Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ist in die Defensive geraten und muss nun in den Krisenmodus schalten. Foto: POOL

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat mit ihrer Kritik an den Führungsschwächen in der Bundeswehr womöglich ein Eigentor erzielt. Doch kann man ihr die Skandale der jüngeren Zeit nicht allein anlasten, meint Matthias Schiermeyer.

Stutttgart - Die Hiobsbotschaften, die in jüngster Zeit die Bundeswehr erschüttern, eignen sich dazu, alle Vorurteile ihrer Gegner zu bestätigen: In deren Augen sind die Soldaten autoritär veranlagt und undemokratisch, gewaltorientiert und sexistisch, fremdenfeindlich und rechtsextremistisch. Als Kronzeugin der Vorwürfe gilt die Verteidigungsministerin höchstpersönlich, die Führungsschwächen dafür verantwortlich macht. Viele Soldaten ­sehen in dem Urteil Ursula von der Leyens eine pauschale Diskreditierung. Das negative Echo scheint die Ministerin so sehr zu beeindrucken, dass sie mit ihrem offenen Brief, der Absage einer USA-Reise und dem geplanten Treffen der Führungselite in den Krisenmodus schalten muss.

Die Truppe hatte immer schon damit zu kämpfen, dass Einzelfälle für einen Generalverdacht herhalten mussten. Dabei gibt die Faktenlage den Befund, dass sich alles zum Schlechteren wendet, nicht her. Ein Beispiel: Ungeachtet der unbestrittenen Anziehungskraft des Militärs auf Extremisten stagniert laut dem Bericht des Wehrbeauftragten die Zahl der Meldungen, wonach Soldaten eine verfassungsfeind­liche Gesinnung geäußert haben. Nach Lesart der Ministerin verhindert ein Korpsgeist das Bekanntwerden weiterer Fälle. Demnach funktionieren die inneren Reinigungskräfte nicht: Vorgesetzte schauen über Missstände hinweg, statt aufzuklären.

Mangel an Innerer Führung

Dass niemand Verantwortung für Verstöße übernehmen will, hat mit einem Mangel an Innerer Führung zu tun. Dieses Prinzip bestimmt die Genetik der Nachkriegsbundeswehr. Es ermuntert die Soldaten, als verantwortungsvolle Staatsbürger und Vorgesetzte Befehle kritisch zu hinterfragen. Allerdings ist die Innere Führung unter die Reformräder geraten, vernachlässigt von diversen Ministern.

Vor allem jüngere Offiziere sind um Mitbestimmung und Selbstreflexion bemüht, doch es fehlt an Vorbildern: Mangelnder Widerspruchsgeist zeigt sich in höchsten Offizierskreisen. Kritiker werden abgedrängt, karrierebewusste Ja-Sager steigen auf. Dies schürt das Misstrauen gegenüber den militärisch und politisch Verantwortlichen. Hinzu kommt: Aufgrund der ungenügenden Bewerberlage wird seit vielen Jahren Nachwuchs rekrutiert, der den Anforderungen der Inneren Führung nicht mehr genügt. So bleibt dieses Prinzip eine leere Worthülse für feierliche Anlässe.

Beseitigung der Wehrpflicht wohl nicht ausschlaggebend

Nicht belegen lässt sich, dass die Beseitigung der Wehrpflicht vor sechs Jahren ­Abschottungstendenzen und damit auch Exzesse gefördert hat. Widerwärtige Aufnahmerituale und sexistische Auswüchse hat es schon früher gegeben. Dank wachsender Sensibilität werden die Fälle heute aber öfter gemeldet. Zudem schwächt von der Leyen den militärischen Charakter der Bundeswehr ab, wenn sie diese wie einen ­modernen Großkonzern inklusive der üblichen Arbeitnehmerrechte aufstellt. Da bleibt wenig Platz für Extravaganzen.

Vielmehr zeigt sich, dass der beständige Wandel die Truppe nach Ende des Kalten Kriegs mit dem Wegfall eines Feindbilds und der Neuausrichtung zur Kriseninterventionsarmee in eine Identitätskrise ­geführt hat. Viele Soldaten erkennen kein Leitbild mehr, dem sie folgen sollen. Frühere soldatische Werte spielen keine Rolle mehr. Für einen der Gesellschaft abhandengekommenen Patriotismus wollen sie im Auslandseinsatz nicht ihr Leben lassen. Lieber sehen sie sich als bewaffnete Entwicklungshelfer, vermissen aber allgemeine Wertschätzung auch für diese Aufgabe.

Den Finger in die Wunde gelegt

Das Gefühl der Entwurzelung lässt sich nicht allein der amtierenden Ministerin anlasten. Wenn sie – wenngleich mit unglücklichen Formulierungen – den Finger in die Wunde legt, mag dies viele Soldaten schmerzen. Doch daraus kann eine Debatte entstehen, die zu Korrekturen beiträgt. Die Alternative, Mängel weiter unter den ­Teppich zu kehren, führt ins Nichts.

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