Aus dem Arbeitermilieu ins Parlament: Bundestagspräsidentin Bärbel Bas. Foto: Xander Heinl/photothek

Bärbel Bas war kein Politstar. Dass sie nun Bundestagspräsidentin wurde, ist ihr nicht in den Schoß gefallen. Besuch bei einer Aufsteigerin.

Berlin - An einem schönen Abend im vergangenen Herbst war Bärbel Bas noch den meisten Menschen im Land unbekannt. An diesem Abend tat die Sozialdemokratin einen kleinen Schwur. Es war zu etwas vorgerückter Stunde, Bas saß nach dem Kinobesuch mit einer Freundin zusammen. Ein bisschen hat dieser Schwur, von dem noch die Rede sein wird, vielleicht auch damit zu tun, was Bärbel Bas seit kurzem ist: Bundestagspräsidentin.

 

Inzwischen ist sie im Amt. Es ist Sitzungswoche, die erste in diesem Jahr, morgens kurz vor Neun. Die oberste Saaldienerin steht vor dem Präsidenteneingang und wartet. Alles muss genau sein wie an jedem Sitzungsmorgen. Gleich wird die Präsidentin kommen. Drinnen im Plenarsaal des Bundestags haben die meisten Abgeordneten auf ihren blauen Sesseln Platz genommen.

Zwei Stockwerke weiter oben sitzt Bärbel Bas in ihrem Büro, das gerade eben noch das von Wolfgang Schäuble war. Schäuble, dieses bundesrepublikanische Monument. Fast 50 Jahre als Abgeordneter. Herausragender Redner, Machtprofi, einer der Geschichte mitgeschrieben hat. Ex-Minister, Ex-Fraktionschef und jetzt, anders als gedacht, Ex-Bundestagspräsident. Die Wähler haben entschieden. Die SPD war am Zug.

Eine Dienerin auf Zeit

Aber Bärbel Bas? Bas, 53 Jahre alt, Sozialdemokratin aus Duisburg, stellt ihre Kaffeetasse auf den Tisch und setzt ihre FFP2-Maske auf. Ihr Lächeln kann man in den Augen sehen. Bas trägt eine rote Baumwolljacke, die nicht allzu formell wirkt, und zu schwarzen Hosen flache Schuhe mit Profil, in denen man fest stehen kann. „Guten Morgen Frau Präsidentin“, sagt Lorenz Müller. Kleine Faustbegrüßung. Der Bundestagsdirektor legt eine rote Ledermappe auf den Tisch. Müller folgt damit exakt dem Ablauf für den Beginn eines Sitzungstages. Die Routine signalisiert in der Demokratie auch ein Prinzip: Ein Amt hat man hier auf Zeit, und jeder, der es ausfüllt, ist Diener. Oder Dienerin.

Es ist kein Vierteljahr her, da dachte Bärbel Bas nicht, dass sie jemals hier sitzen würde. Die SPD – mit einem erfolgreichen Kanzlerkandidaten in Stellung und einem Bundespräsidenten im Amt – brauchte aber eine Frau. Denn Rolf Mützenich, Fraktionschef und meistgenannter Anwärter, wäre der dritte Mann an der Staatsspitze geworden. So kam sie ins Spiel.

Bärbel wer? Die Frage hält sie aus

Die Präsidentin steht jetzt auf. Bärbel Bas ist groß, strahlt Präsenz aus. Es geht mit dem Direktor über eine gläserne Brücke zum Fahrstuhl, unten angekommen steigt Bas aus. Die Saaldienerin öffnet die Tür. Grün leuchtet die digitale Anzeige des Sitzungsgongs. Gemeinsam wartet man hinter der Wand verborgen und schaut auf die große Uhr. Die Szene hat nicht nur was von Theater, sie heißt im Protokoll auch so: Aufzug der Präsidentin. Punkt Neun drückt die Saaldienerin den Knopf. Der Gong erschallt, Stille im Plenum. Bas tritt ein, hinter ihr die Mitarbeiter, ein Gefolge.

Natürlich fragten manche Zeitungen „Bärbel wer?“, als der Name zum ersten Mal genannt wurde. Das muss man aushalten, zumindest seitdem eine Boulevardzeitung die Bundespräsidentenkandidatur des politischen Quereinsteigers Horst Köhler entsprechend kommentierte. Etwas anderes kam aber bei Bärbel Bas hinzu. Es war die Frage: Kann die das? Eine Frau ohne Abitur? Wird sie an ihre Vorgänger heranreichen?

Bärbel Bas: eine Aufsteiger-Biografie

Fragt man Bärbel Bas heute nach diesem Moment, dann entsteht da eine winzige Pause im Gespräch. Nicht aus Überraschung, eher wohl, weil sie diesen Mechanismus so oft erlebt hat. Sie lehnt sich in ihrem Stuhl zurück. Sie habe die Reaktion vor allem so gewertet, dass viele Menschen sie nicht kennen, sagt Bas. „Es gab umgekehrt genauso die Einschätzung, dass ich ein Mensch mit einer echten Aufstiegsbiografie sei“, sagt sie, und an den Augenwinkeln entsteht ein kleiner Kranz von Fältchen. „Diese klassisch sozialdemokratische Beschreibung hat mir natürlich sehr gefallen.“

Da hat sich jemand gewappnet. Sie habe, erzählt Bas weiter, auch gedacht: „Das ist eben so, wenn man intensiv parlamentarische Arbeit leistet und nicht in jeder Talkshow sitzt.“ Seit 2009 ist sie im Bundestag, war sechs Jahre lang Parlamentarische Geschäftsführerin, als Vizefraktionschefin war sie Expertin für Gesundheit. „Ich wusste also genau, was auf mich zukommt“, sagt sie.

Aufstiegsbiografie. Das ist ein politisch korrektes Wort dafür, dass man nicht aus einem Akademikerhaushalt kommt oder Unternehmerkind ist, und dass man deshalb einen ganz schönen Willen haben muss und Glück auf dem Weg von unten nach oben. Als Frau kommt noch eins drauf.

Sie will auch per Tiktok junge Leute gewinnen

Bärbel Bas ist eins von sechs Geschwistern, ihr Vater war Busfahrer. Sie weiß, wie es sich anfühlt, wenn man im Sozialamt nachweisen muss, dass die Schuhe kaputt sind. Als sie nach dem Hauptschulabschluss Technische Zeichnerin werden will, gibt es keinen Ausbildungsplatz. Sie folgt dem Rat ihres Vaters, bei den Verkehrsbetrieben eine Lehre zur Bürogehilfin zu machen. Sie bildet sich immer weiter, landet bei der Krankenkasse der Betriebe, qualifiziert sich, fuchst sich rein. Später ist sie diejenige in der Fraktion, die an Gesetzestexten feilt.

„Natürlich bin ich ganz anders als Norbert Lammert oder auch ein Wolfgang Schäuble“, sagt Bas. Sie habe eine andere Biografie und werde deshalb die Aufgaben, die mit diesem Amt verbunden seien, anders erfüllen. In ihrer Antrittsrede hat sie angekündigt eine „neue Bürgernähe“ entwickeln zu wollen. Es geht ihr darum, Menschen anzusprechen, „die sich von der Politik nicht mehr angesprochen fühlen.

Vor allem junge Leute will sie in den Blick nehmen. Die Präsidentin ist auf Instagram und Tiktok unterwegs, sie bedient die Kanäle bisher selbst. Sie wolle junge Leute ermutigen, sagt Bas. „Ich merke in Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern, dass viele junge Menschen, die jetzt zum Beispiel auf die Hauptschule gehen, das Gefühl haben: Ich bin schon auf der Resterampe.“ Hier brauche es dringend politische Unterstützung.

„Politik? Da will ich hin“

Als „bodenständig, authentisch, neugierig“ beschreibt sie ein Weggefährte aus Duisburg. Hier, in ihrer Heimatstadt, lebt Bas allein, seit ihr Mann vor gut einem Jahr überraschend nach einer Krankheit verstorben ist. Ablenkung findet sie beim Motorradfahren.

Dass sie Politik machen will, kapiert sie früh. Als Lehrling protestiert sie mit anderen vor der Aufsichtsratssitzung der Duisburger Verkehrsbetriebe für die Übernahme der Azubis. Der Oberbürgermeister, Mitglied des Gremiums, hört sich die Anliegen an. Die Auszubildenden werden übernommen. Bas erzählt, sie habe daraus eine Schlussfolgerung gezogen: „Ich habe mir gesagt, wenn Politiker die sind, die sowas entscheiden, dann will ich da hin.“

Es ist ein weiter Weg von dort bis zu dem Pult der Präsidentin, an dem Bas an diesem Morgen Platz nimmt. Sie eröffnet die Sitzung. Vor ihr leuchten Mikrofonknöpfe auf dem Display, hinter ihr sitzen Topjuristen der Verwaltung, die jederzeit bereit sind, auf alle möglichen Fragen zur Geschäftsordnung zu antworten. Der Platz gleicht einem Cockpit – wer hier sitzt, muss die Maschine Bundestag auf Kurs halten.

Egal bei welchem Angebot – die Antwort heißt Ja

Das Parlament hat inzwischen zehn Sitzungen hinter sich. Die Ampel ist gesetzgeberisch noch auf der Startbahn, die Präsidentin hat die ersten Geschäftsordnungs-Scharmützel mit der AfD gemeistert und große Aufgaben vor sich. Kommende Woche gedenkt der Bundestag der Opfer des Nationalsozialismus. In vier Wochen wählt die Bundesversammlung den Bundespräsidenten.

Gab es einen Moment, in dem sie die neue Präsidentin Zweifel hatte, ob sie auf diesem Stuhl sitzen möchte? Wenn man Bärbel Bas das fragt, erzählt sie schließlich die Geschichte vom Schwur. An jenem Abend sehen die Freundinnen den Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen“. Es geht darin um Frauen in der Männerrepublik, um Widerstände. Und ums Durchsetzen, das geht, wenn man sich selber was zutraut.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Abschiede und sehr viel Neubeginn

„Wir waren beide fasziniert“, sagt Bas. Irgendwann an diesem Abend treffen sie die Abmachung: „Egal, welches Angebot kommt, wir sagen einfach ja, wir hinterfragen als Frauen nicht immer, ob wir qualifiziert genug sind.“ Bärbel Bas sagt also Ja, als ihr Fraktionskollege Rolf Mützenich sie fragt, ob sie kandidieren will. „In der Nacht danach lag ich wach im Bett, habe an die Decke geguckt und mich gefragt: Ist dir eigentlich klar, was du jetzt gerade gemacht hast?“

Ein echter Mensch mit echter Schlaflosigkeit? Wie angstfrei muss man sein, um so einen Satz zu Beginn der eigenen Amtszeit zu sagen? Hier scheint tatsächlich jemand mit einer neuen Nahbarkeit ganz oben zu experimentieren.