Der VfB Stuttgart steht in der Bundesliga am Tabellenende.Foto:Pressefoto Baumann Foto:  

Der VfB Stuttgart grüßt wieder mal aus dem Tabellenkeller. „Das dauerhaft Schlechte hat aber auch was Gutes,“ schreibt StN-Titelautor Gunter Barner, „man leidet nicht mehr mit, man schaltet nur noch ab.“

Stuttgart - Nach nur neun Spieltagen in der geschlossenen Abteilung des deutschen Profifußballs neige ich dazu, dem VfB Stuttgart meinen tief empfundenen Dank zu übermitteln: Freunde, ihr sei die verlässlichste Konstante der Liga. Nein, mehr noch: die einzige!

Der gleiche Stuss wie vorher

Okay, der Hamburger SV hat jetzt in der ewigen Trainerwechsel-Tabelle (während der Saison/30) den VfB (29/Quelle: transfermarkt.de) wieder überholt. Aber der Neue, Hannes Wolf, ist auch nur ein Gebrauchter aus Cannstatt . Der VfB engagierte früher als andere einen nach Arbeit suchenden Fußball-Lehrer, spielt unter Markus Weinzierl den gleichen Stuss wie vorher, und grüßt in alter Gewohnheit aus dem Keller der Tabelle. 0:4 bei den Hoppenheimern. Halleluja!

Das hemmt nach den kurzen hormonalen Schüben der vergangenen Rückrunde auf natürliche Weise überbordende Emotionen wie Freude, Glück und Zufriedenheit. Es beugt falschen Hoffnungen und Erwartungen vor, die sich – wie mir ein befreundeter Arzt bestätigte – im Falle der Nichterfüllung zu schweren Störungen des vegetativen Nervensystems führen können. Tiefe Verzweiflung, unkontrollierbare Wutausbrüche und die innere Abkehr von aktuellen Problemlagen sind dann noch die mildesten Formen möglicher seelischer Erschütterungen.

Ohne Zweifel erleichtert das Dasein als Schlusslicht auch den Dialog mit anders gesonnenen Freunden und Kollegen etwa aus Freiburg, Karlsruhe oder auch Hoffenheim. Denn die Argumente entlang der schwäbischen Verteidigungslinie gegenüber Anwürfen badischer Häme sind seit zehn Jahren immer dieselben: Wir können alles, nur nichts besser.

Emotionale Konfusion

Der Mensch, schwach wie er ist, sehnt sich nun mal nach Konstanten im Leben. Nur die wirken beruhigend in einer aufgewühlten Zeit, in der sich das Leitmedium geistiger Überflieger, besorgt erkundigt: „Wer versteht noch die Welt?“ Beim VfB Stuttgart jedenfalls dominiert die totale emotionale Konfusion. Den Stamm der Mannschaft gehalten, 35 Millionen Euro in neue Spieler investiert: Und warum passt der Stecker jetzt plötzlich nicht mehr in die Dose? Solcherlei philosophischen Tiefenbohrungen lässt der Fußball aber wenig Spielraum.

Als nächstes die Notstandsgesetze?

Schon an diesem Dienstag ist wieder DFB-Pokal. Zwar nicht mehr im Beisein des immer schon in Rostock scheiternden VfB Stuttgart, aber die ARD überträgt live die Darbietung des FC Bayern beim bekannten Regionalligisten SV Rödinghausen. Weshalb es sich mit einiger Sicherheit um eine bedeutende Veranstaltung handelt. Schon beim kärglichen 1:0 in Drochtersen/Assel stand die Promi-Auswahl des Bergvolks aus dem Alpenvorland dicht vor der Krise. Und als zuletzt die Erfolge nicht mehr purzelten wie die Kegel bei alle Neune, sah sich der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge nach ausgiebigem Medienkonsum sogar genötigt, Artikel 1 des Grundgesetzes zu zitieren. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das hätten auch Nelson Mandela sagen können, Martin Luther King oder Mutter Theresa, es zeigt aber ganz gut, welche Bedeutung sich der Fußball inzwischen zumisst: Liebe Rödinghauser, überlegt gut, was ihr tut: Zu befürchten ist, dass die Bayern-Bosse als nächstes die Notstandsgesetze aktivieren.

Konstant schlecht

In Stuttgart dagegen überwiegt die professionelle Ruhe, die man als Koryphäe vom Fach zweifelsohne braucht, um die Konkurrenz in der trügerischen Sicherheit zu wiegen, es gebe jemand, der es noch weniger gut kann. Zwar wird mal ein Sportvorstand beim Lügen ertappt oder bei der Beschreibung eines „schwierigen Umfelds“, aber das sind Peanuts. Ansonsten hat man sich behaglich eingerichtet im Status fortschreitender Ent-Emotionalisierung zwischen Verein, Mannschaft und Fans. Man leidet nicht mehr mit, schaltet nur noch ab.

Konstant schlecht hat eben immer auch was Gutes.

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