Beim Ausziehen der Schutzausrüstung ist Sorgfalt gefragt. Foto: Gottfried Stoppel

Das Land Baden-Württemberg hat das Militär um Hilfe gebeten, um in Althütte-Sechselberg eine Isolierunterkunft für Flüchtlinge zu betreuen. Unsere Bildergalerie zeigt den Alltag der Soldaten.

Althütte - Hinter der improvisierten Flügeltür beginnt der schwarze Bereich. „Nur mit den Ellbogen öffnen“, steht auf einem Hinweisschild. Bevor er dies tut, streift sich der junge Mann mühsam einen Einweg-Overall über die Uniform und die Kampfstiefel. An den Handgelenken klebt der Hauptgefreite das Kleidungsstück ab, dann zieht er Handschuhe an, schnallt sich ein Visier vors Gesicht und macht sich auf in die Sperrzone.

Das ehemalige EC-Freizeitzentrum in Althütte-Sechselberg (Rems-Murr-Kreis) ist eigentlich ein idyllischer Ort. Eine kleine Brücke führt zu einem Hochseilgarten, im nahen Wald zwitschern die Vögel, zwischen den Gebäuden lockt ein Volleyballfeld. Doch das ist tabu, genau wie die anderen Freizeitanlagen: Wer dieser Tage hier übernachtet, hat nicht Ferien, sondern Corona. Oder Dienst. Auf dem Gelände sind seit April infizierte Flüchtlinge aus der Erstaufnahmestelle in Ellwangen untergebracht, es ist jetzt eine temporäre Isolierunterkunft.

Isolation für Flüchtlinge: Kaum Kontakt zur Außenwelt

Die Gebäude, in denen die derzeit rund 20 Patienten wohnen, sind seitdem der besagte schwarze Bereich; eine No-Go-Area für die allermeisten Menschen. Ins Freie dürfen die Bewohner nur kurz, in bestimmte, abgesperrte Bereiche. Wäsche aus dem schwarzen Bereich muss auch dort gewaschen werden. All das soll den Kontakt zur Außenwelt auf ein Minimum beschränken. Damit Ärzte, Soldaten und andere Helfer nicht für jedes Gespräch Schutzkleidung angelegen müssen, existieren zwei Videostationen. Eine Dokumentenkamera hilft auch dann, wenn es Probleme mit Papierkram gibt.

Doch auch die Bereiche „Weiß“ und „Grau“ gleichen einem Hochsicherheitstrakt. Das Ensemble ist von Bauzäunen umgeben, Scheinwerfer überall. Ein privater Securitydienst patrouilliert laufend, auch die Polizei schaut öfter vorbei.

Der Zustand der Corona-Patienten wird ständig überwacht

Weil der Betrieb der Unterkunft mit eigenen und privaten Arbeitskräften nicht zu stemmen ist, hatte das Land Baden-Württemberg die Hilfe der Bundeswehr beantragt. Bis zur vergangenen Woche waren hier acht Sanitätssoldaten im Einsatz; sie sind bis auf Weiteres abgezogen. Noch im Einsatz sind zehn Angehörige des Jägerbataillons 292 aus Donaueschingen. Normalerweise trainieren sie den Kampf mit Sturmgewehr und Transportpanzer – jetzt sieht ihr Alltag anders aus. Draußen, am Rand des Geländes, mähen ein paar junge Männer in Flecktarn den Rasen. Auch das gehört jetzt dazu.

„Im Wesentlichen unterstützen wir die Malteser“, erklärt ein Soldat, der sich als Feldwebel Bravo vorstellt, den Alltag. Die teils auslandserfahrenen Männer haben die Zäune und Schleusen auf- und ausgebaut. Jetzt helfen sie zum Beispiel, das Frühstück auszuteilen und bei den Bewohnern Fieber zu messen. Letztes ist wichtig, weil ein Infizierter verlegt werden müsste, sollte sich sein Zustand verschlechtern. Für die Sicherheit auf dem Gelände sind die Soldaten allerdings nicht verantwortlich: Hoheitliche Aufgaben dürfen sie hier laut Gesetz nämlich nicht erfüllen.

Die Soldaten sind in einer Herberge in Althütte untergebracht. Alle 14 Tage ist Schichtwechsel – dann müssen sie zunächst in Quarantäne. „Manche von uns haben Familie, für sie ist das schon eine Belastung“, sagt Feldwebel Bravo.

Widerstand gegen die Flüchtlingsunterbringung

Als bekannt wurde, dass das Land die infizierten Flüchtlinge in Althütte unterbringen will, regte sich mancherorts Widerstand. Thomas Deines vom Regierungspräsidium (RP) Stuttgart bekam dies am eigenen Leib mit: Als er dem Althüttener Bürgermeister Reinhold Sczuka via Videostream Rede und Antwort stand, formierten sich draußen Demonstranten zu einem Hupkonzert. Auch auf Facebook wurde Stimmung gegen die Unterkunft gemacht. „Das ist leider eine Begleiterscheinung, wenn man in diesem Bereich arbeitet“, sagt Deines.

Als die Einrichtung dann in Betrieb ging, spendeten die Landfrauen Kuchen, andere Althüttener gaben Spielzeug für die Flüchtlingskinder in Quarantäne. Doch es tauchten auch Plakate in der Umgebung auf – Protest gegen die Einrichtung habe es von beiden politischen Rändern gegeben, sagt Deines. „Die ganz Linken haben ein Problem mit der Erstaufnahme, und die ganz Rechten eines mit den Flüchtlingen.“

Die Isolierunterkunft Althütte ist für ein halbes Jahr angemietet

Immer wieder, erzählt er, gehe in der Gegend das Gerücht um, infizierte Flüchtlinge seien aus der Isolationsunterkunft ausgebüchst. „Aber es gab keinen Ausbruchsversuch“, betont er. Unter anderen habe nach Ostern ein Helikopterflug für Spekulationen gesorgt – „mit dem Hubschrauber kam allerdings ein General der Bundeswehr zu Besuch“, sagt Deines.

Das Land Baden-Württemberg hat das ehemalige Freizeitzentrum für ein halbes Jahr angemietet – ob es so lange gebraucht wird, ist freilich unklar. Der Hilfeantrag bei der Bundeswehr läuft noch bis Ende Juni – „ich gehe nicht davon aus, dass wir ihn verlängern müssen“, erläutert Thomas Deines.

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