Ukrainische Soldaten nahe Bachmut. Das Land wird wohl über Jahre westliche Unterstützung brauchen Foto: dpa/AP/Alex Babenko

Generalmajor Christian Freuding leitet im Verteidigungsministerium den Sonderstab Ukraine. Im Interview spricht er über die derzeitige Lage – und warum die militärische Hilfe für die Ukraine aus seiner Sicht noch über 2030 hinaus nötig ist.

Das Büro von Christian Freuding liegt im vierten Stock des Bundesverteidigungsministeriums. Er bittet für das Gespräch an einen Konferenztisch in seinem Büro, hinter ihm an der Wand hängt ein Gemälde, das eine Kavallerieeinheit beim Überqueren eines Flusses zeigt. Generalmajor Freuding ist derzeit einer der wichtigsten Männer im Bendlerblock, er leitet nicht nur den neugeschaffenen Planungs- und Führungsstab, der die Abläufe im Ministerium beschleunigen soll – sondern auch seit vergangenem Februar den Sonderstab Ukraine.

General Freuding, Sie sind regelmäßig in der Ukraine. Wie ist die Stimmung im Land?

Zuletzt war ich im September bei einer Konferenz in der Ukraine, zum selben Zeitpunkt wie im Jahr zuvor. Damals war die Stimmung infolge der Gebietsgewinne bei Charkiw euphorisch. Diesmal spürte man immer noch Siegesgewissheit, vor allem aber grimmige Entschlossenheit. Gleichzeitig merkt man inzwischen aber auch Erschöpfung und Traurigkeit. Es gibt keine Familie, die keine Verluste erfahren hat.

Wie ist der Blick auf Deutschland?

Voller Dankbarkeit. Man ist sich in der Ukraine bewusst, welchen Weg wir gegangen sind. Wir liefern schließlich zum ersten Mal in diesem Umfang Waffen in ein Kriegsgebiet. Wir werden als verlässlicher Partner gesehen. Was Deutschland zusagt, liefern wir auch.

Sie verfolgen das Kriegsgeschehen genau. Wie würden Sie die Lage derzeit beschreiben?

Seit einigen Wochen beobachten wir eine Phase des operativen Patts. Wir sehen, dass die Initiative zwischen den ukrainischen und russischen Streitkräften hin- und herwechselt. Der Angriff der Ukrainer im Süden bei Saporischschja hat an Schwung verloren. Die dort erzielten Geländegewinne konnten aber konsolidiert und gehalten werden. Im Norden und Osten, etwa im Raum Donezk sehen wir, dass die russischen Streitkräfte mit höchstem Einsatz von Mensch und Material erneut angreifen. Bislang mit nur geringen Fortschritten.

Wie wird sich der Krieg im beginnenden Winter verändern?

Der Winter wird einen Einfluss haben, allerdings darf man die Auswirkungen der Witterung gerade im Süden nicht überschätzen. Ich glaube zudem, dass beide Seiten im Winter dazu gezwungen sind, sich zu konsolidieren: Es wird Auffrischung und Ausbildung der Truppenteile geben. Das operative Tempo wird sich also verlangsamen, einen Stillstand wird es aber nicht geben. Gut möglich, dass man sich auf beiden Seiten darauf konzentriert, Ziele im Hinterland wie Depots, Infrastruktur und Kommandoposten zu bekämpfen.

Mehr Stillstand dürfte die Stimmen bestärken, die sagen, die Ukraine könne diesen Krieg militärisch nicht gewinnen. Stimmen Sie zu?

Jeder Krieg kann militärisch gewonnen werden – auch der aktuelle von der Ukraine. Zur Wahrheit gehört aber ebenso: Jeder Krieg endet an einem Verhandlungstisch. Es kommt aber ganz entscheidend auf die jeweilige Position an, mit der sich die beiden Kontrahenten an diesem Verhandlungstisch treffen.

Sie sagten, die Russen nehmen für kleine Gewinne hohe Verluste von Material und Menschen in Kauf. Warum?

Das entspricht der herkömmlichen Doktrin der russischen Streitkräfte, und es zeigt auch, welches Menschenbild in den russischen Streitkräften herrscht. Man will den Erfolg erzwingen, ohne Rücksicht auf Verluste bei Mensch und Material.

Kann Russland diese Verluste an Soldaten und militärischem Gerät so ohne Weiteres ausgleichen?

Derzeit sind sich die Russen offenbar sicher, dass sie ihre Kräfte nicht schonen brauchen. Ja, Russland verfügt über ein großes potenzielles Reservoir an Soldaten. Inwieweit sie das auch aus politischen Gründen mobilisieren wollen, ist im Moment schwer abzuschätzen – insbesondere vor dem Hintergrund der anstehenden Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2024. Beim Material sehen wir schon jetzt, dass vielfach Modelle aus den 1960er und 70er Jahren eingesetzt werden. Viel gepriesene „Wunderwaffen“ wie den Panzer T-14 Armata hat man hingegen noch nicht gesehen.

Welchen Beitrag kann Deutschland zusätzlich leisten?

Wir haben in den vergangenen Monaten mehrere starke Unterstützungspaket geschnürt. In diesen Tagen wird die dritte Einheit des Luftverteidigungssystems Iris-T SLM geliefert, bald folgt die zweite Feuereinheit Patriot. Außerdem gibt es Winterbekleidung und -ausrüstung für die ukrainischen Soldaten, speziell mit dem Blick auf die bevorstehenden Wintermonate. Generell fokussieren wir uns bei unserer Unterstützung auf ganz bestimmte Bereiche: Luftverteidigung, Artillerie, Pionierfähigkeiten, gepanzerte Fahrzeuge, Spezialausrüstung. Diesen Weg gehen wir weiter.

Wie viel von Deutschland geliefertem Material wurde bereits zerstört?

Dazu möchte ich keine genauen Angaben machen. Aber es ist klar, dass es in einem Krieg auch Verluste gibt. Die versuchen wir dadurch zu minimieren, dass wir die Ukrainer bestmöglich trainieren. Die Bundeswehr hat gemeinsam mit unseren Partnern bereits über 8000 ukrainische Soldaten in Deutschland ausgebildet. Das Feedback, das wir dazu kriegen, ist immer sehr wertschätzend. Ebenso beim Material: Fragt man die ukrainischen Soldaten, wovon sie sich mehr wünschen, werden vor allem deutsche Waffensysteme genannt, wie Leopard 2 und Panzerhaubitze 2000.

Seit Oktober befindet sich ein weiterer Partner Deutschlands im Krieg. Gibt es eine Konkurrenz zwischen der Unterstützung für die Ukraine und der Unterstützung für Israel?

Für uns ist klar: Wir stehen an der Seite der Ukraine ebenso wie an der Seite Israels. Die Ausgangssituation beider Länder ist jedoch sehr unterschiedlich. Die ukrainischen Streitkräfte beginnen erst, sich zu modernisieren. Israels Armee ist top ausgestattet, top trainiert und darauf eingestellt, von einem Tag auf den anderen einen Krieg führen zu müssen. Auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Ukraine und Israels sind völlig andere. Außerdem ist die Art der Kriegsführung eine andere. Kurz gesagt: Das sehe ich derzeit nicht.

Sie sind seit Anfang des Krieges Leiter des Sonderstabes Ukraine. Wie hat sich Ihre Arbeit in dieser Zeit verändert?

Am Anfang ging es vor allem um die Adhoc-Unterstützung, jetzt denken wir in langen Linien.

Über welchen Zeithorizont reden wir?

Zusammen mit der Ukraine und unseren Partner sprechen wir darüber, wie die künftigen ukrainischen Streitkräfte aussehen sollen. Dabei ist klar: Die militärische Unterstützung der Ukraine ist eine Aufgabe bis Ende des Jahrzehnts – und darüber hinaus. So sind in unserer Haushaltsplanung bereits Mittel bis zum Jahr 2032 vorgeplant, das zeigt unsere Entschlossenheit. Wir müssen der Ukraine helfen, Fähigkeiten zu entwickeln, damit sie ein freier Staat bleiben kann, der sich selbst verteidigen und Angreifer abschrecken kann. Der Kampf um Freiheit hat für mich kein Verfallsdatum.

Sie haben gesagt, man müsse die Russen davon überzeugen, dass sie diesen Krieg nicht gewinnen können. Derzeit hat man nicht unbedingt den Eindruck, dass diese Einsicht in Moskau reift. Was bedeutet das für den Krieg?

Wir müssen dafür sorgen, dass die Zeit nicht Putins Verbündeter ist, sondern unser Verbündeter.

Und das heißt?

Wir müssen Putin klarmachen: Wir halten länger durch, Freiheit siegt.