Stuttgarter Feiertag: Co-Trainer Entenmann, Chefcoach Haan Foto:  

Im Herbst fällt das Laub und fliegen die Trainer. Mirko Slomka hat es erwischt. Wer geht als nächster?

Stuttgart - Fußball ist die Philosophie des kleinen Mannes. Weshalb ich unserem Ahorn im Herbst regelmäßig damit drohe, ihn so erbarmungslos abzusägen wie die Bundesliga ihre Trainer. Er ist ein bisschen so wie der VfB Stuttgart: Du denkst du bist mit ihm im Reinen. Dann kommt ein kleiner Windstoß, und das Theater beginnt wieder vorn.

Altmaiers Sturz

Baumwarte wissen: Laub einsammeln ist fast so mühsam wie der Job des Sisyphus. Und ziemlich mies bezahlt. Taktisch eingeengt zwischen Eimer, Schaufel und Besen denke ich, dass nur die Arbeit eines Fußballlehrers noch weniger Aussicht besitzt, dauerhaft zum Erfolg zu führen.

Mein Mitgefühl hält sich dennoch in Grenzen. Trainer purzeln im Herbst zwar selbst wie das Laub von den Bäumen, aber wenigstens fallen für sie noch ein paar Scheinchen ab. Diesmal allerdings brauchte es nicht den Ahorn als Metapher, um das Unheil zu wittern. Als die Mensch gewordene selbsterfüllende Prophezeiung stürzte zuerst Wirtschaftsminister Peter Altmaier von der Bühne – ausgerechnet während des Dortmunder Digital-Gipfels. BVB-Coach Lucien Favre scheint nach dem 3:0 seiner Schutzbefohlenen gegen den VfL Wolfsburg trotz des schlechten Omens in Sicherheit.

Dagegen könnte auf Bayern-Trainer Niko Kovac nach dem Totalversagen an alter Frankfurter Wirkungsstätte bald zutreffen, was der frühere VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder einmal so formulierte: „Wenn er so weitermacht, wird er bei uns den ersten Schnee auf dem Ball nicht mehr sehen.“

Der Herbst in Cannstatt

Psychologen, habe ich einmal gelesen, empfehlen sinnlose Tätigkeiten wie Laub einsammeln als vorbeugendes Mittel gegen den Burn-out. So betrachtet bin ich dem Ahorn zu Dank verpflichtet und überlege – während ich einsacke, was er fallen lässt – dass auf dem Cannstatter Wasen immer ein bisschen früher Herbst war als anderswo. Manchmal sogar schon im Frühjahr.

Arie Haan, von Trainer-Kollege Max Merkel als „Erfinder der guten Laune“ geadelt, musste im März 1990 gehen, weil er die Zustände beim VfB Stuttgart mit der Redensart beschrieben hatte, wonach der Fisch vom Kopf her stinkt. Ich habe das damals in mehrfacher Hinsicht bedauert: Er saß sonntagmorgens immer zusammen mit den örtlichen Journalisten und erklärte bei Kaffee und Erdbeerkuchen die Fußball- oder andere -welten. Kuchen mit Trainer gab es beim VfB nie wieder. Der Getränkeumsatz beim staubtrockenen Stuttgarter Sportlerball stieg proportional zu Arie Haans Laune, und wer ihn tagsüber nicht erwischte, konnte ihm notfalls auch nächtens beim Schwof im Perkins Park ein paar Fragen stellen. Was aber das Wichtigste war: Der VfB Stuttgart kickte unter seiner Regie herzerfrischend, unkompliziert und ziemlich erfolgreich.

Aber das ist eine andere Geschichte. Damals gab es noch keine Handykameras und kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, eine Pressekonferenz live zu übertragen. Trainer und Spieler hielten nicht die Hand vor den Mund, wenn sie miteinander sprachen, und das tägliche Training war in etwa so geheim wie das Cannstatter Volksfest.

Slomkas Rauswurf

Der öffentliche Druck auf die Coaches ist seither schneller gewachsen als mein Ahorn. An diesem Wochenende beantwortete Hannover 96 die Trainerfrage: Sie haben Mirko Slomka abgesägt. Erbarmungslos. Die Mannschaft habe sich nicht wie gewünscht entwickelt. Teambuilding-Maßnahmen wie gemeinsames Laub sammeln wurden gar nicht erst in Betracht gezogen.

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