Männertränen: Marc-André ter Stegen Foto: dpa

Das Stadion als Tränenpalast, oder: Wie man in der Bundesliga ordentlich Abschied nimmt. Beispiele gab es am Wochenende genug.

Stuttgart - Zum letzten Mal musste ich unter meinem Fernsehgerät die Tränen aufwischen, als Winnetou starb. Das ist wirklich sehr, sehr lange her. Und war nur ein Spielfilm. Am Samstag sorgte die Fußball-Bundesliga für akute Pfützenbildung in Deutschlands Wohnzimmern. Dabei ist noch kein einziger Cub abgestiegen. Es wurde lediglich Abschied genommen.

Aber das nicht zu knapp. Ich habe gesehen: zuckende Mundwinkel, rote Nasen, Hände vorm Gesicht. Verbeugungen, Umarmungen, sogar Küsse. Und Männer mit Tränen in den Augen. Einer hat sogar richtig geheult. Und das nur, weil er zum FC Barcelona wechseln muss. Da hat sich das Gladbacher Stadion mal kurz zu einem Tränenpalast verwandelt, und Marc-André ter Stegen war der Schlosshund.

„Das war emotional das schwierigste Spiel meiner Karriere“, sagte der Borussen-Torhüter. Sichtlich bewegt, wie man so schön sagt. Aber immerhin so gefasst, dass er wachsweich der Frage nach dem zukünftigen Verein ausweichen konnte: „Wer sagt, dass ich nach Barcelona gehe?“

Es muss natürlich jedem selbst überlassen bleiben, wie er einen Arbeitsplatzwechsel psychologisch aufarbeitet. Und ganz selbstverständlich ist, dass ein solcher Wechsel bei einem Fußball-Profi oder -Trainer von wesentlich mehr Emotionen begleitet ist als bei einem Steuerprüfer. Es entsteht eben eine tiefe Zuneigung zu denen, die einen im einen Moment als Held feiern und Minuten später als Depp der Nation beschimpfen dürfen, nur weil sie Eintritt bezahlt haben.

Da können selbst mit gestandenen Mannsbildern die Gefühle Gassi gehen, wenn die Trennung unmittelbar bevorsteht. Und wo denn sonst, bitteschön, kann man als Mann seinen Gefühlen derart freien Lauf lassen und sich dabei von Tausenden im Stadion und Millionen vor den Fernsehschirmen zuschauen lassen? Das geht nur in der Reality-Show namens Bundesliga. Privat würde man das nie machen.

Er war aber auch gefühlsduselig, dieser Samstag. Aaron Hunt, der sich bei den Vertragsverhandlungen mit Werder Bremen offenbar verpokert hat und deshalb nach zehn Jahren gehen muss, lief mit seinem sechsjährigen Sohn Fin Ashley ins Stadion ein und sagte später: „Er sollte diesen besonderen Moment mit mir teilen.“ Werder-Trainer Robin Dutt sekundierte, von Abschiedsschmerz geplagt: „Es war toll für Aaron. Gleichzeitig wird einem bei seinen Toren vor Augen geführt, was uns im nächsten Jahr fehlen wird.“

Robert Lewandowski, der von Borussia Dortmund zum FC Bayern München wechselt, stand am Ende ganz allein und klein vor einer menschlichen Wand namens Südtribüne und machte einen Diener. „Meine Emotionen sind noch immer sehr hoch“, stammelte er hinterher. Sein Cheftrainer Jürgen Klopp ergänzte aufgewühlt: „Ich bin stolz, dass so etwas in dieser manchmal so aufgeblasenen Fußballwelt noch möglich ist.“

Und selbst Armin Veh, der schon jede Höhe und Tiefe des Business miterlebt hat, hatte im letzten Heimspiel mit Frankfurt eine Träne im Knopfloch, als ihn die Eintracht-Fans mit Sprechchören feierten. „Es ist so, dass ich auch eine sensible Seite habe, die dann zum Tragen kommt“, sagte der Trainer schmunzelnd. Worauf der Fernsehreporter, von so viel Emotionalität mitgerissen, fragte: „...und die bisher nur Ihre Frau kannte?“ Darauf Veh, gerührt: „Nicht nur meine Frau, auch mein Hund.“

Ter Stegen, Lewandowski, Veh, Hunt und Hund – war er nicht zum Heulen schön, dieser vorletzte Bundesliga-Spieltag der Saison? Machen wir lieber Schluss. Bevor sich diese Zeitung unter Ihren Augen zu Pappmaschee verwandelt.

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