Ballermann auf Ballhöhe: Robert Lewandowski schießt für den FC Bayern gegen Dortmund zwei Tore. Foto: dpa/Sven Hoppe

Vom Männerfußball zum Angsthasenfußball – dieser Weg war für die Profis von Borussia Dortmund beim 0:4 in München nicht weit. Immerhin zeigte sich Sky-Experte Lothar Matthäus auf Ballhöhe, findet unser Kolumnist Günther Schroth.

Stuttgart - Man hat Lothar Matthäus an diesem Wochenende eine Fangfrage gestellt. Es ging um das 4:0 der Bayern gegen Dortmund. Da war vorher ja viel von Männerfußball geredet worden. Also sprach der Fernsehmann fangfragend in Richtung Matthäus: „Was ist das Gegenteil von Männerfußball?“ Matthäus’ Antwort, nach einer nur kurzen Denkpause: „Angsthasenfußball!“

Matthäus und der Herrenwitz

Das ist aus zweierlei Gründen eine durchaus gelungene Antwort. Denn zum einen lautete sie eben nicht „Frauenfußball“ oder „Mädchenfußball“, was vielen anderen auf die Schnelle eingefallen wäre. Der Fangfrage entging Lothar Matthäus damit für seine Verhältnisse relativ elegant. Er hat sich über die Jahre offensichtlich ein gewisses Maß an politischer Korrektheit antrainiert, er sagt jetzt nicht mehr das Erstbeste, was ihm durch den Kopf schießt. Früher ist ihm das sehr häufig passiert. Es gibt die verbürgte Story, wie er auf dem Flughafen der deutschen Basketball-Nationalmannschaft der Frauen begegnete, das war 1993, der deutsche Herrenwitz war damals noch durchaus an der Tagesordnung. Ohrenzeugen wussten anschließend nämlich zu berichten, wie Matthäus den Sportlerinnen Mitteilungen über die Größe des Geschlechtsteils eines Mitspielers mit südamerikanischem Migrationshintergrund machen zu müssen glaubte. Das Zitat hier wörtlich wiederzugeben unterlasse ich, nicht nur aus politischer Korrektheit, sondern auch aus Gründen des guten Geschmacks.

Zum anderen also glaubt Matthäus, die Dortmunder hätten dieses Spiel verloren, weil sie „Angsthasenfußball“ gezeigt haben. Das verweist auf die in dieser Saison gern geäußerte Vermutung, dass die Dortmunder ein Mentalitätsproblem haben. Ja, das könnte man so sehen, wenn man wollte. Lothar Matthäus ist jetzt Teil der Fußballexperten-Szene des Landes, die Wochenende für Wochenende die Tabelle zu deuten versucht. Und manchmal müssen die Meinungsmänner nach passendem Vokabular und passenden Erklärungen suchen. Die findet man dann gerne im Mentalen, zu viel Kind, zu wenig Mann halt. Kein Männerfußball halt.

Wenn man aber mal weggeht von den Wortschöpfungen, die auf Fußball enden und stattdessen die Spiele sachlich analysiert, dann sieht man auch, dass Trainer einfachste Fehler machen. Dass Dortmunds Coach Lucien Favre gegen die geschwächte Abwehr der Bayern keinen Stürmer aufstellt wie Alcácer, sondern mit Mario Götze operiert, ist ganz offensichtlich schiefgegangen. Niklas Süle verletzt, Jérôme Boateng gesperrt und trotzdem kein Dortmunder Stürmer auf dem Platz. Der Coach hat sich vercoacht. Auch wenn er Lucien Favre heißt und ein ausgewiesener Fachmann ist.

Die Trainer sitzen am kürzeren Hebel

Die Spieler nehmen einem Trainer das übel – und sie beschweren sich auf ihre Weise: Sie spielen unter ihrem Niveau. Das haben zuletzt die Kölner getan, und das haben zuletzt die Mainzer getan. Wenn diese Männerfußballer merken, dass der Chef schwächelt, schwächeln sie auch. Und werden auf diese Weise ihre Chefs schnell los. Siehe Köln, wo am Samstag Achim Beierlorzer gehen musste. Siehe Mainz, wo am Sonntag Sandro Schwarz seinen Job verlor.

Es gab weitere Deutungsversuche der Dortmunder Niederlage: „Das war Schülerfußball, kein Erwachsenenfußball“, so Thomas Strunz, auch „Kinderfußball“ (Marcel Reif) oder „Jugendfußball“ (Michael Rummenigge) tauchten zuletzt als Deutungsversuche auf. Mir taten an dieser Stelle die Kinder, Schüler und Jugendlichen ein wenig leid, die jetzt herhalten müssen, wenn man schlechten Fußball erklären will.

Am Ende war es aber ein gutes Wochenende für den deutschen Fußball. Denn die auf den verschiedenen Kanälen befragten Meinungsmänner vermieden alle miteinander, den Begriff Frauenfußball gleichzusetzen mit schlechtem Fußball. Und das, meine Herren, war auch gut so.

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