Für Europa bestimmt? Pogrebnjak (re.) Foto: dapd

Vom Fußball als wichtigster Sache der Welt und dem gefährlichen Nebenprodukt der Intoleranz.

Beginnen wir mit den Dingen, die vorbei sind, abgehakt, vergessen. Falls aber Gott für mich keinen frühzeitigen Spielabbruch vorsieht, werde ich mich noch in zehn Jahren erinnern, wie ich am Abend des 5. April 2011 mit Spiegeleiern, Spinat und Salzkartoffeln in einer Altstadtkneipe vor dem Fernseher saß. Der Koch trug keinerlei Schuld, als mir 26 Sekunden nach Anpfiff das Ei von der Gabel zu Boden fiel. Schalkes Torwart Neuer beförderte mit einem sagenhaften Flugkopfball vor dem Strafraum die Kugel praktisch ins Nirwana - und Stankovic jagte sie aus 50 Metern volley zum 1:0 für Inter Mailand ins Netz.

Gut, dass ich hungrig war, dachte ich, nur deshalb habe ich es live gesehen, das Jahrhunderttor. Am Ende verlor Inter Mailand 2:5, und danach war Stankovics Genieschuss so aufregend wie die Tatsache, dass mir am 5. April 2011 etwas Ei von der Gabel fiel. Deshalb - weil einen der Fußball mäßig bis zum Anschlag mit Nebensachen füttert, ohne dass man dafür das Geringste leisten muss - ist Fußball die wichtigste Sache der Welt. Dauernd geschieht etwas, das kein Mensch begreift.

Nach den Verunglimpfungen des Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß wird in großem Stil die Frage diskutiert, ob die Fans generell mobil machen. Ob sie, wie in Italien oder Südamerika, jetzt auch in Deutschland die Machtfrage stellen. Irgendwo war zu lesen, die Ultras wandelten politisch auf den Spuren von Protestbewegungen wie gegen Stuttgart 21 oder gegen Atomkraft. Ähnlich wie bei den Demonstranten laute ihre Frage: Wem gehört was? Wem gehört das Land, die Stadt? Vor allem: Wem gehört der Club?

Sehr schnell werden sehr unterschiedliche Dinge verrührt und als "Trend" und "Tendenz" verkauft. Was haben die Münchner Angriffe auf den ehrenwerten Bayern-Patriarchen mit der Millerntor-Attacke auf den Linienrichter zu tun, zumal sich herausgestellt hat, dass der Becher nicht aus dem Fan-Block, sondern von der Haupttribüne des FC St. Pauli geflogen kam?

Sozialpolitische Kriterien, das weiß man aus der Geschichte der Fan-Kultur, haben so gut wie nie dazu beigetragen, dem Phänomen "Club-Fan" auf die Spur zu kommen. Wer nach jedem Zwischenfall die Wurzeln einer neuen Menschenverachtung und Brutalität in den Stadien entdeckt, verwechselt die Subkultur der Fußballfans mit Fanatismus. Der argentinische Ex-Spieler, Poet und heutige Real-Manager Jorge Valdano beschreibt Fanatismus im Stadion als "das gefährlichste Nebenprodukt der Intoleranz", als "faschistischen Akt", der nicht im Stadion entsteht. Diesen Valdano werde ich hier so lange zitieren, bis die Stuttgarter Kickers aufgestiegen sind. Mit seinen Sätzen sollten sich Politiker beschäftigen, wenn sie - wie Kretschmann (Grüne), Schmid und Beck (beide SPD) - beim Spiel VfB gegen FC Kaiserslautern das Stadion als Imagebühne nutzen.

Damit sind wir beim Spiel. Der große Fußballkommentator Marcel Reif (Sky) sagte im Duell zwischen dem VfB und dem FCK mehrfach, der Kader der Stuttgarter sei nun mal nicht für den Abstiegskampf, sondern für "europäische Aufgaben" geformt. Er sagte dies ausdrücklich, als Pogrebnjak das 2:1 für den VfB erzielte, und es klang, als beschreibe er etwas Schicksalhaftes. Dabei erinnerte Reifs europäischer Gedanke am Samstag lediglich an die Fernsehbrüderschaft zwischen dem VfB und dem "Frühlingsfest der Volksmusik": Das Publikum erduldet schmerzhaftes Klitschen-Niveau auf Eurovisions-Basis.

Für den Freund des Fußballsports ist das verkraftbar, weil er hofft: Eines Tages sitzt er in einer Kneipe vor dem Fernseher, er ahnt nichts Böses, und neue VfB-Bosse stellen einen Trainer ein, der etwas Ahnung hat und länger bleibt, als man zum Verdauen von Spiegeleiern & Spinat braucht.

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