Nicht jede Wahl eines neuen Bundespräsidenten ließ sich als Symbol eines tief greifenden politischen Umbruchs verstehen. Foto: dpa

Bundespräsidenten-Wahlen gelten gemeinhin als Vorboten künftiger politischer Umbrüche – einen solchen Epochenwechsel bedeutete aber nur die Wahl Gustav Heinemanns.

Berlin - Die Spannung ist ohnehin kaum erträglich an diesem 5. März 1969 in der Berliner Ostpreußenhalle. Die Bundesversammlung will den dritten Bundespräsidenten der Bundesrepublik wählen und hat die Auswahl zwischen dem CDU-Kandidaten Gerhard Schröder und dem Sozialdemokraten Gustav Heinemann. Die Wahl des westdeutschen Staatsoberhauptes in der geteilten Stadt empfindet die Sowjetunion als Provokation und lässt die Muskel spielen. Russische Düsenjäher donnern über das Messegelände. Wer als Delegierter auf dem Landweg anreist, muss sich den Schikanen der ostdeutschen Grenzer aussetzen. Heinemann fehlen im ersten Wahlgang auch deshalb entscheidende Stimmen, weil es nicht jeder Wahlmann rechtzeitig in die Bundesversammlung schafft. Karl Wienand, die rechte Hand von SPD-Fraktionschef Herbert Wehner, hat den Auftrag, die eigenen Truppen möglichst vollzählig an den Start zu bringen. Blut und Wasser schwitzt er. Auch weil nicht jeder der Vermissten dezidiert politische Gründe für seine Verspätung hat. Wienand hat die Anekdote in verschiedenen Ausschmückungen noch Jahrzehnte später erzählt: Der SPD-Bundestagsabgeordnete Kurt Gscheidle wird vermisst. Obwohl der garantiert rechtzeitig, schon am Vortag, in der Berlin angekommen war. Dann kommt die Nachricht, er sei im Krankenhaus. Wienand schickt seine Emissäre aus. Schließlich erscheint Gscheidle. Im Rollstuhl. Mit Kopfverband. Egal, er wird an die Wahlurne geschoben. Es geht das Gerücht, der spätere Postminister soll sich in, nun ja, sehr privater Mission in einer nicht sehr feinen Berliner Gegend umgetan und milieutypische Reaktionen provoziert haben.

Im dritten Wahlgang wird Heinemann gewählt – bis heute als einziger Bundespräsident, der keine absolute, sondern nur eine einfache Mehrheit erreicht hat. Möglich wird das, weil die FDP, im Bundestag in Opposition zur regierenden großen Koalition aus Union und SPD, ins sozialdemokratische Lager wechselte. Natürlich ist das ein mächtiges Signal. Heinemann selbst spricht von „einem Stück Machtwechsel“. Tatsächlich etabliert sich nach der Bundestagswahl im September die sozialliberale Koalition und Willy Brandt wird zum ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler der Bundesrepublik. Die Bundespräsidentenwahl hat einen Epochenbruch vorweggenommen, eine Zeitenwende.

Oft sind symbolträchtige Experimente gescheitert

Es ist diese Bundespräsidentenwahl von 1969, die den Mythos geboren hat, die Wahl des Staatsoberhaupts sei eine Art Orakel, aus der sich die machtpolitische Zukunft herauslesen lasse. Dabei war sie eigentlich nie mehr wieder mit einer solch zukunftsprallen Vorbedeutung aufgeladen. Aber immerhin: Zu einer Zeit, da die Republik an politische Macht- und Regierungswechsel schon mehr gewohnt war, am 23. Mai 2004, konnte das (im Bundestag oppositionelle) christlich-liberale Lager Horst Köhler als Bundespräsident durchsetzen. Eine Machtdemonstration Angela Merkels, die im Jahr darauf Gerhard Schröder als Bundeskanzler ablösen sollte. Die Union ließ denn auch keinen Zweifel daran, wie die Köhler-Wahl zu verstehen sein sollte. Friedrich Merz, damals Fraktionschef der Union im Bundestag, formulierte vor der Bundesversammlung, Köhlers Wahl „wäre das unübersehbare Zeichen für eine neue Mehrheit in Deutschland nach Rot-Grün und für einen kommenden politischen Wechsel in Berlin“.

Oft genug scheiterten aber auch allzu symbolträchtig aufgeladene Experimente. Die Wahl Joachim Gaucksim Jahre 2012 war zwar ein gelungener Coup des sonst eher nicht mit strategischem Geschick aufgefallen FDP-Chefs Philipp Rösler. Er verständigte sich aus der Koalition mit der Union heraus mit SPD und Grüne auf den Angela Merkel nicht genehmen Kandidaten. Tatsächlich brach bald darauf für die FDP eine neue Zeit an – außerhalb des Bundestags.

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