Der einsamste Job der Welt: Bundestrainer Joachim Löw nach dem WM-Aus Foto: dpa

Das Projekt Titelverteidigung ist grandios gescheitert, dem deutschen Team fehlten die letzte Motivation und die letzte Gier – auch, weil der Bundestrainer Fehler gemacht hat.

Kasan - Das Spiel gegen Südkorea ist aus. 0:2. Die WM ist für das deutsche Team und Joachim Löw vorbei. Viel zu früh. Da steht er nun, der Weltmeister-Trainer, er schreit nicht, er wütet nicht, er schüttelt kurz den Kopf. Er wirkt in dieser Sekunde gefasst, kontrolliert, überlegt. Dann geht er zu seinen Spielern, tröstet. Und für einen kurzen Moment scheint Löw auf dem Rasen von Kasan allein in Gedanken versunken, den Blick starr nach vorne gerichtet. Es ist 18.57 Uhr Ortszeit am Mittwochabend in Kasan, als offiziell wird, dass Löw für ein historisches Scheitern der deutschen Fußball-Nationalelf verantwortlich ist.

Löw probierte vorher alles. Er gestikulierte, er gab Anweisungen, er versuchte mit seinen Wechseln irgendwie noch die Wende herbeizuführen. Allein, es brachte nichts. Verzweifelt sah er irgendwann aus. Als könne er nicht fassen, was sich da vor ihm abspielte.

Der vierfache Weltmeister liegt am Boden

Es ist also tatsächlich passiert. Es ist kein böser Albtraum, es ist die bittere Realität. Deutschland scheidet bei einer Fußball-WM in der Vorrunde aus. Weil das alles irgendwie noch so schwer zu begreifen ist, noch einmal dieser Satz: Deutschland scheidet bei einer Fußball-WM in der Vorrunde aus. Das gab es noch nie. Der vierfache Weltmeister liegt am Boden. Oder genauer: auf dem Rasen von Kasan, am Mittwochabend nach dem Schlusspfiff in Form der Spieler.

Joachim Löw lag da nicht, er wollte irgendwann nur noch weg, rein in die Stadionkatakomben, bevor er all die Fragen zu beantworten hatte. Auch der Bundestrainer, der scheinbar unantastbare Weltmeister-Trainer, der nun für dieses sportliche Desaster in Russland verantwortlich ist, ist am Mittwoch ganz unten angekommen. Auch er ist am Boden.

Und nun, Herr Löw? Zieht er die Konsequenzen und tritt nach zwölf Jahren als Bundestrainer zurück? Hört dieser Löw nach der vorher so erfolgreichen Zeit also tatsächlich am Tiefpunkt auf? Oder will er, wie vor dieser WM geplant und mit der vorzeitigen Vertragsverlängerung manifestiert, tatsächlich weitermachen bis zur WM 2022 in Katar? Und wenn ja, darf er das?

DFB-Präsident Reinhard Grindel hält an Löw fest

Gut 25 Minuten nach dem Aus hatte Joachim Löw das erste Mikrofon in der Hand. Angeschlagen sah er aus, wie könnte es auch anders sein. Aber er war sachlich, nüchtern, höflich. Geschockt zwar, aber erstaunlich aufgeräumt und klar. Er übernehme die Verantwortung, sagte er dann. Zurecht sei man ausgeschieden. Auch er müsse sich jetzt hinterfragen und eine „Nacht darüber schlafen“. Und bleibt er im Amt? Darauf wollte sich Löw im Moment seiner schwersten Niederlage nicht einlassen. Aber was er dann doch so sagte, klang ein wenig nach Abschied, nach Jogi-Dämmerung. „Es ist zu früh für mich, die Frage zu beantworten“, sagte er. Am Donnerstag werde man Gespräche führen, wie es weiter gehe. Andererseits: was hätte er auch sagen sollen?

Eine Trennung hatte der DFB-Präsident Reinhard Grindel vor dem Spiel ausgeschlossen. Und auch nun, in der bittersten Stunde des deutschen Fußball, nach dem Spiel, wiederholte Grindel in den Katakomben seine Aussage: „Wir haben vor der WM gesagt, wir trauen ihm das zu bis 2022. Das ist nach wie vor meine Meinung.“

Also Ende der Diskussion. Wirklich?

Die letzte Motivation und die letzte Gier fehlten

Die Stunden und Tage nach solchen Ereignissen können eine ganz eigene Dynamik entwickeln. Ein vom DFB nüchtern geplanter Umbruch kann auf einmal ein turbulenter Umbruch werden. Die Diskussion, sie geht erst los. Und manch Name kursierte schon in Kasans Katakomben, etwa der von Arsène Wenger als Übergang für ein Jahr oder so bis eine andere Lösung möglich ist mit vielleicht Jürgen Klopp. Nun ja. Was halt so spekuliert wird bei solchen Tiefpunkten. Noch ist Löw ja Trainer, und es ist sehr gut möglich, dass er das bleibt. Fakt ist indes: die WM war ein Reinfall.

Die Weltmeister von 2014, die Helden von Rio, dachten vor dem Turnier, dass das Weltmeistersein schon irgendwie ausreichen wird, um nach schwieriger Vorbereitung in die Spur zu finden – und irgendwie dachte das wohl auch der Bundestrainer. Die letzte Motivation und die letzte Gier fehlten, was sich schon beim EM-Turnier 2016 in Frankreich zeigte, als Löw keinen neuen Titelhunger bei seinem Team wecken konnte. Jetzt, bei der WM in Russland, bewahrheitete sich für den Weltmeister auf seiner Mission Titelverteidigung ein Spruch, der im Sport sehr oft seine Gültigkeit hat: Es ist leichter auf den Thron zu kommen, als oben zu bleiben.

Das Projekt Titelverteidigung ist grandios gescheitert

Joachim Löw fiel nun tief. „From hero to zero.“ Von ganz oben nach ganz unten in vier Jahren.

Dabei standen die Vorzeichen doch so günstig. Die Mischung aus den Weltmeistern von 2014, den Platzhirschen, und den jungen, aufstrebenden Spielern vom Confed-Cup-Triumph 2017, machte die DFB-Elf zu einem der Topfavoriten bei der WM in Russland. Die Weltmeister und die talentierten Jungs von der Mini-WM, das muss doch was werden, so war die weit verbreitete öffentliche Meinung.

Jetzt lässt sich sagen: Das Projekt Titelverteidigung ist grandios gescheitert, auch weil es an allen Ecken und Enden des Teams knirschte und knarzte und weil Joachim Löw es nicht schaffte, zumindest während des Turniers eine Einheit zu formen. Nach der harten öffentlichen Kritik von Innenverteidiger Mats Hummels an seinem Mitspielern nach der ersten Partie gegen Mexiko musste Löw Brände löschen. Tagelang war man im deutschen Lager damit beschäftigt, wieder Frieden zu stiften, was nur mäßig gelang. Löw scheint das Gespür für seine Gruppe abhandengekommen zu sein. Das, was der Bundestrainer in all seinen Turnieren als Chefcoach so grandios hinbekam, gelang ihm nun nicht mehr – ebenso wenig verstand er es, die richtige Aufstellung und die richtige Taktik zu wählen.

Wer den Bundestrainer erlebte in den Tagen in Russland, dem wurde schnell klar: Da hält einer an seinem Plan fest. Komme, was wolle – so, wie er es immer getan hat. Selbst nach dem teils desaströsen Auftreten gegen Mexiko saß Löw auf dem Pressepodium und sagte, dass es keinen Grund gebe, grundsätzliche Dinge zu ändern. Dass er im zweiten Spiel gegen Schweden und nun gegen Südkorea auf einigen Positionen seine Startelf veränderte, war nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Löw’schen Stein, auf dem ein großes Weiter-so stand.

Von ganz oben, von der Verbandsspitze, genoss Löw spätestens seit dem WM-Triumph 2014 die totale Rückendeckung. Der Jogi, der macht das schon, so war es immer wieder zu hören. Und der Jogi selbst, der sagte sich offenbar: Das wird schon. Wir sind doch die Weltmeister. Und ich bin doch der Weltmeister-Trainer. Ich weiß, wie der Hase läuft. Selbstreflexion, hinterfragen, eigene Entscheidungen anzweifeln – davon, so wirkte es, war Löw seit 2014 oft recht weit entfernt.

Hatte der Erfolgsverwöhnte das Scheitern nicht auf dem Schirm?

Fast schon empört reagierte Löw vor den Toren Moskaus, dort also, wo das deutsche Team während der WM logierte, manchmal auf die Nachfragen nach Veränderungen. Der sonst so entspannte Jogi wurde in den Tagen von Watutinki bisweilen zum gereizten Herrn Löw. Er sprach bei seinen Antworten auf Pressekonferenzen den kritischen Fragesteller schon mal persönlich mit dem Nachnamen an, ehe er die Dinge erklärte. „Herr xy, ich bitte Sie …“ So ging das – auch wenn sich Löw in der Öffentlichkeit auf der anderen gerne weiter als der lässige Coach, dem niemand etwas anhaben kann, präsentieren wollte. Etwa dann, als er vor dem zweiten Gruppenspiel am Schwarzmeerstrand von Sotschi lässig an der Laterne lehnte und für die Fotografen posierte.

Seinen Vertrag hatte Löw ja noch vor dem Turnier bis 2022 verlängert. Weil er es konnte und weil er es wollte. Löw weiß um den Reiz seines Jobs. Um den gesellschaftlichen Stellenwert, den dieser mit sich bringt. Ein Erfolgsverwöhnter wie Löw schien sich vor dem Turnier mit einem Scheitern in Russland gar nicht zu beschäftigen. „Ich muss keine neue Gier, keinen Enthusiasmus erzeugen“, das hatte er noch im WM-Trainingslager in Südtirol klargestellt. Löw wirkte in der Phase der heißen Vorbereitung fast empört angesichts des Verdachts, die Dinge beim Nationalteam könnten ein bisschen eingefahren sein. Er vertraute auf seine Erfahrung. Er vertraute auf sich. Es war ein fataler Trugschluss.

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