Die Älteren erinnern sich: So sah Hermann Schaufler (rechts) im Zenit seiner Politikkariere vor 17 Jahren aus. Und wer weiß wer neben ihm steht, darf „Hoch auf dem gelben Wagen“ singen. Foto: StZ

Während die Wahlkämpfer in den Endspurt hasten, hat unser Lokalchef Holger Gayer zwei Senioren entdeckt, die in anderen Sphären schweben. Der eine heißt Schaufler, der andere Kretschmann.

Stuttgart - Die Geografie ist eine fiese Angelegenheit. Schon im Wesen dieser Wissenschaft ist angelegt, dass es nicht immer nur bergauf geht. Es gibt Gipfel, aber auch Täler – und was sich dazwischen befindet, kann je nach Richtung der Fortbewegung ein Aufstieg oder ein Absturz sein. In der Politik wird bisweilen beides miteinander verwoben. Die kleinste Maßeinheit in dieser Kategorie heißt Schulz. Die größte ist der Kretschmann.

Wie man mit den Grundregeln der Geografie spielt, hat der Ministerpräsident am Mittwoch eindrucksvoll bewiesen. In seiner Rolle als Wirtschaftsversteher hat der Landesvater die neue Zentrale des Softwareunternehmens AEB eröffnet. Geschehen ist das in Möhringen, das 421 Meter über Normalnull liegt und damit einer der höchstgelegenen Stadtbezirke Stuttgarts ist. Anschließend vermeldete AEB jedoch, dass Kretschmann eine „neue Denkfabrik im schwäbischen Cyber Valley“ eingeweiht habe, was in der wörtlichen Übersetzung auf einen Platz im Tal hinweist, im übertragenen Sinne aber bedeuten soll, dass wir jetzt auch in digitaler Hinsicht zu Höhenflügen ansetzen. Welche Dialektik!

Wer weiß, wann Cem Özdemir zuletzt in Stuttgart war?

Auch die Wahlkämpfer setzen auf Hintersinn. Die FDP-Kandidatin Judith Skudelny wirbt zum Beispiel mit dem Spruch „Mobilität ist Freiheit – für ein weltoffenes Stuttgart“. Der Satz wirft Fragen auf: Dürfen alle, die auf der Welt mobil sind, so frei sein und nach Stuttgart kommen? Oder öffnen wir jenen, die nach Stuttgart gekommen sind, mit unseren Mobilen die Welt, um selbst wieder frei zu werden?

Auch Cem Özdemir gibt mit seiner Einschätzung, er sei die „starke Stimme für Stuttgart“ Rätsel auf. Wer sich erinnern kann, wann der Parteichef der Grünen zum letzten Mal in seinem Wahlkreis war, darf ihn bestimmt mal in Berlin besuchen.

Stefan Kaufmann braucht vier Worte für seine Inhalte

Deutlich schlichter kommen Stefan Kaufmann und Ute Vogt daher. Während der CDU-Abgeordnete für Inhalte vier Worte braucht („Aus Stuttgart, für Stuttgart“), kommt die SPD-Kollegin mit der Hälfte aus: „Für Stuttgart“. Mit drei Worten dazwischen: „Karin Ma(a)g Stuttgart“.

Wenn am Sonntagabend das Rennen gelaufen ist, empfiehlt sich ein Besuch beim Göckelesmaier auf dem Wasen. Dort gastiert von 18 Uhr an ein Wunder der deutschen Namens- und Kürzelgebung, um die Ergebnisse der Bundestagswahl zu analysieren: Minister a. D. Prof. Dr. h. c. Hermann C. Schaufler. Der CDU-Veteran tritt übrigens auf Einladung des Wirtschaftsrates seiner Partei auf. Dessen Mitglieder bekommen ein halbes Göckele umsonst, in weiser Voraussicht heißt es in der Einladung aber auch: „Bitte beachten Sie: Die Getränke gehen auf eigene Rechnung.“

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