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Ingeborg Stiegler liebt ihre Kinder, ihren Mann und den VfB Stuttgart – mit dem hat sie jetzt ein Problem.

Wenn es stimmt, dass Fußball so etwas ist wie die Religion unserer Zeit, dann dient Ingeborg Stiegler als lebender Beweis. Für den VfB Stuttgart schwärmt sie jedenfalls wie einst der Backfisch für den Bravo-Boy. „

Stammplatz im Block 36c

Der ischd meine große Liebe,“ sagt sie so unverstellt, als sei dieses Bekenntnis das Normalste von der Welt für eine Dame von nun immerhin schon 82 Jahren.

Und kein Zweifel: Wenn es einen Platz in ihrem Leben gibt, den sie notfalls mit Hilfe des Faustrechts verteidigen würde, dann ist es der in Block 36 c, Reihe 36, Platz 19: Ihr Stammplatz in der Mercedes-Benz-Arena. Die Kletterei über die Stufen nach oben fällt ihr mit jedem Mal schwerer und am besten wäre es, sie würde mit ihren schweren Arthrosen künftig in Reihe eins ein Plätzchen finden. Nah am Geländer.

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Ihre Knie sind so dick, sagt sie, dass eine normale Jeans nicht mehr drüber passt: „Ich trag jetzt Marlene-Dietrich-Hosen.“ Aber noch geht es mit der Hilfe der VfB-Fans, die „Oma Inge“ seit Jahren kennen und mögen. „Und des“, brummt sie zufrieden, „sind ganz schön viele.“ Aber jetzt gibt es sowieso erst mal nur Geisterspiele.

Die tägliche Dosis VfB

Dieser Tage hat sie aber beim VfB auf der Geschäftsstelle angerufen. „Wegen Corona.“ Daheim ist ja so gut wie nichts los. Und ganz ohne die tägliche Dosis von ihrem Herzensclub leidet sie an Entzugserscheinungen. „Manchmal düs’ ich mit meinem Rollator halt ums Haus und hoffe, dass mein VfB bald wieder spielt ”, sagt Ingeborg Stiegler und seufzt: „Ond des mir, als Powerfrau.“ Aber die Kinder flehen: „Mama, bitte bleib zu Haus.“ Es fällt ihr arg schwer, sie seufzt: „Wenn ich wenigstens mal wieder was von meinem VfB hören tät.“

Es ist schlimm, dass sie ihre Buben im Stadion oder am Fernseher nicht mehr kicken sieht. „Aber noch wichtiger ist es jetzt,“ schätzt Ingeborg Stiegler, „dass alle im Verein zusammen helfen.“ Sie selbst hat angeboten, die Rückerstattung für die verpassten Spiele an den Verein zu spenden. „Net für die Spieler, die hend gnuag.“ Sie möchte, dass die spärlich Bezahlten unter den Mitarbeitern auf der Geschäftsstelle nicht leiden müssen.

Gelebte Solidarität

Die Damen am anderen Ende der Telefonleitung befand: „Das ist eine tolle Idee.“ Seither hat Oma Inge, wie sie die Fans im Stadion rufen, nichts mehr vom VfB gehört. So ist das eben: Es herrscht weitgehend Funkstille in diesen Tagen, weshalb die Alterspräsidentin der weiß-roten Glaubensgemeinschaft aus Marbach am Neckar eben ein bisschen in ihren Erinnerungen schwelgt. Dass die robuste Dame dickschädlig sein kann, war nie ein Geheimnis. Legendär ist beispielsweise ihr Einsatz für den Erhalt des Marbacher Krankenhauses. Und als der Krebs in ihr Leben grätschte, sagte sie: „Ach, was!“ Und fuhr noch zum Auswärtsspiel beim FC St. Pauli.

Ulle und die Parkplatzschranke

Physiologisch gesichert ist die Annahme ihrer vermeintlichen Unverwundbarkeit aber erst, seit die Parkplatzschranke vor der VfB-Geschäftsstelle auf ihrem Kopf zerbarst. Im Streben nach einem kurzen Gespräch mit ihrem wegfahrenden Lieblingsspieler Sven Ulreich übersah sie das drohende Unheil von oben. Ihr blieb eine dicke Beule und die freundschaftliche Verbundenheit von Ulle. Der grüßte sie beim Konstanzer „Talk am See“ im SWR-Fernsehen vor einem Jahr sogar per Videobotschaft. „Ein feiner Kerle“, sagt die Mutter von vier Kindern, sieben Enkeln und zwei Urenkeln. Auch wenn sie ihm bis heute noch nicht so ganz verziehen hat, dass er 2015 zum FC Bayern wechselte.

Sie würde ihn gern mal wiedersehen, sagt Oma Inge. Fußball ist halt ihr Leben. „Aber jetzt halt ich erstmal die Füße still“, sagt sie, „bis des Zeugs mit dem Virus vorbei ist.“ Sie sagt, dass sie schon viel durchgemacht hat in ihrem Leben. „Ich werd‘ auch noch des Corona überstehen.“

Und falls wider Erwarten nicht, hat sie klare Order an die Familie gegeben: „Dann schmeißet ihr mir die Dauerkarte vom VfB halt mit ins Grab.“

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