie an jenem 18. Februar. „Green-on-blue“-Vorfall, so bezeichnet das Militär solche Angriffe durch verbündete Kräfte.

Konstantin Menz’ Grab in Waldrems ist ein Ehrenmal der Bundeswehr. Foto: Phillip Weingand

Auch in Bayern gedenkt man der getöteten Bundeswehrsoldaten

Das Datum der Gedenkfeier in Backnang hängt damit zusammen, dass am eigentlichen Jahrestag des Anschlags wie jedes Jahr ein Gedenken in Bayern stattgefunden hat. Am 18. Februar trugen die 600 Soldatinnen und Soldaten des Panzergrenadierbataillons 112, dem auch Menz angehörte, einen Baumstamm rund um den bayerischen Ort Regen, in dem die Kaserne steht. Darauf festgenagelt: metallene Erkennungsmarken mit den Namen der Toten aus dem Bataillon. Nicht nur von Gefallenen jenes Tages, sondern auch von anderen Panzergrenadieren, die ihr Leben gelassen haben. „Gefallen oder bei Unfällen ums Leben gekommen – wir machen da keinen Unterschied“, erklärt ein Soldat des Bataillons.

Doch was bleibt nun vom Einsatz und vom Tod von Menschen wie Konstantin? „Es wäre zu hoffen, dass auch die Verantwortlichen etwas daraus lernen“, sagt sein Vater Hans-Jürgen Menz. „Dass man sich künftig gut überlegt, welche realistischen Ziele man mit so einem Einsatz überhaupt verfolgt.“ Durch die Wiederbewaffnungs-Debatte hat das Thema auch für seine Frau Tanja an Aktualität gewonnen. „Natürlich wäre es schön, wenn man all das nicht brauchen würde“, sagt sie. „Aber ist es realistisch? Ich glaube nicht.“