Staatsakt für den verstorbenen Alt-Bundespräsidenten Horst Köhler (1943-2025): Er galt als „unbequemes“ Staatsoberhaupt, was seiner Beliebtheit bei den Bürgern eher förderlich war.
Es war ein bitterer Moment für Horst Köhler: der letzte Tag als Bundespräsident, frustriert und verprellt von einem Politikbetrieb, in dem er nie heimisch geworden war. Vielleicht war das Echo aus dem Volk gerade deshalb so anrührend. 4685 Bürger haben sich bis zum Großen Zapfenstreich, mit dem der Ludwigsburger im Juni 2010 aus dem höchsten Staatsamt verabschiedet worden ist, in einem virtuellen Gedenkbuch verewigt. 4685 Komplimente an einen Staatsmann, der als Bürgerpräsident wahrgenommen wurde. „Wir verlieren einen großartigen Präsidenten, der sich durch Stil, Eleganz, Fairness und Ausgewogenheit ausgezeichnet hat“, schrieb ein Mann aus Ammerthal. Und er fügte hinzu: „Jammerschade!“
Am 1. Februar 2025 ist Horst Köhler im Alter von 81 Jahren gestorben, der Staatsakt zu seinen Ehren folgte am Dienstag, 18. Februar. Die Nachrufe von damals gereichen ihm auch heute noch zur Ehre. „Sie waren ein Verbündeter gegen die oft realitätsferne Politik“, bekundete einer der vielen, die Köhler geschätzt haben. Der Eintrag Nummer 4676 würdigte ihn als „Präsident, den die Menschen mochten“.
Zu denen, die das prompt unterschrieben hätten, zählte auch der Schriftsteller Martin Walser. Über das Debakel des vorzeitigen Rücktritts schrieb er: „Horst Köhler ist für diesen Hickhackbetrieb tatsächlich nicht simpel genug, also einfach zu fein.“ Und er bekannte, warum ihn jener bittere Moment schmerzte: „Weil mir dieser Bundespräsident fehlen wird, wie mir noch nie ein Bundespräsident gefehlt hat.“
Ein Aufstieg bis auf den ranghöchsten Posten unserer Republik war Köhler nicht in die Wiege gelegt. Er kam als siebtes von acht Kindern einer ursprünglich aus dem Schwäbischen stammenden Bauernfamilie am 22. Februar 1943 in Bessarabien zur Welt, in einem Dorf, das heute im Osten Polens liegt. Seine Eltern wurden während des Zweiten Weltkriegs mehrfach vertrieben. 1945 versuchten sie sich, in der Nähe von Leipzig eine neue Existenz aufzubauen, flohen 1953 aber aus der DDR und ließen sich im Südwesten nieder. Köhler hat etliche Jahre seiner Jugend in Lagern verbracht. In Ludwigsburg fand die Familie schließlich eine neue Heimat. Dort hat Köhler am Mörike-Gymnasium sein Abitur absolviert. Ungeachtet des unsteten Lebens in der Zeit des Heranwachsens versicherte er rückblickend in einem Interview, er habe sich „nicht als Vertriebener“ gefühlt.
Seine Wahl zum Bundespräsidenten 2004 war als Prolog zu einem Machtwechsel gedacht, der später so nicht stattgefunden hat. Die damalige CDU-Vorsitzende Angela Merkel und ihr FDP-Kollege Guido Westerwelle hatten den Schachzug in dessen Berliner Dachgeschosswohnung eingefädelt, was Merkels Biograf Ralph Bollmann als „taktische Meisterleistung“ würdigte. Köhlers Kür zum Gegenpol des SPD-Kanzlers Gerhard Schröder wurde als „Stunde des Merkelismus“gefeiert.
Horst Köhler als Seiteneinsteiger auf der Bühne der Politik
Der weitgehend Unbekannte startete mit vielen Vorschusslorbeeren in seine Präsidialkarriere. Die gleiche Gazette, die ihn zuvor als Anonymus verspottet hatte, kürte ihn prompt zu „Super-Horst“. Der „Spiegel“ hieß ihn als „Mutmacher“ willkommen. „Der Mann dampft vor Ungeduld“, schrieb das Köhlers christdemokratischer Herkunft keineswegs wohlgesonnene Nachrichtenmagazin ein halbes Jahr nach dessen Amtsantritt. Köhlers Mission war es, einer reformmüden Politikerkaste die Leviten zu lesen. „Zum einen klammern wir uns schlicht zu sehr an dem fest, was wir haben; zum anderen leben wir zu sehr in der Angst zu scheitern“, sagte Köhler in seiner Antrittsrede. Und wenig später: „Die Politik ist ein wenig müde geworden, auch zu schauen, was die Bürger wirklich bewegt. Man bewegt sich zu sehr im eigenen Brei.“ Diese Sätze sind 20 Jahre alt, haben aber nichts an Aktualität und schonungsloser Präzision eingebüßt.
Köhler hatte sich vorgenommen, „ein unbequemer Präsident“ zu sein. Das war er oft genug, was bisweilen auch Leute vergrätzte, die ihm ins Amts verholfen hatten. „Er wird auch seine Gönnerin nicht verschonen“, hatte Lothar Späth, von 1978 bis 1991 baden-württembergischer Ministerpräsident, nach Köhlers Wahl prophezeit. So kam es tatsächlich. Der unbequeme Präsident verstand sich nie als Grüß-Gott-August des politischen Betriebs. Er wollte Mahner sein und Antreiber, verweigerte etlichen Gesetzen, die ihm nicht verfassungskonform erschienen, seine Unterschrift und verteilte gelegentlich Rüffel wie ein Oberlehrer.
Horst Köhlers Rücktritt hat auch Angela Merkel verstört
Im Gestus eines solchen ist er auch aus dem Amt geschieden. Unmittelbarer Anlass seines Rücktritts war ein provokantes Interview auf dem Rückflug nach einem Besuch von Bundeswehrtruppen in Afghanistan. Der Präsident, direkt und unverstellt wie oft, gab zu Protokoll, „dass im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege“. Das Echo der vermeintlichen Besserwisser war von schrillen Obertönen durchsetzt, die uns auch heute nicht fremd sind. Ein Anlass, Schloss Bellevue zu räumen, war Köhlers Bekenntnis keineswegs. Sein Entschluss, das Amt aufzugeben, hat auch die Kanzlerin Merkel verstört, wie eine ihrer verunglückten Bemerkungen dazu verriet: „Ich bedauere diesen Rücktritt aufs Allerhärteste.“
Horst Köhler ist bis zum letzten Tag als Präsident ein Fremdling im Metier der Parteipolitik geblieben. Gerade das erklärt auch seine Popularität, welche die von Merkel & Co weit übertraf. Auch mit dem Verzicht auf die zweite Hälfte seiner zweiten Amtszeit ist er dem Anspruch treu geblieben, „notfalls unbequem“ zu sein. Die demonstrative Distanz zum politischen Geschäft war ein Geheimnis seiner Beliebtheit. Wenn er Klartext sprechen wollte, entfuhr ihm gelegentlich die ketzerische Bemerkung: „Um nicht politisch daherreden zu müssen, sage ich es so . . .“
Horst Köhlers Lieblingsredewendung: „Ich sage Ihnen ganz offen . . .“
Köhler war kein Visionär, kein Geschichtsdeuter, ein Moralist zwar, aber kein Prediger. Seine Rhetorik war ungekünstelt, aber so, dass jeder wissen konnte, was er zu sagen hatte. Zu seinen bevorzugten Redewendungen zählte auch der programmatische Satz: „Ich sage Ihnen ganz offen . . .“
„Er ist kein Mann, der mit dicker Hose daherkommt“, sagte einer, der ihn lange kannte. Er zählte nie zu den Staatsschauspielern, ungeachtet bedeutender Rollen. Die „Welt“ schrieb über ihn: „Er ist kein Abgebrühter.“ Vielen im Lande war er vielleicht gerade deshalb sympathisch, weil er keine Berührungsängste kannte, wenn er den Leuten begegnete, die er zu repräsentieren hatte. Er scheute sich nicht, den roten Teppich zu verlassen. „Ich bin mit dem Wunsch angetreten, unserem Land etwas zurückzugeben von dem, was es mit gegeben hat“, sagte Köhler einmal. „Zugleich ist mir deutlich geworden, wie viel ich den Bürgern verdanke.“