Die Beschäftigten der Werkstätten Esslingen-Kirchheim haben Bundestagskandidaten gefragt, was sie dafür tun wollen, dass Menschen mit Behinderung ausreichend Arbeit haben. Foto: Roberto Bulgrin

Auch Menschen mit Behinderung geben am Sonntag ihre Stimme ab. Im Gespräch mit Bundestagskandidaten und einer -kandidatin in den Werkstätten Esslingen-Kirchheim (WEK) forderten sie Unterstützung im Kampf für mehr Arbeit und Bezahlung. Nur eine Partei war dabei bewusst nicht eingeladen.

Es geht um existenzielle Fragen an diesem Morgen in einer Kantine in Esslingen-Zell: Was würden die Bundestagskandidatinnen und -kandidaten dafür tun, dass die Beschäftigten in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung am Ende des Monats mehr Geld in der Tasche haben? Und dafür, dass sie überhaupt Arbeit haben? „Ich will nicht nur malen, ich will arbeiten“, zitiert der Moderator der Gesprächsrunde, Christian Birzele-Unger, eine der Beschäftigten.

 

150 Menschen mit Beeinträchtigung verfolgen etwa zwei Stunden aufmerksam, wie vier Politiker und eine Politikerin ihre Fragen beantworten. Ihre Arbeitgeber, die Werkstätten Esslingen-Kirchheim (WEK) und ihre Schwesterunternehmen, leiden unter der derzeitigen Wirtschaftsflaute. Die Aufträge aus der Industrie sind zurückgegangen. Immer häufiger stehen die Beschäftigten nicht mehr an der Werkbank, sondern nehmen an Bildungs- und Freizeitangeboten teil.

Von Argyri Paraschaki-Schauer (SPD), David Preisendanz (CDU), Matthias Gastel (Grüne), Martin Auerbach (Linke) und Rafael Gawenda (Freie Wähler) wollten sie nun wissen, was sie dagegen tun wollen. Und warum die Menschen in Behindertenwerkstätten so wenig verdienen – oft weniger als 200 Euro im Monat. „Das muss sich ändern“, fügte Heike Traub an, die Vorsitzende des WEK-Werkstattrates.

Bessere Entlohnung für Menschen mit Behinderung

Die Kandidaten und die Kandidatin Argyri Paraschaki-Schauer, David Preisendanz, Matthias Gastel, Martin Auerbach und Rafael Gawenda (von links) haben sich den Fragen der Mitarbeitenden der Werkstätten Esslingen- Kirchheim und Partnerfirmen gestellt. Foto: Roberto Bulgrin

David Preisendanz (CDU) fordert, dass die Höhe des sogenannten Arbeitsentgelts, bis zu der ein sogenanntes Arbeitsförderungsgeld hinzu kommt, nicht mehr begrenzt wird. „Der Deckel muss weg“, findet Preisendanz. „Wir wollen im Prinzip, dass der Mindestlohn in Werkstätten gezahlt wird“, sagt der Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel (Grüne). Doch das sei nicht so leicht. Zuerst müsse die Gesellschaft Arbeit mehr anerkennen als bislang. Denn wenn Menschen etwas einkauften, dann müsse alles billig sein. Darum werde Arbeit nicht so gut bezahlt.

Martin Auerbach (Linke) schlägt vor, Firmen staatlich zu unterstützen, die mit Werkstätten für Menschen mit Behinderung arbeiten und auch der Staat selbst solle mehr Aufträge an diese vergeben. „Ich gönne Euch mehr Geld.“ Rafael Gawenda (Freie Wähler) sagt: „Es ist wichtig, dass Sie einen fairen Ausgleich für ihre Arbeit bekommen.“ Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage dürfe das aber nicht dem freien Markt überlassen werden, sondern der Staat müsse dafür Gewähr leisten.

Mehr Inklusion am Arbeitsmarkt

Mit Blick auf die Schwierigkeiten für Menschen mit Behinderung, am ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, fordert Argyri Paraschaki-Schauer (SPD), die Arbeitswelt müsse inklusiv gedacht werden – und das nicht nur für Menschen mit Behinderung, sondern auch Migranten mit Sprachschwierigkeiten.

Beim Thema Inklusion müssen die Gäste selbst noch ein bisschen üben. Der Aufforderung zur einfachen Sprache gerecht zu werden, fiel manchen schwer. Doch die Mitglieder des Werkstattrates, die die Veranstaltung mitorganisiert haben, zeigen Nachsicht. „Es war okay, wie die Fragen beantwortet wurden“, findet Erdan Tahiri, zweiter Vorsitzender des Werkstattrates der ARBEG Care, ein Schwesterunternehmen der WEK. Diese waren von den Beschäftigten vorab gesammelt worden. Weitere Themen waren beispielsweise ÖPNV, Verbraucherpreise und Klimaschutz.

AfD nicht in Werkstatt eingeladen

Mit dem Verlauf der Veranstaltung waren die Werkstatträte zufrieden. „Die Kandidaten haben nichts Schlechtes gegen Menschen mit Beeinträchtigung gesagt“, sagt Lucien Benz, Vorsitzender des Werkstattrates der ARBEG Care. Das habe er aber auch nicht erwartet. Denn entsprechend war die Gästeliste aufgestellt worden. Eine Partei wurde auf Wunsch des Werkstattrates dezidiert ausgeschlossen: die AfD. Immer wieder haben sich Vertreter der Partei abwertend über Menschen mit Behinderung geäußert. Sie steht der Inklusion, also beispielsweise dem gemeinsamen Lernen von Menschen mit und ohne Behinderung, kritisch gegenüber. Und die immer wieder auftretenden Verharmlosungen der NS-Zeit durch prominente AfD-Funktionäre wecken alte Ängste, auch bei den Familien der Beschäftigten und der Werkstattleitung. „Ich habe Angst, dass die AfD an die Macht kommt“, sagt Heike Traub.

Damit die Beschäftigten mündig wählen können, wird in den WEK und ihren Schwesterunternehmen auf Demokratiebildung Wert gelegt. Die Mitarbeitenden informieren sich aber auch selbst. Erdan Tahiri ist es wichtig, wie die Parteien zu Menschen mit Beeinträchtigung und Migranten stehen. Darüber informiert er sich im Internet. Lucien Benz dagegen schaut eher politische Fernsehsendungen wie das Quadrell am vergangenen Sonntag auf RTL. Er hat seine Stimme per Briefwahl bereits abgegeben. Heike Traub überlegte nach der Veranstaltung noch, für wen sie votieren will.

Die Werkstätten

Firmenverbund
Die Werkstätten Esslingen-Kirchheim (WEK) gehören zur Lebenshilfe, einer Selbsthilfevereinigung für Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen. Zu deren Sozialfirmenverbund im Kreis Esslingen gehören drei gemeinnützige Gesellschaften – neben den WEK die ARBEG Care und die ARBEG Inklusion. Hier finden Menschen mit geistigen, körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen Arbeit in Montage, Verpackung, Schreinerei, Metallverarbeitung, Elektroprüfung, aber auch in der Gastronomie oder im Verkauf.

Entgelt
Laut Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM) lag das durchschnittliche monatliche Arbeitsentgelt von Beschäftigten in Baden-Württemberg 2023 bei 188 Euro – dieses wird aus dem Arbeitsergebnis der jeweiligen Werkstatt bezahlt. Hinzu kommt das Arbeitsförderungsgeld von 52 Euro. Das Gros des Lebensunterhalts der Menschen mit Behinderung wird dagegen über die Eingliederungshilfe des Landkreises abgedeckt. Die BAG WfbM dringt auf eine Verbesserung der Einkommenssituation der Beschäftigten und eine Reform der Finanzierung.

Wahlwünsche
Volker Ditzinger, Geschäftsführer der WEK, wünscht sich von der Bundespolitik, dass Menschen in ihrem Handicap differenzierter wahrgenommen werden. „Die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen mit einem Handicap müssen genauer beachtet werden, da man zum Beispiel über einen Rollstuhlfahrer mit Studium ähnlich diskutiert wie über einen Menschen mit einer kognitiven Einschränkung.“