Dorothea Florian (r.) erinnert sich noch gut an die Reden von Willy Brandt. Genau wie Helene Dittmann (li.) kommt sie aus einem politischen Haus. Foto: Holowiecki

Am 24. September ist Bundestagswahl. Zwei 92-Jährige aus Stuttgart-Vaihingen berichten über das Glück, an die Urne gehen zu dürfen. Beide kennen aus dem Nationalsozialismus Zeiten, in denen sie wählten, aber keine Wahl hatten.

Vaihingen - Sie sagt es immer und immer wieder. Gebetsmühlenartig. Man muss wählen gehen. Helene Dittmann aus Rohr spricht von einer Bürgerpflicht. Und dass man froh sein solle, in einem freien Land zu leben, in dem man zur Urne gehen dürfe. „Ja, ich habe immer gewählt“, sagt sie mit fester Stimme. Und auch Dorothea Florian betont: Wählen, das ist ein hohes Gut. Beide Frauen kennen andere Zeiten.

Helene Dittmann und Dorothea Florian wurde beide 1924 geboren. Da war das Frauenwahlrecht in Deutschland gerade sechs Jahre alt. Trotzdem war das eigene freie Votum lang keine Selbstverständlichkeit, denn es gab Zeiten, da hat man zwar gewählt, aber hatte keine Wahl – weil es in der Zeit des Nationalsozialismus auf dem Zettel schlichtweg keine Alternativen gab. „In der Nazizeit musste man einen Namen wählen. Was blieb einem übrig?“, sagt Dorothea Florian.

Mit kleinen Tricks gegen Hitler

Für Adolf Hitler zu votieren, das sei der Künstlerfamilie zuwider gewesen, der Wahl fernzubleiben, sei aber auch keine Option gewesen. Dorothea Florians große blaue Augen werden noch größer, ein Lächeln umspielt die Lippen. „Wenn man etwas aufpasste, konnte man das auch umgehen“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Unleserlich schreiben, den Wahlzettel auf den Boden fallen lassen und einen schmutzigen Fußabdruck hinterlassen, den Stift ganz zufällig verlieren: Manchmal sei man mit dem stillen Protest durchgekommen, „es kam drauf an, wer der Wahlhelfer war“, erinnert sich die 92-Jährige.

Umso wichtiger und prägender sei die Nachkriegszeit gewesen, „da konnte man sagen, was man meinte“. Dorothea Florian verbrachte einen Großteil ihres Lebens in Westberlin, kam erst vor rund zehn Jahren, nach dem Tod des Mannes, zur Tochter nach Stuttgart-Vaihingen. Vielen Reden vor dem Roten Rathaus hat sie gelauscht, die meisten Namen hat sie jedoch inzwischen wieder vergessen. Doch einer, der hat sich eingebrannt. „Willy Brandt haben wir häufig gesehen, der hat uns gefallen. Der war sehr aktiv und hat versucht, vieles durchzusetzen“, erklärt die gelernte Goldschmiedin.

In der Familie wurde diskutiert

Sie erinnert sich, wie sie, eine klassische SPD-Wählerin, in den 70ern mit den Kindern, die dann Grün wählten, diskutierte. Wie später die Mauer fiel. In Berlin, da war man immer ganz nah dran. Mit ihrem Rollstuhl fährt Dorothea Florian zu einer Vitrine, zeigt auf ein kunterbuntes Mosaik, das sie selbst gestaltet hat: Mauer-Teile.

Auch Helene Dittmann kommt aus einem politischen Haus, wie sie sagt. Der Vater: leidenschaftlicher FDP-Anhänger. Der hätte es gern gesehen, dass die drei Kinder auch gelb wählten. Den Gefallen tat sie, die Jüngste, dem Vater aber nicht, sagt sie und lacht. Seit jeher fühlt sich sie eher der CDU zugetan, aber es gab auch Jahre, in denen die gebürtige Vaihingerin ganz anders gewählt hat. Zuerst auf die Partei schauen, dann auf den Vertreter, lautet ihre Devise.

Kurz vor der Wahl wird sie 93

Hauptsache wählen, sagt sie einmal mehr. „Sonst darf man sich nicht beschweren.“ Wie diese Politiker hießen, weiß sie nicht mehr. So viele Namen. Auch welche Wahl das war, bei der sie, eine ehemalige Lehrerin, sich als Wahlhelferin engagiert hatte, bringt sie nicht mehr zusammen. Erinnerungen verschwimmen. „Das ist so lang her und man spricht so wenig darüber“, sagt sie. Lieber beschäftigt sich die Seniorin mit der Gegenwart. Die Tageszeitung liegt auf dem Tisch, das müsse sein, sagt sie. Besonders gern liest sie die auf ihrem Balkon im Hans-Rehn-Stift, von wo sie eine sensationelle Sicht über die Filderebene hat. Auch in diesem Jahr, kurz nach ihrem 93. Geburtstag, wird sie wieder wählen gehen. „Solange ich meinen Verstand noch habe.“

Dorothea Florian hingegen ist unschlüssig. „Ich bin politisch ziemlich verunsichert und weiß nicht, was die vorhaben“, sagt sie. Die Positionen seien heute so verschwommen, und seit sie ihren Fernseher der Enkelin geschenkt hat, ist sie etwas von der aktuellen Berichterstattung abgeschnitten. „Ich möchte mich damit nicht mehr ablenken“, sagt sie. Ihr Fokus liegt heute woanders. In ihrem Zimmer im Vaihinger Filder-hof malt sie gern für Familienmitglieder. Aktuell verziert sie eine Stofftasche mit einem Schmetterling. Wählen, gestalten, sich aktiv einbringen, das sollen die Jüngeren. Dorothea Florian kann dennoch ihren Beitrag leisten, wie sie sagt. Indem sie erzählt. Zum Beispiel übers Glück, wählen zu dürfen.

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