Hensoldt baut in Ulm auch Radare für den US-amerikanischen Kampfjet F-35. Außerdem stellt der Konzern unter anderem Rucksäcke mit Funktechnik her. Foto: dpa/Leszek Szymanski

Noch vor wenigen Jahren war Rüstungsproduktion für viele Firmen im Land ein No-Go. Doch mit der Flaute in der Autoindustrie wächst das Interesse rasant.

Unlängst berichtete ein IHK-Verantwortlicher bei einer Veranstaltung, wie er es vor ein paar Jahren mal mit einem Termin zur Rüstungsbranche versucht hatte. „Da kamen gerade einmal sechs Mitglieder“, sagte er. Als das Thema jetzt wieder aufgerufen wurde, habe die Liste dagegen bei 300 Anmeldungen von interessierten Unternehmern geschlossen werden müssen.

 

Ähnlich erging es jetzt den Machern der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart, die das Thema auf die Tagesordnung gesetzt hatten, weil der Bund die Verteidigungsausgaben in den nächsten fünf Jahren verdoppeln will. Im Bertha-Benz-Saal des Hauses der Wirtschaft waren rund 150 Plätze sämtlich besetzt, die Luft dick und die Zuhörenden trotzdem ganz Ohr – schließlich saßen auf der Bühne drei Unternehmer, die Einblicke in ihre Tätigkeit in der Rüstung gaben.

Hensoldt: 2000 neue Mitarbeiter – größtes Werk in Ulm

Die Hensoldt AG produziert als Generalunternehmer Radarsysteme wie zum Beispiel das Aufklärungssystem Pegasus, das an Flugzeugen angebracht wird. Sie ist aber auch am Konsortium des Eurofighters beteiligt. Hensoldt wächst rasant, allein in den vergangenen drei Jahren um 2000 auf heute weltweit rund 9000 Mitarbeiter. Der Firmensitz ist zwar in Taufkirchen bei München, das größte Werk mit rund 3000 Mitarbeitern steht aber in Ulm. Gefolgt vom früheren Zeiss-Gelände in Oberkochen im Ostalbkreis, wo rund 1000 Menschen arbeiten. 5000 Zulieferer aus 49 Ländern beliefern das Unternehmen.

Hensoldt ist zu 60 Prozent für die Bundeswehr tätig, sagt Tobias Süß. Er ist bei Hensoldt zuständig für die politische Kommunikation in Deutschland. Der Rest entfalle auf andere Länder, vor allem in Europa. „Eigentlich wollten wir auf 50 Prozent Umsatz in anderen Ländern kommen“, sagt Süß, der so etwas wie der „Außenminister“ von Hensoldt ist, „aber tatsächlich kommt die Bundeswehr schon auf über 60 Prozent“. Süß fügt an: „Wir gehen von einem extrem starken Wachstum in dieser Branche in den nächsten Jahren aus.“

Der Rüstungselektronik-Hersteller Hensoldt baut auch diese Radare für den Kampfjet Eurofighter Foto: Marijan Murat/dpa

Probleme, Fachkräfte zu finden, habe Hensoldt keine. „20, 30 Bewerbungen entfallen auf eine Stelle“, heißt es. Zum einen, weil der Ruf, für die Rüstungsindustrie zu arbeiten, seit dem Krieg in der Ukraine schlagartig besser geworden sei. „Wir haben früh Radare geliefert und die Mitarbeitenden haben gerne Zusatzschichten geschoben, weil sie gemerkt haben, dass damit Leben gerettet werden“, berichtet Süß aus dem Innenleben. Zum anderen profitiere man davon, dass Ingenieure aus verwandten Branchen zunehmend auf der Suche seien. Dass Maschinenbau und Automobilindustrie gemeint sind, muss Süß nicht aussprechen.

Beschichtete Metallteile von Parare aus Kreis Esslingen

Das bestätigt das Kleinunternehmen Parare aus Frickenhausen im Kreis Esslingen, das speziell beschichtete Metallteile mittels 3D-Druck und Laserbearbeitung herstellt, die so sicherheitsrelevant sind, dass Geschäftsführer Sven Skerbis den Zuhörenden vorenthält, für was die Teile verwendet werden. Parare hatte Glück, dass es an einen großen Partner geraten ist, dem für einen Auftrag ein agiles Kleinunternehmen gerade recht kam. Die Firma mit heute 15 Mitarbeitern konnte liefern, sagt Skerbis, „heute kommen unsere Kunden immer mehr aus dem Bereich Defense“.

Der Parare-Geschäftsführer lenkt den Blick auf die besonderen Anforderungen der Rüstung mit zusätzlichen Zertifizierungen und Materialanforderungen. „Wir haben vier Jahre gebraucht, um ein sicherheitsrelevantes Bauteil in Serie zu bringen“, berichtet Sven Skerbis. Das binde ordentlich Kapital.

Mosolf: Tochter der Firma aus Kirchheim stellt Radare her

Ähnliche und andere Tipps aus der Praxis hat Dominik von Wolff Metternich auf Lager. Metternich leitet den Verkauf bei der Mosolf Special Vehicles GmbH, die eine Tochter des 3200-Mitarbeiter-Familienunternehmens Mosolf in Kirchheim/Teck ist. Die Special Vehicles baut unweit des Europaparks Rust etwa Radare auf handelsüblichen Geländewagen auf. „Die beiden Systeme muss jemand verheiraten“, sagt Metternich, was weder das Geschäft des Radarherstellers noch jenes des Autobauers sei.

Embed code

Der Oberst der Reserve macht den Zuhörern Mut. „Es gibt fast nichts, was die Bundeswehr nicht braucht“, sagt Metternich, „von den Verteidigungsausgaben entfallen 20 Prozent auf Rüstung.“ Der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium Nils Schmid (SPD) stößt bei der anschließenden Podiumsdiskussion ins selbe Horn: „Das ist eine der Industrien, bei denen man am stabilsten weiß, dass es so weiter geht.“

Im Publikum herrscht reges Interesse an Detailfragen, bei einigen aber auch Ernüchterung. Ein Sonderanlagenbauer etwa, der darunter leidet, dass aus der Autoindustrie kaum mehr Aufträge kommen, sich aber immerhin über einige Aufträge aus der Medizintechnik freut, schreckt der Aufwand der Zertifizierung eher ab: „Ich glaube nicht, dass das etwas für uns ist.“