Egal ob für die Handballer des TVB Stuttgart (im Bild National-Linksaußen Patrick Zieker), die Volleyballerinnen von Allianz MTV Stuttgart oder die Basketballer der MHP Riesen Ludwigsburg: Die Antwort auf die Frage, wann wieder vor Zuschauern gespielt werden kann, ist existenziell wichtig für die Bundesligisten Foto: Baumann

Die Politik spannt ihre Corona-Rettungsschirme auch über die Bundesligisten abseits des Fußballs. Das freut die Vereine, löst aber nicht deren allergrößtes Problem: Derzeit weiß niemand, wann wieder Spiele vor Zuschauern stattfinden können.

Stuttgart - Über zu wenig Arbeit hat sich schon vor der Corona-Auszeit kein Geschäftsführer oder Manager eines Bundesligisten beklagt. Seither gilt es, auch noch die Krise zu meistern – in all ihren Details. Dabei den Überblick zu behalten, ist nicht ganz einfach. Zum Beispiel, was die diversen Fördertöpfe angeht, die es mittlerweile gibt.

Planung bleibt schwierig

Am Anfang stand die Frage, welche Mitarbeiter in Kurzarbeit gehen (können). Dann wurden erste Rettungsschirme gespannt – auch für den Sport. Vom Bund (25 Milliarden Euro Überbrückungshilfe für kleine und mittlere Betriebe), von der Stadt Stuttgart (eine Million Euro für Bundesligisten außer dem VfB), vom Land (zwölf Millionen für den Breitensport), am Donnerstag dann erneut vom Bund: ausgeschüttet werden 200 Millionen Euro an Erst- und Zweitligisten als Ausgleich für entgangene Zuschauereinnahmen zwischen April und Dezember, höchstens allerdings 80 Prozent des Verlustes und 800 000 Euro pro Verein. Erste Überweisungen soll es im September geben. „Uns ist die Geschäftsgrundlage abhanden gekommen. Es ist erfreulich, dass die Politik unsere Nöte sieht“, sagt Jürgen Schweikardt, der Geschäftsführer und Trainer des Handball-Bundesligisten TVB Stuttgart, „jetzt müssen wir schauen, was von den Hilfspaketen am Ende wirklich bei uns ankommt. Verbindlich planen können wir damit nicht.“

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Was nur zeigt: Die in Aussicht gestellte Unterstützung tut gut, sie nimmt aber nicht die Unsicherheit. Weil kaum abzuschätzen ist, wer wann wie viel Geld bekommt. Oder warum vielleicht nicht. „Ich finde es toll, dass sich die Politik dafür entschieden hat, dem Sport auch abseits des Fußballs zu helfen und dafür auch sehr viel ausgibt“, meint Aurel Irion, der Geschäftsführer des Volleyball-Bundesligisten Allianz MTV Stuttgart, „ich würde es aber falsch finden, wenn das Geld nun einfach mit der Gießkanne ausgeschüttet werden würde. Schließlich stammt es aus Steuermitteln, für die wir alle gerade stehen müssen. Am liebsten würden wir ganz ohne Hilfen auskommen, an diesem Ziel arbeiten wir Tag und Nacht.“

Verhandlungen über Gehaltsverzicht

Rund 1,7 Millionen Euro beträgt der Jahresetat der Stuttgarter Volleyballerinnen. Irion ist zuversichtlich, nächste Saison ähnlich viel Geld ausgeben zu können. Das wäre durchaus komfortabel. „Die Handball-Bundesligisten rechnen mit einem mindestens 25-prozentigen Rückgang ihrer Etats“, sagt Schweikardt, der bisher mit rund vier Millionen Euro geplant hat, „und es kann auch noch schlimmer kommen.“ Weshalb der TVB-Geschäftsführer aktuell mit den Spielern über eine Verlängerung des Gehaltsverzichts über den 30. Juni hinaus verhandelt.

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Auch die Basketball-Bundesliga trifft die Corona-Krise hart. Alexander Reil, der Vorsitzende der MHP Riesen Ludwigsburg und Präsident der BBL, erwartet bei den Etatzahlen ein Minus: „Jeder Verein muss davon ausgehen, dass er nächste Saison weniger zur Verfügung haben wird – auch wir in Ludwigsburg.“ Bisher hatten die Riesen einen Etat von rund fünf Millionen Euro pro Jahr. Wie groß die Abstriche sein werden? „Die Größenordnung“, meint Reil, „kann derzeit noch niemand abschätzen.“

Nur Hochrechnungen möglich

Was vor allem daran liegt, dass völlig unklar ist, wann wieder vor Zuschauern gespielt werden kann. Es werden zwar Überlegungen angestellt, die Hallen und Arenen nur zu einem Viertel, einem Drittel oder zur Hälfte zu belegen – verlässliche Kalkulationen aber gibt es nicht. Sondern nur Hochrechnungen. Die Einnahmen aus Zuschauer- und Sponsoren-Tickets summieren sich bei Allianz MTV Stuttgart auf rund 45 000 Euro pro Spiel. Bei jeder der sechs Begegnungen, die der TVB Stuttgart in der Porsche-Arena austrägt, kommen rund 100 000 Euro an Eintrittsgeldern zusammen. Bei beiden Vereinen macht der Ticketverkauf rund ein Viertel des Etats aus. Weshalb klar ist: Startet die neue Saison im Herbst mit Geisterspielen, werden die finanziellen Probleme schnell existenzbedrohend. Und eine Saison ohne Fans würden viele Bundesligisten, egal welcher Sportart, sicher nicht überleben.

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Weil niemand weiß, was kommt, schmälert dies automatisch den Wert der aktuellen Hilfspakete – zumindest ein bisschen. „Diese Unterstützung ist ein tolles Zeichen, die manche Not lindert“, sagt Frank Bohmann, der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga HBL, „aber aus dem Gröbsten sind wir damit noch nicht raus.“ Oder anders ausgedrückt: Das Krisenmanagement wird weitergehen. Zumindest bis zum Start der Bundesligen – und vielleicht noch viel länger.

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