Er hat gut lachen: Werner Ressdorf mit seinem ersten Großplakat. Foto: Leif Piechowski

Unter der halben Hundertschaft parteiunabhängiger Direktkandidaten für den Bundestag ist Siegfried Kauder der bekannteste. Einer der unbekanntesten dürfte Werner Ressdorf sein, der im Wahlkreis Stuttgart I politische Prominenz wie Ute Vogt, Cem Özdemir und Stefan Kaufmann herausfordert.

Stuttgart - Sie sind unabhängig, ohne Parteibuch, ohne Parteiunterstützung – und damit eigentlich chancenlos. Trotzdem versuchen in Stuttgart gleich vier unabhängige Kandidaten, in den Bundestag zu kommen. Neben der Diplom-Mathematikerin Carola Eckstein im Wahlkreis Stuttgart II sind es im Wahlkreis Stuttgart I drei Bewerber: der Rentner Hans-Jürgen Gäbel, der Diplom-Ingenieur Frank Schweizer und der Industriekaufmann Werner Ressdorf.

Seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 hat es noch keiner geschafft. Nie wurde ein parteiunabhängiger Einzelkandidat bei einer Bundestagswahl ins Parlament gewählt. Das wird wohl auch am Wahltag in knapp drei Wochen, am 22. September, nicht anders sein.

Werner Ressdorf kennt diese Ausgangslage, lässt sich aber nicht entmutigen. „Einer muss ja der Erste sein, der es in den Bundestag schafft“, sagt er mit einem frohen Lachen. „Warum nicht ich?“

Immerhin kann Ressdorf, der vor wenigen Tagen 59 Jahre alt geworden ist, auf eine politische Karriere zurückblicken, mag sie auch noch so kurz und erfolglos gewesen sein. Vor knapp einem Jahr ist er als Kandidat bei der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart angetreten. Die 107 Stimmen, die auf ihn entfielen, bescherten ihm einen Stimmenanteil von 0,1 Prozent und damit den letzten Platz unter allen 14 Bewerbern.

Foto aus 16 DIN-A3-Kopien zusammengeklebt

Trotz dieser Erfahrung tritt Ressdorf jetzt auch bei der Bundestagswahl an. Dass er das ohne Helfer und praktisch ohne finanzielle Mittel machen muss, ficht ihn nicht an. Auf seinem bisher einzigen Großplakat, das in Plieningen an der Ecke Filderhauptstraße und Adornostraße aufgestellt ist, steht – es klingt fast trotzig – „MdB: Ich mach’s“.

Wie er es tatsächlich macht, dazu erzählt Ressdorf die ziemlich schräge Geschichte, wie er zu seinem Großplakat kam. Das Holzgerüst hat er mit Bohrer, Hammer und ­Nägeln selbst gezimmert, das Foto aus 16 DIN-A3-Kopien zusammengeklebt. „Ein Großplakat wäre zu teuer gewesen“, sagt Ressdorf.

Das zerlegte Gerüst hat er, zu einem unhandlichen und schweren Paket verschnürt, in öffentlichen Verkehrsmitteln nach Plieningen transportiert. „Der Platz wurde mir von der Stadt zugewiesen.“ Beim Transport des Großplakats war der Kandidat mit der schweren Bürde zunächst auf sich gestellt. „Bei jedem Umsteigen habe ich Passanten um Hilfe gebeten“, sagt er. Doch weder am Marienplatz noch in Degerloch, Möhringen und Plieningen musste er lange bitten. „Alle waren hilfsbereit“, sagt Ressdorf. „Es war fast wie im Film von Monty Python. Im ‚Leben des Brian‘ drängen sich die Leute auch danach, das Kreuz ein Stück tragen zu dürfen.“ Für den Einzelkämpfer Ressdorf ist der Weg nach Berlin kein Kreuzzug, eher ein beschwerlicher Kreuzweg.

Gute Figur machen und gewinnendes Lächeln zeigen

Auch beim Einrammen der Pflöcke für das Plakat musste Ressdorf nicht lange um Unterstützung bitten. Ein Mitarbeiter der benachbarten Gärtnerei war rasch mit einem Holzbalken als Schlegel zur Stelle. Sogar ein zufällig vorbeikommender Flaschensammler stellte seine Plastiktaschen ab und half beim Plakatkleben.

Geschafft! Jetzt kann der Wahlkampf in die heiße Phase gehen. Ressdorf weiß, wie es funktioniert. Man muss eine gute Figur machen und ein gewinnendes Lächeln zeigen. Was Politikern und Heiratsschwindlern Erfolg bringt, beherrscht auch er. Auf dem Plakat trägt er eine elegante Fliege, beim Fototermin vor dem Plakat edlen Zwirn und ein breites Lachen über der blauen Krawatte.

Sie ist so blau wie der Himmel über seiner Geburtsstadt Rio de Janeiro. Am 26. August 1954 wird Werner Ressdorf dort geboren, wohin die Geschichte seine Eltern verschlagen hat. Die Mutter, eine Sorbin, die in Moskau geboren und später von den Sowjets ausgewiesen wurde, und der Vater, ein Flugzeugtechniker aus Essen, waren nach Brasilien ausgewandert. 1969 kehrt die inzwischen siebenköpfige Familie nach Deutschland zurück.

Spektakuläres Erweckungserlebnis gehabt

Werner Ressdorf besucht in Stuttgart die Technische Oberschule, macht eine Lehre als Maschinentechniker, später wird er technischer Industriekaufmann. Heute arbeitet er als Selbstständiger für eine Werbeagentur.

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Politischen Ehrgeiz entwickelt er erst spät. Beim Wandern vor zwei Jahren auf dem Jakobsweg in der Schweiz, so erzählt Ressdorf, habe es ihn gepackt. Das Erweckungserlebnis war spektakulär. Beim Biss in eine trockene Salami brach ihm ein Stück Zahn ab. Als das Malheur behoben war, fand Ressdorf Gefallen am richtigen Biss: „Ich will Politik für die kleinen Leute machen.“ Diese Notwendigkeit habe er beim Sammeln der 200 Unterstützer-Unterschriften für die Zulassung als Bundestagskandidat immer wieder gespürt. „Die einfachen Leute fühlen sich von der großen Politik nicht ernst genommen“, sagt Ressdorf, „deshalb will ich ihnen eine Stimme in Berlin geben.“ Die Stimmungslage bei den Wählern, da ist sich der Kandidat sicher, eröffne ihm große Chancen auf den Bundestag. „Ich bin entsetzt und sprachlos, dass die Menschen so enttäuscht sind über die Politik.“ Das werde er in Berlin ändern.

Ob es bei seiner Kampagne und „mit einem eher geringen Wahlkampfetat“ zu einem weiteren Großplakaten reicht, lässt Ressdorf offen. Wenn ja, dann werden sicher wieder Hilfsbereite an den Umsteigestellen sein Kreuz ein Stückchen mit tragen. Im Gegenzug, das verspricht Ressdorf, wird er in Berlin sein Kreuz hinhalten. Wenn, ja wenn er genügend Kreuzchen bekommt.

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